15.08.2016
Toni Erdmann
Filmzettel – Nummer 1162
Regie: Maren Ade; Kamera: Patrick Orth; Darsteller: Peter Simonischek (Toni Erdmann), Sandra Hüller (Ines), Michael Wittenborn (Henneberg), Thomas Loibl (Gerald), Trystan Pütter (Tim); Länge: 162 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Der alt-68er Winfried ist ein 65jähriger Musiklehrer, der mit seinem Hund zusammenlebt. Seine Tochter Ines hingegen ist das genaue Gegenteil. Als ehrgeizige Unternehmensberaterin reist sie um die Welt von einem Projekt zum nächsten und steigt dabei immer höher auf der Karriereleiter. Vater und Tochter sehen sich eher selten, aber das wird schlagartig anders, als Winfrieds Hund stirbt und er daraufhin beschließt, Ines unangekündigt bei der Arbeit in Bukarest zu besuchen. Wegen seiner dauernden Scherze und der unterschwelligen Kritik an ihrem Lebensstil kracht es schon bald zwischen den beiden. Doch Winfried gibt nicht auf und verwandelt sich in sein alter Ego Toni Erdmann, mit schiefem Gebiss, schlecht sitzendem Anzug und einer wirren Perücke. Der schräge Vogel behauptet, der Personalcoach von Ines zu sein und bringt sie vor den Kollegen in peinliche Situationen. Aber die Verkleidung sorgt auch dafür, dass sich Vater und Tochter wieder näher kommen.

Kommentar

Die Erleichterung in der hiesigen Filmindustrie war spürbar, als Maren Ade mit ihrem dritten Spielfilm nach Cannes eingeladen wurde. Damit war Deutschland 2016 nach acht langen Jahren endlich wieder im Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals der Welt vertreten. Bekanntermaßen wurde "Toni Erdmann" zum Kritiker- und Publikumsliebling an der Croisette. Doch leider ignorierte die Jury den Film und seine Schauspieler bei der Preisvergabe völlig. Dabei ist der Regisseurin mit dem ihr eigenen Gespür für Humor und das Ausloten von Peinlichkeiten etwas Großes gelungen. So baut sie mit dem perfekten Schauspieler-Duo Peter Simonischek und Sandra Hüller eine unglaublich intensive Bindung auf und zeigt eine Vater-Tochter-Beziehung, die gleichzeitig eine Art Abgesang auf das 20.Jahrhundert darstellt. Das geschieht ohne Wehmut und Anklage, wie ein präziser Chirurg seziert sie die Beziehungsgeflechte zwischen Vater und Tochter, wobei alle Beteiligten ernst genommen werden und ihre Geheimnisse behalten. Es wird wenig erklärt, obwohl Maren Ade sich sehr viel Zeit lässt, um Spannung aufzubauen und ihre Geschichte zu entwickeln. Das erfordert ein Höchstmaß an Souveränität, denn 162 Minuten Familiendrama sind eine ziemliche Herausforderung, auch wenn es viel zu sehen, zu lachen und zu schmunzeln gibt.