18.07.2016
Vor der Morgenröte
Filmzettel – Nummer 1158
Regie: Maria Schrader; Kamera: Wolfgang Thaler; Musik: Tobias Wagner; Darsteller: Josef Hader (Stefan Zweig), Barbara Sukowa (Friderike Zweig), Aenne Schwarz (Lotte Zweig), Matthias Brandt (Ernst Feder), Charly Hüber (Ernst Ludwig); Länge: 106 min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

1934 befindet sich der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Doch seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird deren Einfluss auch in Zweigs Heimatland immer größer. Als die antisemitischen Drangsalierungen zunehmen, entschließt er sich ins Exil zu gehen. Über London, wo er die Scheidung von seiner ersten Frau einreicht, über Buenos Aires, wo er wie ein Staatsmann gefeiert wird, und New York, führt ihn der Weg
mit seiner jungen zweiten Frau schließlich in ein kleines brasilianisches Dorf unweit von Rio. Während ihm allerorten Gastfreundschaft und eine beinahe schon lästige Wertschätzung entgegengebracht wird, vermisst der Schriftsteller seine Heimat schmerzlich und kommt bis zu seinem tragischen Tod nicht zur Ruhe.

Kommentar

Stefan Zweig ist heute zwar nicht mehr ganz so bekannt wie zu Zeiten von "Schachnovelle" oder "Sternstunden der Menschheit". Nichtsdestoweniger liefert sein Schicksal einen beeindruckenden Hintergrund für eine Zeit, als Millionen Menschen - genau wie heute - auf der Flucht waren. Überzeugend spielt der normalerweise schwarzgallig auftretende österreichische Kabarettist Josef Hader, vor allem bekannt aus den Brenner-Filmen, den sensiblen, ambivalenten Schriftsteller - ohne jede Tendenz zur Übertreibung. Auch die Fassbinder-Heroine Barbara Sukowa verleiht dem Film einen ganz besonderen Spirit. Hinzu kommt der Kameramann Wolfgang Thaler, der u.a. den Stil der Ulrich-Seidl-Filme (z.B. in der sog. Paradies-Trilogie) geprägt hat. Bemerkenswert eine gezeigte Episode vom Schriftsteller-Kongress in Buenos Aires 1936, als Zweig aufgefordert wird, sich eindeutig gegen Hitler-Deutschland auszusprechen. "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungsbedürftig", erwidert es seinen Kollegen. In seinem Abschiedsbrief aus dem Jahr 1942 heißt es "Ich grüße alle meine Freunde. Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht."