Archiv

19.06.2017
Expedition Happiness
Filmzettel – Nummer 1206 (drucken)
Regie: Felix Starck; Länge: 101 min; Spielfilm; Deutschland 2017

Inhalt

Mit seiner Fahrrad-Dokumentation „Pedal The World“ wurde er berühmt, nun geht Felix Starck erneut auf Reisen und hält seinen Trip als Dokumentation fest. Doch anstatt auf zwei Rädern mit Leichtmetallfelgen geht es in „Expedition Happiness“ dieses Mal in einem 13 Meter langen und 18 Tonnen schweren Schulbus auf Tour, den Starck und seine Freundin Selima Taibi eigens für die Reise zu einer Art Wohnmobil umgebaut haben. Nachdem sie gemeinsam mit Berner Sennenhund Rudi einmal quer durch Kanada gereist sind, wollen sie nun den amerikanischen Kontinent vom höchsten Norden bis zum südlichsten Zipfel hinunterfahren – von Alaska bis Argentinien soll die neue Reise mit dem umgebauten Schulbus gehen. Unterwegs führt Starck ein Videotagebuch über die erlebten Abenteuer.
12.06.2017
DIE HÜTTE - EIN WOCHENENDE MIT GOTT
Filmzettel – Nummer 1205 (drucken)
Regie: Stuart Hazeldine; Länge: 133 min; Spielfilm; USA 2017

Inhalt

Mackenzie „Mack“ Allen Philips (Sam Worthington) ist Familienvater. Während eines Ausflugs wird seine jüngste Tochter Missy (Amélie Eve) entführt, Indizien in einer verlassenen Berghütte nicht weit von dem Campingplatz, auf dem die Familie wohnte, deuten auf die Ermordung des Mädchens hin. Vier Jahre nach Missys Verschwinden bekommt Mack, der seit ihrem Tod in Trauer und Schuldgefühlen versunken ist, einen Brief, der nur mit „Papa“ unterzeichnet ist. Der Absender möchte sich mit Mack in der Hütte treffen – aber wer ist diese fremde Person? Mack hat unterschiedliche Theorien: Kommt das Schreiben von seinem Vater? Stammt es von dem Mörder? Oder hat es gar Gott verfasst, den Macks Frau Nan (Radha Mitchell) „Papa“ nennt? In der Hütte angekommen, trifft Mack tatsächlich auf eine Frau, die behauptet, Gott zu sein...
05.06.2017
Ein Dorf sieht schwarz
Filmzettel – Nummer 1204 (drucken)
Länge: 110 min; Spielfilm; Frankreich 2017

Inhalt

Im Jahr 1975 zieht der kongolesische Arzt Seyolo Zantoko (Marc Zinga) mit seiner Familie fort aus der Heimat – denn Seyolo hat sich entschlossen, ein Stellenangebot in dem kleinen Dorf Marly-Gomont im Norden Frankreichs anzunehmen und einen Neuanfang in einem fremden Land zu wagen. Dort hofft die Familie aus dem Kongo ein europäisches Großstadtleben wie aus dem Bilderbuch vorzufinden, doch die Realität ist weit weniger glamourös: Die Einwohner des Dorfes haben noch nie zuvor einen Menschen aus Afrika gesehen und sind anfangs wenig begeistert von ihrem neuen Arzt, Ganz im Gegenteil tun sie sogar ihr Bestes, um den Neuankömmlingen das Leben schwer zu machen. Doch so leicht lassen sich Seyolo, seine Frau Anne (Aïssa Maïga), ihr Sohn Kamini (Bayron Lebli) sowie Tochter Sivi (Médina Diarra) nicht unterkriegen…
29.05.2017
Lion - Der lange Weg nach Hause
Filmzettel – Nummer 1203 (drucken)
Regie: Garth Davis; Länge: 118 min; Spielfilm; USA 2017

Inhalt

Mit fünf Jahren wird der kleine indische Junge Saroo (Sunny Pawar) von seiner Familie getrennt, woraufhin er sich schließlich tausende Meilen von Zuhause entfernt und verwahrlost in Kalkutta wiederfindet. Nach dieser beschwerlichen Odyssee nehmen ihn Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) auf, ein wohlhabendes australisches Ehepaar, das ihn in ihrer Heimat wie seinen eigenen Sohn aufzieht. Doch seine Wurzeln hat Saroo nie vergessen und so macht er sich als junger Mann (nun: Dev Patel) mit Hilfe seiner trüben Erinnerungen und Google Earth auf die Suche nach seiner wahren Mutter.
22.05.2017
Die andere Seite der Hoffnung
Filmzettel – Nummer 1202 (drucken)
Regie: Aki Kaurismäki; Länge: 100 min; Spielfilm; Finnland 2017

Inhalt

Der junge Syrer Khaled (Sherwan Haji) immigriert als blinder Passagier in die finnische Hauptstadt Helsinki. Dort beantragt er Asyl, ist aber skeptisch, was die Erfolgsaussichten des Antrags angeht. Als sein Asylgesuch wie erwartet abgelehnt wird, reist Khaled jedoch nicht in seine kriegsgebeutelte Heimat zurück, sondern bleibt ganz einfach illegal in Finnland. Eines Tages trifft er so auf den ehemaligen fliegenden Händler Wikström (Sakari Kuosmanen), der kürzlich sein Geschäft aufgegeben und seine Frau verlassen hat und nun Besitzer eines Restaurants ist. Wikström stellt Khaled als Putzkraft und Tellerwäscher an, besorgt ihm gefälschte Aufenthaltspapiere und für eine Weile scheint alles gut zu sein. 
15.05.2017
Wilde Maus
Filmzettel – Nummer 1201 (drucken)
Regie: Josef Hader; Länge: 113 min; Spielfilm; Österreich-Deutschland 2017

Inhalt

Georg (Josef Hader), etablierter Musikkritiker im Feuilleton einer Wiener Zeitung, verlangt eine Sonderbehandlung. Schließlich ist er ein Ass auf seinem Gebiet! Doch auch Asse sind nicht unantastbar: Das lernt Georg, als ihm von seinem Chef (Jörg Hartmann) wegen Sparmaßnahmen gekündigt wird. Seiner Frau Johanna (Pia Hierzegger) erzählt der gefeuerte Redakteur nichts vom Rauswurf, aber sie ist ohnehin nur damit beschäftigt, den nächsten Eisprung abzuwarten und ihren Kinderwunsch in die Tat umzusetzen. Georg sinnt indes auf Rache an seinem Ex-Chef und findet im ehemaligen Mitschüler Erich (Georg Friedrich) einen Komplizen.
08.05.2017
A United Kingdom
Filmzettel – Nummer 1200 (drucken)
Regie: Amma Asante; Länge: 111 min; Spielfilm; Frankreich 2016

Inhalt

Ende der 1940er Jahre erhält das afrikanische Land Botswana plötzlich international große Aufmerksamkeit: Der Prinz des Staates, Seretse Khama (David Oyelowo), verliebt sich auf einer Englandreise in die Londoner Büroangestellte Ruth Williams (Rosamund Pike). Aus einer anfänglichen Romanze entwickeln sich schnell Heiratspläne, was in der jeweiligen Heimat der beiden Liebenden für einen Aufschrei in der Bevölkerung sorgt. Seretse und Ruth stellen sich gegen den Willen ihrer Familien, des britischen Empire und der Obrigkeit Botswanas und beginnen ihren Kampf für Unabhängigkeit in Zeiten der Apartheid, um schließlich aus dem gesellschaftlich auferlegten Exil in ihr Königreich zurückkehren zu können.
01.05.2017
Der junge Karl Marx
Filmzettel – Nummer 1199 (drucken)
Regie: Raoul Peck; Länge: 118 min; Spielfilm; Frankreich-Deutschland-Belgien 2017

Inhalt

1844, kurz vor der industriellen Revolution, lebt der erst 26-jährige Karl Marx (August Diehl) mit seiner Frau Jenny (Vicky Krieps) im französischen Exil in Paris. Eines Tages wird ihm der junge Friedrich Engels (Stefan Konarske) vorgestellt, doch für den feinen Bourgeois und Sohn eines Fabrikbesitzers hat der andauernd bankrotte Familienvater Marx zunächst nur Verachtung übrig. Bald aber zeigt sich, dass die beiden mehr als nur denselben Humor gemeinsam haben. Engels hat kürzlich über die Verelendung des englischen Proletariats geschrieben und er liebt Mary Burns (Hannah Steele), eine Rebellin der englischen Arbeiterbewegung.
24.04.2017
Wo Worte nicht hinreichen - Rudolstadt Festival
Filmzettel – Nummer 1198 (drucken)
Regie: Josephine Links; Länge: 100 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Der Film „Wo Worte nicht hinreichen...“ begleitet Musiker, Fans und Veranstalter in persönlichen Geschichten vor und während des Rudolstadt-Festivals. Der Dokumentarfilm kommt dem norwegischen Sami-Musiker Torgeir Vassvik, der polnischen Sängerin Karolina Cicha und dem multinationalen Ensemble Eurasians Unity ganz nahe, wobei Künstler- und Festival-Porträt ineinander fließen. In poetischen Bildern macht der Film die verbindende Kraft der Musik spürbar und schickt die Zuschauer mitten hinein in vier berauschende Sommertage im Juli.
17.04.2017
Elle
Filmzettel – Nummer 1197 (drucken)
Regie: Paul Verhoeven; Länge: 126 min; Spielfilm; Deutschland 2017

Inhalt

Die Geschäftsfrau Michèle (Isabelle Huppert) ist erfolgreiche Leiterin einer großen Videospielfirma und gehört zu den großen Namen in der Branche. Ihren Erfolg verdankt sie vor allem ihrer rigorosen, rücksichtslosen Arbeitsweise, die auch ihre Konkurrenten zu spüren bekommen. In ihrem Liebesleben zeigt die Karrierefrau dieselbe unterkühlte Attitüde wie im Berufsleben. Doch als Michèle eines Tages in ihrem Zuhause von einem Fremden überfallen und brutal vergewaltigt wird, verändert sich ihr Leben schlagartig. Dass der Täter draußen unerkannt herumläuft, lässt Michèle keine Ruhe, doch Anzeige erstatten will sie nicht. Mit eisernem Willen entschließt sie sich dazu, auf eigene Faust die Spuren ihres Peinigers zu verfolgen, um sich an ihm zu rächen. Michèles riskantes Unterfangen gerät schon bald außer Kontrolle...
10.04.2017
Die Norm
Filmzettel – Nummer 1196 (drucken)
Regie: Guido Weihermüller; Länge: 113 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Der Dokumentarfilm DIE NORM begleitet die Protagonisten der Webdoku auf ihrem Weg durch die Qualifikation bis zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro im Sommer 2016. Fernab von glorifizierender Sportberichterstattung wird in den persönlichen Geschichten der Athleten ihre Motivation, das Überwinden von Hindernissen, Scheitern und Triumphieren zum emotionalen Spiegelbild unserer Leistungsgesellschaft. Ist dabei sein wirklich alles?
03.04.2017
The Salesman
Filmzettel – Nummer 1195 (drucken)
Regie: Asghar Farhadi; Länge: 123 min; Spielfilm; Iran 2016

Inhalt

Fluchtartig müssen Emad und Rana ihre Wohnung verlassen. Durch eine Beschädigung des Fundaments droht das Haus einzustürzen. Ein Bekannter stellt dem jungen Paar seine leerstehende Wohnung zur Verfügung, ein seltener Glücksfall in einer dicht besiedelten Stadt wie Teheran. Als Rana im Badezimmer von einem Unbekannten überrascht wird, erfahren sie, dass die Vormieterin neben persönlichen Gegenständen auch einen zweifelhaften Ruf hinterlassen hat. Rana weigert sich, die Polizei einzuschalten oder auch nur über den Vorfall zu sprechen. Also macht sich Emad selbst auf die Suche nach dem Täter. Zunehmend verstrickt sich das Paar in einem Geflecht aus Scham und Schuldzuweisungen und droht schließlich daran zu zerbrechen...
27.03.2017
Kundschafter des Friedens
Filmzettel – Nummer 1194 (drucken)
Regie: Robert Thalheim; Länge: 93 min; Spielfilm; Deutschland 2017

Inhalt

Der etwas heruntergekommene Pensioner Jochen Falk, einst legendärer TOP-Spion der Auslandsaufkärung der DDR wird vom ehemaligen Erzfeind BND für eine heikle Mission angeworben. Er willigt unter der Bedingung ein, den Auftrag mit seiner alten Truppe durchzuziehen. Quelle: Kundschafter Filmproduktion Jochen Falk lässt sich seine Überraschung nicht anmerken, als ihn der BND zu einem Gespräch bittet. Als ehemaliger DDR-Spion hat er nur Verachtung für die "Amateurtruppe" übrig, vor allem, nachdem er vor über 30 Jahren vom West-Agenten Frank Kern enttarnt wurde. Doch der BND braucht seine Hilfe, um den designierten Präsidenten einer ehemaligen Sowjetrepublik aufzuspüren, der zusammen mit einem BND-Agenten entführt worden ist - und dieser Agent ist ausgerechnet Kern.
20.03.2017
Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen
Filmzettel – Nummer 1193 (drucken)
Regie: Theodore Melfi; Länge: 127 min; Spielfilm; USA 2016

Inhalt

"Hidden Figures" erzählt die Geschichte von Katherine Johnson, Dorothy Vaughn und Mary Jackson - herausragende afro-amerikanische Frauen, die bei der NASA gearbeitet haben und in dieser Funktion als brillante Köpfe einer der größten Unternehmungen in der Geschichte gelten: Sie haben den Astronauten John Glenn in die Umlaufbahn geschickt. Eine fantastische Errungenschaft, die der Nation neues Selbstbewusstsein gab, das Rennen im Weltall neu definitierte und die Welt aufrüttelte. Dieses visionäre Trio überschritt jegliche Geschlechts- und Rassengrenzen und inspirierte Generationen, an ihren großen Träumen festzuhalten.
13.03.2017
Die Blumen von gestern
Filmzettel – Nummer 1192 (drucken)
Regie: Chris Kraus; Länge: 125 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Eine irgendwie doch sehr romantische Komödie am Rande des Abgrunds: Mitten in der tiefsten Lebenskrise wird dem Holocaust-Forscher Toto eine Assistentin zur Kongress-Vorbereitung zugeteilt - Zazie, jüdischer Herkunft und mit ausgeprägter Teutonen-Phobie. Der Stargast des Kongresses, eine berühmte Schauspielerin, zieht plötzlich die Zusage zurück und zwischen Totos und Zazies Biografien tauchen bizarre Verbindungen auf.
06.03.2017
Manchester by the Sea
Filmzettel – Nummer 1191 (drucken)
Regie: Kenneth Lonergan; Länge: 137 min; Spielfilm; US 2016

Inhalt

Lee Chandler ist ein schweigsamer Einzelgänger, der als Handwerker eines Wohnblocks in Boston arbeitet. An einem feuchtkalten Wintertag erhält er einen Anruf, der sein Leben auf einen Schlag verändert. Das Herz seines Bruders Joe steht still. Nun soll Lee die Verantwortung für seinen 16-jährigen Neffen Patrick übernehmen. Äußerst widerwillig kehrt er in seine Heimat, die Hafenstadt Manchester-by-the-Sea, zurück. Doch ist Lee dieser Situation und der neuen Herausforderung gewachsen? Kann die Begegnung mit seiner Frau Randi, mit der er einst ein chaotisches, aber glückliches Leben führte, die alten Wunden der Vergangenheit heilen?
27.02.2017
Paula
Filmzettel – Nummer 1190 (drucken)
Regie: Christian Schwochow ; Länge: 123 min; Spielfilm; DE 2016

Inhalt

Sie hat den deutschen Expressionismus geprägt wie kaum eine andere - Paula Modersohn-Becker. Mit „Paula“ verfilmt Christian Schwochow nun die faszinierende Geschichte dieser hochbegabten Künstlerin und radikal modernen Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Paula Modersohn-Becker lebte gegen alle Widerstände und mit unbändiger Kraft ihre Vision von künstlerischer Selbstverwirklichung und ihre romantische Vorstellung von Ehe und Liebe.
20.02.2017
Die Überglücklichen
Filmzettel – Nummer 1189 (drucken)
Regie: Paolo Virzi ; Länge: 116 min; Spielfilm; IT 2016

Inhalt

Zwei Psychiatrie-Patientinnen freunden sich trotz ihres sehr unterschiedlichen Naturells an. Die eine neigt zu hysterischen Ausbrüchen, während die andere eher introvertiert ist. Gemeinsam planen sie, aus der Klinik auszubrechen.
13.02.2017
Paterson
Filmzettel – Nummer 1188 (drucken)
Regie: Jim Jarmush; Länge: 118 min; Spielfilm; US 2016

Inhalt

Paterson arbeitet als Busfahrer in einer Kleinstadt, die genauso heißt wie er selbst: Paterson im US-Bundesstaat New Jersey. Jeden Tag geht er dort seiner Routine nach – er fährt dieselbe Route, beobachtet dabei das Geschehen außerhalb seiner Windschutzscheibe und hört Bruchstücke von Gesprächen seiner Passagiere. In seiner Mittagspause setzt er sich in einen Park und schreibt Gedichte in sein kleines Notizbuch.
06.02.2017
Jacques - Entdecker der Ozeane
Filmzettel – Nummer 1187 (drucken)
Regie: Jerome Salle; Länge: 123 min; Spielfilm; FR 2016

Inhalt

Frankreich, 1949: Jacques Cousteau (Lambert Wilson) lebt mit seiner Frau Simone (Audrey Tautou) und den beiden Söhnen in einem paradiesischen Haus am Mittelmeer. Er und Simone träumen vom Abenteuer und der Ferne. Gemeinsam bricht das Paar an Bord der Calypso zu einer Expedition über die Ozeane auf und lässt die Kinder im Internat zurück. Als der erwachsene Philippe (Pierre Niney) nach Jahren zu seinen Eltern auf das Schiff zurückkehrt, erkennt er seinen Vater kaum wieder.
30.01.2017
Die Mitte der Welt
Filmzettel – Nummer 1186 (drucken)
Regie: Jakob M. Erwa; Länge: 115 min; Spielfilm; DE 2016

Inhalt

Der siebzehnjährige Phil ist auf der Suche. So wenig er über seine Vergangenheit und vor allem seinen Vater weiß, so chaotisch ist seine Gegenwart: Mit seiner Mutter Glass, die mal wieder einen neuen Liebhaber hat, der allerdings nicht so schnell aufzugeben scheint wie seine Vorgänger, und mit seiner Zwillingsschwester Dianne, die sich immer mehr in ihre eigene Welt zurückzieht. Louis Hofmann und Janine Schümann spielen die Hauptrollen in der Verfilmung des Bestsellers von Andreas Steinhöfel.
23.01.2017
Raving Iran
Filmzettel – Nummer 1185 (drucken)
Regie: Susanne Regina Meures; Länge: 101 min; Spielfilm; CH 2016

Inhalt

Die beiden Brüder Anoosh und Arash bewegen sich im Zentrum von Teherans Untergrund-Techno-Szene. Doch sie haben es satt, sich dauernd vor der Polizei zu verstecken, und so organisieren sie einen letzten großen Rave in der Wüste. Zurück in der Stadt wird Anoosh verhaftet, und alle Hoffnung scheint verloren. Nachdem die Aufnahmen aus dem Iran geschmuggelt wurden, entstand in der Schweiz ein beeindruckender Film über Menschen, die sich für ihre Leidenschaft über das Gesetz hinwegsetzen.
16.01.2017
Ich, Daniel Blake
Filmzettel – Nummer 1184 (drucken)
Regie: Ken Loach ; Länge: 101 min; Spielfilm; GB 2016

Inhalt

Der 59-jährige Schreiner Daniel Blake aus dem Nordosten Englands verletzt sich bei der Arbeit, so dass er auf Sozialhilfe angewiesen ist. Während er sich durch die Mühlen der Bürokratie kämpft, lernt er die allein erziehende Mutter Katie kennen. In Cannes wurde der neue Film von Regie-Altmeister Ken Loach dieses Jahr als bester Film ausgezeichnet.
09.01.2017
Ostfriesisch für Anfänger
Filmzettel – Nummer 1183 (drucken)
Regie: Gregory Kirchhoff ; Länge: 91 min; Spielfilm; DE 2016

Inhalt

Uwe Hinrichs (Dieter Hallervorden) ist ein vereinsamter Eigenbrötler, der konsequent Plattdeutsch spricht und sich als den letzten "echten Ostfriesen" bezeichnet. Mit Globalisierung und der modernen Welt hat er nichts am Hut. Als plötzlich in sein gepfändetes Haus eine Gruppe ausländischer Fachkräfte einquartiert wird, dreht er durch und muss wider Willen plötzlich den Integrationstest für diese "Utländer" übernehmen. Kulturen, Konflikte und Erwartungen prallen aufeinander.
02.01.2017
Florence Foster Jenkins
Filmzettel – Nummer 1182 (drucken)
Regie: Stephen Frears; Länge: 110 min; Spielfilm; GB / FR 2016

Inhalt

Der Film erzählt die wahre Geschichte der gleichnamigen legendären New Yorker Erbin und exzentrischen Persönlichkeit. Geradezu zwanghaft verfolgt sie ihren Traum, eine umjubelte Opernsängerin zu werden. Es gibt nur ein winziges Problem: Die Stimme! Denn was Florence in ihrem Kopf hört, ist wunderschön - für alle anderen jedoch klingt es einfach nur grauenhaft. Meryl Streep und Hugh Grant in einem Film von Stephen Frears („Die Queen“).
26.12.2016
LaLaLand (Musical Vorpremiere)
Filmzettel – Nummer 1181 (drucken)
Regie: Damien Chazelle ; Länge: 128 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Die leidenschaftliche Schauspielerin Mia und der charismatische Jazzmusiker Sebastian suchen das große Glück in Los Angeles. Sie halten sich mit Nebenjobs über Wasser und nachdem sich ihre Wege zufällig kreuzen, verlieben sie sich Hals über Kopf ineinander. Gemeinsam schmieden sie Pläne für ihre Zukunft auf der Bühne und genießen den Zauber der jungen Liebe in "La La Land" - der Stadt der Träume.
19.12.2016
Gleißendes Glück
Filmzettel – Nummer 1180 (drucken)
Regie: Sven Tadikken ; Länge: 101 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Gefangen in einer scheiternden Ehe, verliert Helene Brindel ihre Hoffnung endgültig, als sie sich auch noch von Gott verlassen fühlt. In dem gefeierten Psychologe Eduard E. Gluck sieht sie ihren Schlüssel zur Selbstbefreiung. Doch der charismatische Gluck hat mit seinen ganz eigenen Dämonen zu kämpfen. Als er und Helene aufeinandertreffen, entsteht ein treibender Sog zwischen zwei scheinbar gegensätzlichen Menschen.
12.12.2016
Welcome to Norway
Filmzettel – Nummer 1179 (drucken)
Regie: Rune Denstand Langlo ; Länge: 113 min; Spielfilm; Norwegen 2016

Inhalt

Primus ist ein wenig erfolgreicher Hotelier mit großen Visionen und noch größerer Abneigung gegen Fremde. Trotzdem sind die Flüchtlingsströme ein willkommenes Geschenk für ihn, denn dank ihnen kann er aus seinem pleite gegangenen Hotel im norwegischen Norden doch noch eine Menge Geld holen – er bietet es einfach als Flüchtlingsunterkunft an und kassiert so Subventionen vom Staat.
05.12.2016
Frantz
Filmzettel – Nummer 1178 (drucken)
Regie: François Ozon ; Länge: 113 min; Spielfilm; Frankreich / Deutschland 2016

Inhalt

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg in einer deutschen Kleinstadt geht Anna jeden Tag zum Grab ihres Verlobten Frantz, der in Frankreich gefallen ist. Eines Tages legt Adrien, ein junger Franzose, ebenfalls Blumen auf das Grab von Frantz. Das Geheimnis um Adriens Anwesenheit im Ort nach der deutschen Niederlage entfacht unvorhersehbare Reaktionen.
21.11.2016
Snowden
Filmzettel – Nummer 1177 (drucken)
Regie: Oliver Stone ; Länge: 134 min; Spielfilm; USA / Deutschland 2016

Inhalt

Verräter oder Held. Was trieb Edward Snowden dazu, geheime NSA-Dokumente zu veröffentlichen? War ihm bewusst, welchen Preis er dafür zahlen würde? Oscar®-Preisträger Oliver Stone bringt mit SNOWDEN das Leben des kontrovers diskutierten Whistleblowers Edward Snowden auf die große Leinwand und zeigt den Menschen hinter dem Mythos, der mit seinen Enthüllungen der Welt die Augen öffnete, dafür aber seine Karriere und Heimat aufgeben musste.
14.11.2016
Der Landarzt von Chaussy
Filmzettel – Nummer 1176 (drucken)
Regie: Thomas Lilie ; Länge: 102 min; Spielfilm; Frankreich 2016

Inhalt

Dr. Jean-Pierre Werner ist seit 30 Jahren Landarzt und in seiner Dorfgemeinschaft sehr beliebt. Als er erkrankt sieht er sich gezwungen die hübsche Ärztin Nathalie als Vertretung einzustellen. Das Problem ist nur, dass er sich für ziemlich unersetzbar hält...
07.11.2016
Frühstück bei Monsieur Henri
Filmzettel – Nummer 1175 (drucken)
Regie: Ivan Calbérac ; Länge: 95 min; Spielfilm; Frankreich 2015

Inhalt

Aus gesundheitlichen Gründen kann Monsieur Henri nicht länger alleine in seinem Pariser Apartment leben. Obwohl er nicht sonderlich begeistert davon ist, nimmt der alte Griesgram den Vorschlag seines Sohnes an und vermietet ein Zimmer an eine Studentin weiter. Dabei denkt er nicht daran, dem Charm der jungen Constance zu erliegen, sondern nutzt die junge Frau dazu, Chaos in seiner Familie zu stiften.
07.11.2016
TOMORROW – Die Welt ist voller Lösungen
Filmzettel – Nummer 1174 (drucken)
Regie: Cyril Dion, Mélanie Laurent; Länge: 120 min; Spielfilm; Frankreich 2015

Inhalt

Was, wenn es die Formel gäbe, die Welt zu retten? Was, wenn jeder von uns dazu beitragen könnte? Als die Schauspielerin Mélanie Laurent und der französische Aktivist Cyril Dion in der Zeitschrift "Nature" eine Studie lesen, die den wahrscheinlichen Zusammenbruch unserer Zivilisation in den nächsten 40 Jahren voraussagt, wollen sie sich mit diesem Horror-Szenario nicht abfinden. Schnell ist ihnen jedoch klar, dass die bestehenden Ansätze nicht ausreichen, um einen breiten Teil der Bevölkerung zu inspirieren und zum Handeln zu bewegen. Also machen sich die beiden auf den Weg. Sie sprechen mit Experten und besuchen weltweit Projekte und Initiativen, die alternative ökologische, wirtschaftliche und demokratische Ideen verfolgen. Was sie finden, sind Antworten auf die dringendsten Fragen unserer Zeit. Und die Gewissheit, dass es eine andere Geschichte für unsere Zukunft geben kann.
31.10.2016
24 Wochen
Filmzettel – Nummer 1173 (drucken)
Regie: Anne Zora Berrached; Länge: 102 min; Spielfilm; Deutschland 2016

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24.10.2016
The light between oceans
Filmzettel – Nummer 1172 (drucken)
Regie: Derek Ciafrance; Länge: 130 min; Spielfilm; Neuseeland 2016

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17.10.2016
Maggies Plan
Filmzettel – Nummer 1170 (drucken)
Regie: Rebecca Miller; Länge: 99 min; Spielfilm; USA 2015

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03.10.2016
Alles was kommt
Filmzettel – Nummer 1169 (drucken)
Regie: Mia Hansen-Løve; Kamera: Denis Lenoir; Darsteller: Isabelle Huppert (Nathalie Chazeaux), André Macon (Heinz Chazeaux), Roman Kalinka (Fabien), Edith Scob (Nathalies Mutter), Sarah Le Picard (Chloé); Länge: 98 min; Spielfilm; Frankreich 2016

Inhalt

Nathalie, End 50, unterrichtet an einem Pariser Gymnasium Philosophie, publiziert Aufsätze und Lehrbücher und lebt mit ihrem Mann in gepflegten bürgerlichen Verhältnissen. Die beiden Kinder sind aus dem Haus und das einzige Problem in ihrem Leben scheint ihre hypochondrische Mutter zu sein. Doch dann beginnt alles zu zerfallen. Heinz offenbart ihr, dass er eine jüngere Frau kenngelernt hat und sich trennen will, ihr Verlag deklariert ihre Bücher als altbacken und fordert eine Modernisierung, ihre exzentrische Mutter muss ins Altersheim. Allein ihr ehemaliger Schüler Fabien sorgt für einen Lichtblick, denn er scheint all das zu verkörpern, was Nathalie vermisst: Sicherheit, Souveränität und den positiven Blick in eine ungewisse Zukunft.

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"Dürfen emanzipierte Frauen noch den Abwasch erledigen?"- mit dieser hanebüchenen Frage wurde die Regisseurin bei einer Pressekonferenz auf der diesjährigen Berlinale konfrontiert. Sie zeigte sich verwundert über dieses offensichtliche Bedürfnis nach Eindeutigkeit, zumal sich all ihre Filme durch ein elegantes und sensibles Spiel mit Möglichkeiten auszeichnen. So ist die im Zentrum von "Alles was kommt" stehende Philosophin Nathalie weder eine in Konventionen gefangene Spießerin noch eine radikale Umstürzlerin. Allerdings besteht durch diese eher beiläufige Art der Darstellung die Gefahr, dass die Filme ein wenig dahinplätschern, die Dinge werden eigentlich nie auf den Punkt gebracht, Bezüge werden nur angedeutet, der Zuschauer muss die Verbindungen oft selber herstellen. Man folgt dabei einer fragil wirkenden Isabelle Huppert, die eine couragierte Frau gibt, die jedoch auf verlorenem Posten steht.
26.09.2016
Schweinskopf al dente
Filmzettel – Nummer 1168 (drucken)
Regie: Ed Herzog; Kamera: Philipp Sichler; Musik: Martin Probst; Darsteller: Sebastian Bezzel (Franz Eberhofer), Simon Schwarz (Rudi Birkenberger), Lisa Maria Potthoff (Susi), Eisi Gulp (Papa Eberhofer), Sigi Zimmerschied (Dienststellenleiter Moratschek) , Enzi Fuchs (Oma Eberhofer) ; Länge: 96 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Provinzpolizist Franz Eberhofer hat Liebeskummer, denn seine Freundin Susi ist an den Gardasee zu einem Italiener abgehauen. Während Franz' Vater und die rüstige Oma einen Familientrip in den Süden planen um das Madel zurückzuholen, plagen den Franz noch ganz andere Sorgen. Nachdem sein Chef Moratschek einen abgetrennten Schweinskopf in seinem Bett vorgefunden hat, zieht er in Panik zu den Eberhofers. Denn es steckt wahrscheinlich Dr.Küstner dahinter, ein psychopatischer Mörder, den der Moratschek einst hinter Gitter gebracht hat und der aus dem Zuchthaus abgehauen ist. Nun muss Franz an zwei Stellen dafür sorgen, dass er sein Leben wieder auf die bajuwarische Reihe kriegt.

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Auch in dieser dritten Verfilmung eines Rita Falk - Krimis geht es wieder um Zustände in Niederkaltenkirchen, gelegen in der tiefsten bayerischen Provinz. Das Ensemble der Filmemacher und Schauspieler ist trefflich eingespielt, ergänzt um den niederbayerischen Regisseur und Autor Stefan Betz, der dieser Kriminalposse einen kräftigen Schuss fast schon "österreichischer" Absurdität mitgegeben hat, die an Filme mit Josef Hader erinnert. Und für alle, die sich bei derlei Stimmungsfilmen köstlich zu amüsieren wissen: Ed Herzog hat bereits den vierten Eberhofer-Krimi namens "Griesnockerlaffäre" abgedreht.
19.09.2016
The Beatles: Eight days a week - The touring days
Filmzettel – Nummer 1167 (drucken)
Regie: Ron Howard; Kamera: Michael Wood; Musik: The Beatles; Darsteller: John, Paul, George and Ringo; Länge: 120 min; Dokumentarfilm; Großbritannien 2016

Inhalt

Genau vier Jahre dauerte die große Zeit der Beatlemania. Der Film erweckt diese Ausnahmezeit zu neuem Leben, indem er die vier Musiker in ihren frühen Tour-Jahren begleitet. Das beginnt im Hamburger Star Club 1962 und endet mit ihrem letzten gemeinsamen Konzert im Candlestick Park in San Francisco 1966. Anhand von bisher unveröffentlichten Live-Mitschnitten wird gezeigt, wie vier gänzlich unterschiedliche Persönlichkeiten als Band funktionierten. Glänzend recherchiert, dabei angenehm unaufdringlich inszeniert, erlaubt der Streifen einen intensiven Blick auf ein Phänomen, welches die Welt eroberte.

Kommentar

Ron Howard ist im Kern ein Hollywood-Professional, der sich in allen Genres zu Hause fühlt. Seine Liebe zur Popmusik hat ihn zu dem Projekt geführt, die vermutlich einflussreichste Band aller Zeiten zu porträtieren. Dabei konzentriert er sich auf die Zeit zwischen 1962 und 1966, eine in vielerlei Hinsicht clevere Entscheidung: in logistischer Hinsicht, weil aus dieser Phase das üppigste Bildmaterial zur Verfügung steht, und im dramaturgischen Sinne, weil so ein perfekter Bogen über die unvermeidlichen Zyklen des Showbusiness geschlagen werden kann. Der Regisseur verwebt dabei auf gekonnte Weise Material aus dem Backstage-Bereich, von den Reisen, aus Aufnahmestudios und Fernseh-Shows. Hinzu kommen Hinweise auf die überragende Bedeutung der beiden Beatles-Manager und Produzenten Brian Epstein und George Martin sowie Interviews mit den beiden heute noch lebenden Band-Mitgliedern Paul McCartney und Ringo Starr. Howard gestaltet so für den Zuschauer einen faszinierenden Blick hinter die Kulissen. Die Montage von Bild und Musik verleiht dem Film zudem eine Dynamik, die einen einfach mitreisst. Es ist, als würde man jene wundervollem Jahre noch einmal hautnah miterleben.
12.09.2016
Captain Fantastic
Filmzettel – Nummer 1166 (drucken)
Regie: Matt Ross; Kamera: Stéphane Fontaine; Musik: Alex Somers; Darsteller: Viggo Mortensen (Ben), Frank Langella (Jack), George Mackay (Bo), Samantha Isler (Kielyr), Annalise Basso (Vespyr); Länge: 120 min; Spielfilm; USA 2016

Inhalt

Tief in den nordwestlichen Wäldern der USA haben der hochgebildete Ben und seine buddhistische Frau Leslie ein eigenes Refugium für sich und ihre sechs Kinder geschaffen. In mühsamer Handarbeit haben sie ein Anwesen errichtet, auf dem sie sich selbst versorgen können und wo Ben seinen Kindern alles Notwendige beibringt, um in der Wildnis zu überleben. Dazu gehört neben einem knallharten Training auch ein Bildungsgrad, der weit über das hinausgeht, was bei ihren Altersgenossen im Lande üblich ist. Als sich die schwer depressive Leslie das Leben nimmt, begibt sich Ben mit seinen Kindern zurück in die normale Welt, um den letzten Wunsch seiner Frau zu erfüllen. Dort muss er erleben, wie seine Kinder auf das Heftigste mit den Errungenschaften des Konsum-Kapitalismus konfrontiert werden.

Kommentar

Man sieht der warmherzigen Inszenierung des Stoffs an, dass sie erfährungsgetränkt ist, denn die Mutter des Regisseurs lebte lange Zeit in hippieartigen Kommunen. Dementsprechend versteht er es, die Utopie einer naturnahen, antikapitalistischen Lebensweise eindringlich darzustellen. Und aus dem zuweilen etwas plakativ dargestellten Kontrast zwischen Naturidylle und Konsumismus, hoher Bildung und Pseudowissen, schlägt Ross etliche humoristische Funken. Doch je länger sich Ben's Sprösslinge in der Zivilisation aufhalten, umso mehr treten die Defizite einer außerschulischen Erziehung in der Einsamkeit zutage. Seine Kinder sind auf die moderne Welt nicht vorbereitet. Nur aus Büchern stammt ihr Wissen über die Welt, nur in der Theorie sind sie geschult und von der Lebenspraxis daher schnell überfordert. Für Ben und seine Frau war der Ausstieg aus der Gesellschaft einst eine freie Entscheidung, die ganz bewusst getroffen wurde. Doch ihre Kinder hatten diese Wahl nicht. Der Film regt auf jeden Fall zum Nachdenken an, z.B. über die Frage, warum die Höhepunkte des Hippietums heutzutage fast nur noch in der Werbung eine Rolle spielen.
05.09.2016
Unterwegs mit Jacqueline
Filmzettel – Nummer 1165 (drucken)
Regie: Mohamed Hamidi; Kamera: Elin Kirschfink; Musik: Ibrahim Maalouf; Darsteller: Fatsah Bouyamed (Fatah), Lambert Wilson (Philippe), Jamel Debbouze (Hassan); Länge: 92 min; Spielfilm; Frankreich 2016

Inhalt

Fatah ist ein glücklich verheirateter Kleinbauer, der in einem algerischen Dorf lebt. Neben seinen beiden wohlgeratenen Töchtern ist Jacqueline sein ganzer Stolz - eine milchkaffebraune Tarentaise-Kuh mit sanften Riesenaugen. Sein größter Traum ist es, sie auf der Landwirtschaftsmesse in Paris zu präsentieren. Und eines Tages geht sein Traum in Erfüllung: Fatah kann nach Paris fahren, um Jacqueline beim Wettbewerb um Frankreichs schönste Kuh vorzustellen. Also macht er sich gegen den Willen seiner Frau mit Jacqueline auf die abenteuerliche Reise. Doch bevor die beiden in Paris ankommen, erleben sie die unglaublichsten Sachen.

Kommentar

Wer kennt nicht den Film "Ziemlich beste Freunde" - seine Macher stehen auch hinter "Unterwegs mit Jacqueline". Hier lautet das Thema "Culture Clash zwischen Frankreich und Algerien", wobei die real existierenden Probleme auf diesem Gebiet (Terrorangst, Erfolge des Front National) zugunsten einer komödienhaften Story ausgeblendet werden. Vorbild für den Film ist der französische Klassiker "La vache et le prisonnier" (deutscher Titel : "Ich und die Kuh") von Henri Verneuil, mit dem legendären Fernandel in der Hauptrolle. In einer Szene auf Philippes Schloss sieht Fatah sogar genau diesen Film und ist zu Tränen gerührt. Denn er ist ein hypersensibler Träumer und damit alles andere als ein zupackender Landwirt. Aus diesem Gegensatz bezieht die Story einen Großteil ihrer liebenswürdigen Situationskomik.
Dazu gibt es einen tollen jazzig orientalischen Soundtrack.
29.08.2016
Race - Zeit für Legenden
Filmzettel – Nummer 1164 (drucken)
Regie: Stephen Hopkins; Kamera: Peter Levy; Musik: Rachel Portman; Darsteller: Stephan James (Jesse Owens), Jason Sudeikis (Larry Snyder), Eli Goree (Dave Albritton), Shanice Banton (Ruth Salomon), Carice Van Houten (Leni Riefenstahl), David Kross (Lutz Long), Jeremy Irons (Avery Brundage), William Hurt (Jeremiah Mahoney); Länge: 118 min; Spielfilm; Kanada 2016

Inhalt

Der 20jährige Jesse Owens, ein begabter Läufer aus einer bescheidenen schwarzen Familie in Cleveland, erhält 1933 ein Stipendium für die Ohio State University. Dort erkennt der Trainer Larry Snyder das außergewöhnliche Talent des jungen Mannes und trimmt seinen Schützling auf Olympia-Kurs. Dieser ist wie die anderen schwarzen Athleten zwar den ständigen Hänseleien der weißen Football-Spieler ausgesetzt, doch als er im Mai 1935 drei Weltrekorde aufstellt, wird er in seiner Heimat zum Star und für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgestellt. Als er aber mitbekommt, dass die Nationalsozialisten die Spiele auch für ihre rassistische Propaganda nutzen wollen, erwägt er zunächst einen Boykott. Da sich Avery Brundage, der Präsident des US-amerikanischen Olympischen Komitees, dann für eine Teilnahme der USA ausspricht, fährt auch Owens mit nach Berlin. Dort führt er bekanntermaßen mit vier triumphalen Goldmedaillen die Rassenideologie ad absurdum.

Kommentar

Jesse Owens gilt ohne Zweifel als einer der größten Leichtathleten aller Zeiten. Der Film des auf Jamaika geborenen Regisseurs Stephen Hopkins setzt ihm ein besonderes Denkmal, zumal die Wirkung des farbigen Sprinters weit über den sportlichen Bereich hinausging. Gezeigt wird sein legendärer Triumph vor einem ihm offiziell feindlich gesonnenen Publikum, das er bald im Sturm erobert. Dank Digitaltechnik wird das Berliner Massenpublikum im damaligen Olympia-Stadion überzeugend nachgestellt. Während ausgerechnet im NS-Staat die Umkleidekabinen nicht - wie in den USA - für Schwarze und Weiße getrennt sind, muss er daheim im luxuriösen New Yorker Hotel Waldorf Astoria anlässlich der Olympiasieger-Ehrung auf Anweisung eines Portiers den Hintereingang für Dienstboten benutzen. Leider ist der Film an einigen Stellen historisch nicht ganz korrekt, so etwa bei der Behauptung, dass auf persönliche Anweisung von Goebbels ein jüdischer US-Staffelläufer vom Wettkampf ausgeschlossen worden sei. Hier handelt es sich wahrscheinlich um eine Konzession an das amerikanische Publikum.
22.08.2016
Nur Fliegen ist schöner
Filmzettel – Nummer 1163 (drucken)
Regie: Bruno Podalydès; Kamera: Claire Mathon); Darsteller: Bruno Polyadès (Michel), Agnés Jaoui (Laetitia), Sandrine Kiberlain (Rachelle), Vimala Pons (Mila), Denis Polyadès (Rémi); Länge: 105 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Mit 50 Jahren verläuft das Leben von Michel in geordneten Bahnen. Der Grafikdesigner arbeitet wochentags von neun bis fünf, ist verheiratet und die Kinder sind schon aus dem Haus. Doch die alltägliche Routine fängt an, ihm gehörig auf die Nerven zu gehen.Eines Tages sieht er das Foto eines Kajaks im Internet und ist sofort hellauf begeistert von der Idee, ein solches Transportmittel selber zusammenzubauen und damit auf Reisen zu gehen. Seine lebenskluge Frau Rachelle hat Verständnis für den Freiheitsdrang ihres Mannes und fährt ihn kurzerhand zu einem kleinen Fluss. Doch Michel kommt nicht weit. Nach ein paar Kilometern landet er im idyllischen Ambiente eines Ausflugslokals und trifft dort auf eine ländliche, exzentrische Bohème. Vor allem die dort lebenden Frauen haben es ihm angetan.

Kommentar

Die Flucht aus dem Alltag, insbesondere in eine Natur, die noch Abenteuer bereithält, ist ein beliebtes Motiv in der heutigen Literatur und im zeitgenössischen Film. Dazu gehören z.B. Streifen wie "Picknick mit Bären" oder "Ich bin dann mal weg". Auf ähnlichen Fluchtwegen wandelt hier der bekannte französische Regisseur Bruno Polyadès, der selber die Hauptrolle spielt. In gemächlichem Tempo und mit geschliffenen Dialogen wird die Story erzählt, wobei die leichtfüßige Inszenierung mit einer Prise Poesie und gelegentlichen Slapstick-Einlagen gewürzt ist. Außerdem werden zahlreiche märchenhafte Motive verwendet: Das gilt für den Gasthof, der einem verwunschenen Schloss ähnelt, ebenso wie für die Gelassenheit der Figuren, die nichts aus der Ruhe bringen kann, sowie für den traumhaften Schluss. Abgerundet wird die relaxte Atmosphäre vom stimmungsvollen Soundtrack, aus dem mehrere Lieder von Georges Moustaki hervorstechen.
15.08.2016
Toni Erdmann
Filmzettel – Nummer 1162 (drucken)
Regie: Maren Ade; Kamera: Patrick Orth; Darsteller: Peter Simonischek (Toni Erdmann), Sandra Hüller (Ines), Michael Wittenborn (Henneberg), Thomas Loibl (Gerald), Trystan Pütter (Tim); Länge: 162 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Der alt-68er Winfried ist ein 65jähriger Musiklehrer, der mit seinem Hund zusammenlebt. Seine Tochter Ines hingegen ist das genaue Gegenteil. Als ehrgeizige Unternehmensberaterin reist sie um die Welt von einem Projekt zum nächsten und steigt dabei immer höher auf der Karriereleiter. Vater und Tochter sehen sich eher selten, aber das wird schlagartig anders, als Winfrieds Hund stirbt und er daraufhin beschließt, Ines unangekündigt bei der Arbeit in Bukarest zu besuchen. Wegen seiner dauernden Scherze und der unterschwelligen Kritik an ihrem Lebensstil kracht es schon bald zwischen den beiden. Doch Winfried gibt nicht auf und verwandelt sich in sein alter Ego Toni Erdmann, mit schiefem Gebiss, schlecht sitzendem Anzug und einer wirren Perücke. Der schräge Vogel behauptet, der Personalcoach von Ines zu sein und bringt sie vor den Kollegen in peinliche Situationen. Aber die Verkleidung sorgt auch dafür, dass sich Vater und Tochter wieder näher kommen.

Kommentar

Die Erleichterung in der hiesigen Filmindustrie war spürbar, als Maren Ade mit ihrem dritten Spielfilm nach Cannes eingeladen wurde. Damit war Deutschland 2016 nach acht langen Jahren endlich wieder im Wettbewerb des wichtigsten Filmfestivals der Welt vertreten. Bekanntermaßen wurde "Toni Erdmann" zum Kritiker- und Publikumsliebling an der Croisette. Doch leider ignorierte die Jury den Film und seine Schauspieler bei der Preisvergabe völlig. Dabei ist der Regisseurin mit dem ihr eigenen Gespür für Humor und das Ausloten von Peinlichkeiten etwas Großes gelungen. So baut sie mit dem perfekten Schauspieler-Duo Peter Simonischek und Sandra Hüller eine unglaublich intensive Bindung auf und zeigt eine Vater-Tochter-Beziehung, die gleichzeitig eine Art Abgesang auf das 20.Jahrhundert darstellt. Das geschieht ohne Wehmut und Anklage, wie ein präziser Chirurg seziert sie die Beziehungsgeflechte zwischen Vater und Tochter, wobei alle Beteiligten ernst genommen werden und ihre Geheimnisse behalten. Es wird wenig erklärt, obwohl Maren Ade sich sehr viel Zeit lässt, um Spannung aufzubauen und ihre Geschichte zu entwickeln. Das erfordert ein Höchstmaß an Souveränität, denn 162 Minuten Familiendrama sind eine ziemliche Herausforderung, auch wenn es viel zu sehen, zu lachen und zu schmunzeln gibt.
08.08.2016
Sing street
Filmzettel – Nummer 1161 (drucken)
Regie: John Carney; Kamera: Yaron Orbach; Musik: The Clash, The Cure, Spandau Ballet, Duran Duran, u.v.a.m.; Darsteller: Ferdia Walsh-Peelo (Conor), Luca Boynton (Raphina), Aidan Gillen (Robert), Maria Doyle Kennedy (Penny), Jack Reynor (Brendan); Länge: 106 min; Spielfilm; Irland 2016

Inhalt

Dublin in den 80er Jahren. Inmitten von grauen Straßen und an einer katholischen Schule wächst der 15jährige Conor heran. Als Außenseiter gebrandmarkt, flüchtet er in die Welt des Pop und träumt von der schönen Raphina. Eines Tages nimmt er all seinen Mut zusammen, spricht sie an und fragt, ob sie in einem Musikvideo mitspielen möchte. Überraschenderweise sagt sie zu und nun hat Conor ein Problem, denn er hat noch keine Band. Kurzentschlossen trommelt er ein paar Schulfreunde zusammen und beginnt Songs zu schreiben. Und dann kommt der erste Auftritt auf dem Schulfest. Inspiriert von den Mitte der 80er Jahre gerade in Mode kommenden Musikvideos, fühlt sich Conor berufen, in die Fußstapfen von Bands wie Duran Duran, The Cure, The Clash oder Spandau Ballet zu treten.

Kommentar

Nach "Once" und "Can a song save your life ?" beschwört Regisseur John Carney erneut die Kraft der Musik. Dabei kehrt er zurück zu seinen irischen Wurzeln, was typischen britischen Sozialrealismus erzeugt und jede Menge höchst unterhaltsame Nostalgie. So drehen Conor und seine Bandkollegen in ausgewaschenen Jeans, Leder-Blousons, hochtoupierten Haaren und dramatisch geschminkten Augen ihre ersten Videos, amateurhaft zwar, doch getragen vom Glauben an die eigene Qualität. Die beliebten Hits der Eighties dürfen dabei natürlich nicht fehlen.
01.08.2016
Ferien
Filmzettel – Nummer 1160 (drucken)
Regie: Bernadette Knoller; Kamera: Anja Läufer; Musik: Paul Eisenach, Ryan Robinson ; Darsteller: Britta Hammelstein (Vivian Baumann), Detlef Buck (Vater Baumann), Jerome Hirthammer (Eric), Inga Busch (Biene), Ferdinand von Schirach (Otto),; Länge: 88 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Vivian Baumann ist auf dem besten Weg Staatsanwältin zu werden und mit ihrem Freund zusammenzuziehen. Doch die Aussicht auf einen neuen Lebensabschnitt überfordert sie und so hofft sie auf etwas Ruhe auf dem mütterlichen Sofa. Ihr Vater ist jedoch der Meinung, dass ein Urlaub ihr gut tun würde und so überredet er sie zu einem gemeinsamen Trip auf eine Insel. Dort geht er ihr schnell mit seinen gut gemeinten Ratschlägen auf die Nerven. Sie flüchtet sich in längere Spaziergänge und findet Gefallen an der Idee, länger auf der von lauter skurrilen Gestalten bewohnten Insel zu bleiben. Also nimmt sie einen Job in Ottos Krämerladen an und mietet sich bei der alleinerziehenden Biene ein.

Kommentar

Bernadette Knoller ist die älteste Tochter von Detlef Buck, dem eindeutig beliebtesten Regisseur in unserer Region. Sie hat mit einem kleinen Dokumentarfilm über die Käserei in Rögnitz angefangen, nun liegt mit "Ferien" ihr Abschlussfilm an der Filmhochschule "Konrad Wolf" in Potsdam vor. Dass ihr Vater die männliche Hauptrolle spielt, verleiht dem Film eine ganz besondere Note, zumal sich Buck, zumindest verbal, mal so richtig austoben darf. Ansonsten ist es nicht leicht, sich auf den Film einzulassen, der über weite Strecken wie ein Plädoyer gegen das Erwachsenwerden daherkommt. Die nicht namentlich genannte Insel (in der Realität handelt es sich um Borkum) sowie die zahlreichen Personen, mit denen die Protagonistin in Kontakt kommt, wirken allesamt irgendwie surreal. Die gängigen Erzählstrukturen werden aufgehoben und unterschwellig wabert immer ein Bruch mit der unserer Gesellschaft immanenten Leistungslogik. Knoller versucht, die persönliche Misere von Vivian ernst zu nehmen und dreht es dann doch ins Komische und Slapstickhafte. Sie zeigt einen Menschen, der einfach in Ruhe gelassen werden will, stattdessen aber umzingelt ist von Ratschlägen, die ihr nichts nützen, alle nach dem Motto "Mach was aus Deinem Leben!" Besonders hervorzuheben sind der erste Auftritt von Ferdinand von Schirach in einem Kinofilm (als kryptischer Sonderling) und eine Strandsequenz mit einer fünfköpfigen Band, die eine Musik hinlegt, dass einem die Luft wegbleibt.
25.07.2016
Sky - der Himmel in mir
Filmzettel – Nummer 1159 (drucken)
Regie: Fabienne Berthaud; Kamera: Nathalie Durand; Musik: Francis-Eudes Chanfrault; Darsteller: Diane Kruger (Romy), Norman Reedus (Diego), Gilles Lellouche (Richard), Lena Dunham (Billie), Q'Orianka Kilcher (Missy) ; Länge: 103 min; Spielfilm; Frankreich 2016

Inhalt

Romy unternimmt mit ihrem Ehemann Richard eine Urlaubsreise in die Vereinigten Staaten. Doch anstatt ihrer Beziehung neue Impulse zu geben, endet diese in heftigen Streitereien, so dass Romy mitten in Kalifornien plötzlich alleine dasteht. Aber sie denkt nicht daran, die Reise abzubrechen, sondern fährt auf eigene Faust durch Nevada in Richtung Las Vegas. In der schrillen, bunten Wüstenstadt lernt sie in einem Casino den verschlossenen Ranger Diego kennen und teilt mit ihm für eine Nacht das Bett. Am nächsten Tag ist Diego verschwunden, doch er hat eine Adresse hinterlassen. Romy macht sich auf den Weg zu dem entlegenen Ort in der Wildnis, ohne zu wissen, was sie dort erwartet.

Kommentar

Immer wieder begeben sich europäische Filmemacher in die USA, um in den mythenumrankten amerikanischen Landschaften Selbstfindungsgeschichten zu erzählen (bestes Beispiel : "Paris, Texas" von Wim Wenders). In eher ruppigen, unprätenziösen Bildern schildert die französische Regisseurin in relaxten Sequenzen den Abschied von einer abgeschlossenen Lebensphase und den damit verbundenen Aufbruch in die Ungewissheit. Mit Mut zur Hässlichkeit und viel nackter Haut läuft Diane Kruger dabei zu ungeahnter Hochform auf und beweist, dass sie nicht nur schön sein kann. Zum rustikalen Ambiente passt der stimmungsvolle Soundtrack, an dem u.a. Nick Cave mitwirkte.
18.07.2016
Vor der Morgenröte
Filmzettel – Nummer 1158 (drucken)
Regie: Maria Schrader; Kamera: Wolfgang Thaler; Musik: Tobias Wagner; Darsteller: Josef Hader (Stefan Zweig), Barbara Sukowa (Friderike Zweig), Aenne Schwarz (Lotte Zweig), Matthias Brandt (Ernst Feder), Charly Hüber (Ernst Ludwig); Länge: 106 min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

1934 befindet sich der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Doch seit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird deren Einfluss auch in Zweigs Heimatland immer größer. Als die antisemitischen Drangsalierungen zunehmen, entschließt er sich ins Exil zu gehen. Über London, wo er die Scheidung von seiner ersten Frau einreicht, über Buenos Aires, wo er wie ein Staatsmann gefeiert wird, und New York, führt ihn der Weg
mit seiner jungen zweiten Frau schließlich in ein kleines brasilianisches Dorf unweit von Rio. Während ihm allerorten Gastfreundschaft und eine beinahe schon lästige Wertschätzung entgegengebracht wird, vermisst der Schriftsteller seine Heimat schmerzlich und kommt bis zu seinem tragischen Tod nicht zur Ruhe.

Kommentar

Stefan Zweig ist heute zwar nicht mehr ganz so bekannt wie zu Zeiten von "Schachnovelle" oder "Sternstunden der Menschheit". Nichtsdestoweniger liefert sein Schicksal einen beeindruckenden Hintergrund für eine Zeit, als Millionen Menschen - genau wie heute - auf der Flucht waren. Überzeugend spielt der normalerweise schwarzgallig auftretende österreichische Kabarettist Josef Hader, vor allem bekannt aus den Brenner-Filmen, den sensiblen, ambivalenten Schriftsteller - ohne jede Tendenz zur Übertreibung. Auch die Fassbinder-Heroine Barbara Sukowa verleiht dem Film einen ganz besonderen Spirit. Hinzu kommt der Kameramann Wolfgang Thaler, der u.a. den Stil der Ulrich-Seidl-Filme (z.B. in der sog. Paradies-Trilogie) geprägt hat. Bemerkenswert eine gezeigte Episode vom Schriftsteller-Kongress in Buenos Aires 1936, als Zweig aufgefordert wird, sich eindeutig gegen Hitler-Deutschland auszusprechen. "Jede Widerstandsgeste, die kein Risiko in sich birgt und keine Wirkung hat, ist nichts als geltungsbedürftig", erwidert es seinen Kollegen. In seinem Abschiedsbrief aus dem Jahr 1942 heißt es "Ich grüße alle meine Freunde. Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht."
11.07.2016
Monsieur Chocolat
Filmzettel – Nummer 1157 (drucken)
Regie: Roschdy Zem; Kamera: Thomas Letellier; Musik: Gabriel Yared; Darsteller: Omar Sy (Chocolat), James Thierrée (Footit), Thibault de Montalembert (Jules Moy), Clotilde Herme (Marie), Olivier Gourmet (Oller); Länge: 120 min; Spielfilm; Frankreich 2016

Inhalt

Der ehemalige Sklave Raphael Padillas alias Kananga verdient sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt in der französischen Provinz des Jahres 1887, indem er in einem kleinen Wanderzirkus als Kannibale auftritt und die Zuschauer erschreckt. Doch dann hat der ebenfalls dort arbeitende Clown George Footit eine neue Idee : er studiert mit "Chocolat", so heißt Kananga jetzt, eine neue Clownsnummer ein, in welcher der Schwarze als dummer August fungieren muss. Das Duo wird zur Sensation und erobert dann sogar in Paris das Varieté-Publikum. Chocolat wird dadurch der erste schwarze Künstler, der auf einer französischen Bühne zu großem Ruhm und zu Reichtum gelangte, der aber beides wieder verlor.

Kommentar

Sogar die legendären Filmpioniere Lumière bannten ihn zu Anfang des 20.Jahrhunderts auf Zelluloid: "Chocolat", den ersten schwarzen Clown Frankreichs. Wie er mit seinem weißen Partner Footit seinen Siegeszug durch die Zirkusarenen von Paris antrat und danach seiner Spielsucht erlag, aber auch Opfer des allgemeinen Rassismus wurde, davon erzählt diese Tragikomödie. Mit akribischem Zeitkolorit und seinem Hauptdarsteller, dem "Ziemlich beste Freunde" - Star Omar Sy, überzeugt der Film, trotz seiner übertrieben traditionellen Erzählform. Im Zentrum der Handlung steht dabei der tief sitzende Rassismus im kolonial geprägten Frankreich der sog. "Belle Epoque". In einer Gesellschaft, die auf einer Kolonialausstellung Afrikaner als wilde Tiere vorführt und mit Schildern wie "Bitte nicht füttern !" versieht, ist Chocolats Kampf für ein wenig Gleichberechtigung von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Auch als er im Theater als Othello auftritt, buht ihn das aggressive bürgerliche Publikum gnadenlos aus. Zum Schluss noch eine Bemerkung zum Darsteller des Footit: seine Ähnlichkeit mit Charlie Chaplin lässt sich leicht erklären, er ist dessen Enkel.
04.07.2016
Die Poesie des Unendlichen
Filmzettel – Nummer 1156 (drucken)
Regie: Matthew Brown; Kamera: Larry Smith; Musik: Coby Brown; Darsteller: Dev Patel (Srinivasa Ramanujan), Jeremy Irons (G.H. Hardy), Toby Jones (Littlewood), Stephen Fry (Sir Francis Spring), Jeremy Northam (Bertrand Russell); Länge: 109 min; Spielfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

Die südindische Hafenstadt Madras 1913. Der 25jährige Srinavasa Ramanujan malt im Hindu-Tempel mit Kreide hingebungsvoll mathematische Formeln auf den Boden. Der gläubige Brahmane ist beseelt von der Welt der Zahlen. Doch in seinem Heimatland, wo er es nicht einmal zu einem Schulabschluss gebracht hat, bleibt seine Begabung ohne Resonanz. Mutig schreibt er deshalb an G.H.Hardy, einen berühmten Professor am altehrwürdigen Trinity College in Cambridge, und schickt ihm seine Formeln. Der atheistische Mathe-Nerd erkennt tatsächlich Ramanujans Originalität und Brillanz. Gegen den Widerstand seiner Kollegen aus dem mathematischen Elfenbeinturm holt er das junge Genie an sein Institut. Ramanujan lässt Mutter und Ehefrau in Indien zurück um seiner Bestimmung zu folgen. Doch im England des 1.Weltkrieges erwarten ihn schwere Schicksalsprüfungen.

Kommentar

Dieses nach dem Roman "The Man who knew Infinity" von Robert Kanigal verfilmte und auf einer wahren Geschichte beruhende "Märchen" vom einfachen indischen Büroangestellten, der sich als großes Mathe-Genie entpuppt, steht auf einer Stufe mit den Biopics über Stephen Hawking ("Die Entdeckung der Unendlichkeit") und Alan Turing ("The Imitation Game"). Hier steht aber allein die Wissenschaft Mathematik im Mittelpunkt, von deren Schönheit der englische Logiker Bertrand Russell dereinst in den höchsten Tönen schwärmte. Die wohl bekannteste Anekdote über die beiden Ausnahme-Mathematiker bringt das sehr schön zum Ausdruck. Als Professor Hardy, der weltberühmte Zahlentheoretiker, seinen bereits schwerkranken Protegé in einem Londoner Hospital besuchte, begrüßte er ihn mit den Worten "Mein Taxi hatte die Nummer 1729, eine leider völlig nichtssagende Zahl - ein schlechtes Omen", darauf antwortete Ramanujan "Nein,Hardy. Es ist eine sehr interessante Zahl. Es ist nämlich die kleinste natürliche Zahl, die man auf zwei verschiedene Weisen als Summe von Kubikzahlen darstellen kann." Und der Mann hatte recht: 1^3 + 12^3 = 9^3 + 10^3 = 1729 ! Selbst Charakterdarsteller und Oscar-Preisträger Jeremy Irons ließ sich von der Zauberwelt der Mathematik faszinieren. Er verriet: " Ich erkannte, dass diese Wissenschaft, die mir immer seelenlos erschien, unendlich viele Wunder, Geheimnisse und Kunst enthält."
27.06.2016
Fritz Lang
Filmzettel – Nummer 1155 (drucken)
Regie: Gordian Maugg; Kamera: Lutz Reitemeier, Moritz Anton; Musik: Tobias Wagner; Darsteller: Heino Ferch (Fritz Lang), Thomas Thieme (Ernst Gennat), Samuel Finzi (Peter Kürten), Johanna Gastdorf (Thea von Harbou), Michael Mendl (Anton Lang); Länge: 104 min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Fritz Lang, der bekannteste deutsche Stummfilmregisseur der 20er Jahre ("Die Nibelungen" ; "Metropolis") versucht an der Schwelle zum Tonfilm etwas Neues, Eigenes zu schaffen. Auf der Suche nach einem passenden Stoff reist er 1930, gebeutelt durch die erkaltende Beziehung zu seiner Frau und Mitarbeiterin Thea von Harbou, von Berlin nach Düsseldorf, wo er die polizeilichen Ermittlungen des bekannten Kriminalrates Ernst Gennat verfolgt. Der befasst sich mit der Aufklärung des wohl spektakulärsten Falls in der Zeit der Weimarer Republik, es geht um Peter Kürten, den sog. "Vampir von Düsseldorf", einen Serienmörder, der lange Zeit unbehelligt sein Unwesen treiben konnte. Als er durch die Aussage einer Frau festgenommen werden kann, bekommt Lang die Erlaubnis, bei den Vernehmungen dabei zu sein. In persönlichen Gesprächen mit dem Triebtäter wird Lang mit Elementen seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert. Aus dieser Begegnung mit sich selbst entsteht schließlich der Film "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" - bis heute eines der bemerkenswertesten Werke der deutschen Filmgeschichte.

Kommentar

Der Film erhebt keineswegs den auch unmöglichen Anspruch, den "ganzen" Lang erklären zu wollen, sondern konzentriert sich auf die Vorgeschichte von "M". Dabei geht es Gordian Maugg vor allem darum, die aus der privaten Biographie heraus zu erklärenden Brüche und Abgründe in der Persönlichkeit des Regisseur-Giganten darzustellen. In einer Mischung aus Fakten und Fiktion - gedreht in Schwarz-Weiß und im zeitgenössischen Format 4:3, dabei garniert mit einem Mix aus Spielfilm- und Wochenschauszenen - wird gezeigt, wie Lang auf der einen Seite als aristokratischer Snob mit Monokel und autoritären Arbeitsmethoden daherkommt. Dahinter liegt -mehr im Dunkeln und wie hinter einer Maske - die Privatperson, die viel trinkt, kokst und sich Huren auf dem Straßenstrich sucht. Maugg versucht dabei, zwischen dem Serienmörder und dem Filmregisseur Ähnlichkeiten zu konstruieren, beide sind krank und leiden an sich selbst, nur das Lang das Glück hat, seine Obsessionen durch filmische Visionen kompensieren zu können. Es ist allerdings unklar, ob Fritz Lang tatsächlich Gespräche mit dem Serienmörder geführt hat. Der Film kam am 11.Mai 1931 in die Kinos - kurz vor der Hinrichtung Peter Kürtens.
20.06.2016
Bauernopfer - das Spiel der Könige
Filmzettel – Nummer 1154 (drucken)
Regie: Edward Zwick; Kamera: Bradford Young; Musik: James Newton Howard; Darsteller: Tobey Maguire (Bobby Fisher), Liev Schreiber (Boris Spassky), Michael Stuhlbarg (Paul Marshall), Peter Sarsgaard (Father Bill Lombardy), Lily Rabe (Joan Fisher ); Länge: 115 min; Spielfilm; USA 2015

Inhalt

Reykjavik im Sommer 1972. Mitten im Kalten Krieg blickt die Welt gebannt auf ein Schachbrett in einem Tischtennisraum. Amerikas paranoides Schach-Genie Bobby Fisher (IQ 186) hatte diesen abgelegenen Ort für das Jahrhundert-Match gegen den Groß- und Weltmeister Boris Spassky durchgesetzt, um dem als unschlagbar geltenden Russen die Krone abzunehmen. Das Spiel löste damals einen wahren Medienzirkus aus und Fisher fand sich plötzlich ungewollt als Spielball zweier Weltmächte wieder, während er gleichzeitig mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte. Warum verschanzt sich der jüngste Herausforderer aller Zeiten in seinem isländischen Hotelzimmer, reagiert panisch auf jedes Geräusch und schraubt den Hörer seines Telefons auseinander ? Doch dann beginnt die entscheidende Partie, bei der sogar Schach-Muffel mitfiebern werden !

Kommentar

Die Handlung des Films von Edward Zwick setzt in den frühen 50er Jahren ein und beruht zum größten Teil auf Tatsachen. Schon als Teenager terrorisierte Bobby seine Mutter, die sich damals für die Linke engagierte. Sie war mit der Erziehung ihres hochbegabten Jungen total überfordert. Bobby hatte keine Freunde und war in der Schule der absolute Außenseiter. Im Schach fand er schon als Sechsjähriger seine Berufung, mit 14 war er US-Meister, ein Jahr später der jüngste Großmeister aller Zeiten. Von da an war es sein großes Ziel, die Vorherrschaft der russischen Schachspieler zu beenden. In den USA löst der bevorstehende Weltmeisterschaftskampf eine regelrechte Schach-Hysterie aus, Millionen Amerikaner verfolgten die Partien live im TV. Einmal rief mitten im Wettbewerb sogar Henry Kissinger in Reykjavik an, um den von Verfolgungswahn geplanten Fisher zu motivieren. Am Ende des Films wird nicht unterschlagen, dass sich Fisher später mit seinem Heimatland völlig überworfen hat. Nach einem Interview, in dem er sich lobend über die Anschläge des 11.September 2001 geäußert hatte, wird er aus dem US-Schachverband ausgeschlossen, 2004 wird ihm sogar die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. Fisher starb 2008 in Island, wohin er sich am Ende seines Lebens zurückgezogen hatte.
13.06.2016
Die Kommune
Filmzettel – Nummer 1153 (drucken)
Regie: Thomas Vinterberg; Kamera: Jesper Tøffner; Musik: Fons Merkies; Darsteller: Ulrich Thomsen (Erik), Trine Dyrholm (Anna), Helene Reingaard Neumann (Emma), Martha Sofie Wallstrøm (Freja), Lars Ranthe (Ole); Länge: 111 min; Spielfilm; Dänemark 2016

Inhalt

Als der erfolgreiche Architektur-Dozent Erik in den 70er Jahren eine stattliche Villa in der Nobelgegend von Kopenhagen erbt, lässt er sich von seiner Frau Anna, einer prominenten TV-Moderatorin, überreden, dort eine Kommune zu gründen. Ihr gemeinsame Tochter Freja ist von den WG-Aussichten gleichermaßen begeistert und schließlich locken zusätzliche Mieteinkünfte. Und so tauschen Anna und Erik ihren etwas eingerosteten Ehealltag gegen ein ungezwungenes Leben, das von Partys, Nacktbaden, Essen in großer Runde und einem harmonischen Beisammensein geprägt ist, abgesehen von kleinen Alltagsauseinandersetzungen. Doch als sich Erik in eine seiner Studentinnen verliebt und diese dann in die Kommune aufnimmt, bekommt die liberale Fassade plötzlich Risse. Vor allem Anna tut sich mit der neuen Situation schwer.

Kommentar

Wie in seinem seinerzeitigen Erfolgs- und "Dogma"-Film "Das Fest" seziert Thomas Vinterberg auch hier die Höhen und Tiefen des sog. Familienlebens. Selber in einer Art Kommune aufgewachsen und mit der biographischen Notiz, seine Gattin für eine Jüngere verlasen zu haben, bürgt er für ausreichende Authentizität. Während der erste Teil des Films als nostalgisch geprägtes Retro-Stück daherkommt, mit einer heiter-gelassenen Stimmung, kuriosen Zwischenfällen und viel Situationskomik, so wechselt der Erzählton in der zweiten Hälfte ins Melodramatische mit einer zunehmenden Konzentration auf das Protagonistentrio und einer wachsenden Fallhöhe. Insgesamt gesehen wird das Zeitkolorit gut getroffen, die Ausstattung punktet mit großer Präzision und die pointierten Dialoge veranschaulichen die Aufbruchstimmung der 70er Jahre mit ihrem Willen zur Weltverbesserung. Geblieben davon ist der VW-Bully als Teil einer Bankenwerbung und die seitdem virulent vorhandene Beschönigung von Drogen und Gurus.
06.06.2016
Schrotten !
Filmzettel – Nummer 1152 (drucken)
Regie: Max Zähle; Kamera: Carl Burandt von Kameke; Darsteller: Lucas Gregorovicz (Mirko Talhammer), Frederick Lau (Letscho Talhammer), Anna Bederke (Luzi), Jan-Gregor Kremp (Wolfgang Kercher), Lars Rudolph (Träumchen), Rainer Bock (Seifert), Alexander Scheer (Rambo Weiler); Länge: 102 min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Mirko Talhammer ist fassungslos, als zwei sonderbare Typen in seinem Hamburger Versicherungsbüro auftauchen und ihn unsanft daran erinnern, wo er eigentlich herkommt: von einem Schrottplatz in der Provinz. Diese Welt hatte Mirko eigentlich hinter sich gelassen, doch sein Vater macht ihm noch im Tod einen Strich durch die Rechnung und vererbt ihm den maroden Betrieb, zusammen mit seinem Bruder Letscho. Der ist immer noch wütend auf ihn, weil er die Familie damals im Stich gelassen hat. Schnell wird beiden aber klar, dass sie nur gemeinsam den letzten riskanten Plan ihres Vaters verwirklichen können. Und dann würde es für den Talhammer-Clan wieder eine Zukunft geben.

Kommentar

Max Zähle ist ein junger Regisseur aus Celle, wo auch die Handlung des Films spielt. Bereits sein Abschlussfilm an der Filmakademie wurde prämiert, "Schrotten !" bekam den Publikumspreis beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken. Und das nicht unverdient. Denn der Film glänzt durch zahlreiche Anspielungen innerhalb und außerhalb des Genres. So sind z.B. Erzählmuster des Westernfilms eingeflochten: Cowboy und Sheriff, Rinderbaron und Banditen, Eisenbahnraub und Brüderzwist, Schlägereien und ein finaler Show-Down. Auch biblische Motive wie der Kampf zwischen David und Goliath oder die Rückkehr des verlorenen Sohnes werden aufgegriffen. Dass im Nachspann eigens die Verantwortlichen für "Schweißarbeiten" und "Gleisbau" genannt werden, vermittelt eine Ahnung von den enormen logistischen Anstrengungen der Produktion. Und mit Lukas Gregorowicz und Frederik Lau als zerstrittenes Brüderpaar an der Spitze hat der Regisseur ein erstklassiges Ensemble zusammengestellt, dem man die Lust am Spielen anmerkt.
30.05.2016
Das Tagebuch der Anne Frank
Filmzettel – Nummer 1151 (drucken)
Regie: Hans Steinbichler; Kamera: Bella Halben; Musik: Sebastian Pille; Darsteller: Lea van Acken (Anne), Martina Gedeck (Edith Frank-Holländer), Ulrich Noethen (Otto Heinrich Frank), Stella Kunkat (Margot Frank), Ella Frey (junge Anne), Margarita Broich (Petronella van Daan), André Jung (Hans van Daan), Leonhard Carow (Peter van Da; Länge: 128 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Anne Frank wurde am 12.Juni 1929 als Kind jüdisch-deutscher Eltern in Frankfurt a.M. geboren. Nach Hitlers Machtergreifung kam es sofort zu antisemitischen Maßnahmen, so dass Annes Vater Otto Frank, der im ersten Weltkrieg als Offizier im deutschen Heer gedient hatte, beschloss, mit der Familie nach Amsterdam zu emigrieren. In den Jahren 1935 und 1936 verbrachte Anne noch einmal unbeschwerte Sommerferien auf dem Anwesen ihrer Pariser Großtante Olga Spitzer in Sils Maria. Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges und der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht spitzte sich die Lage der Familie immer mehr zu. Die Juden wurden zunehmend vom gesellschaftlichen Leben und allen öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen. Am 12.Juni 1942 bekam Anne zum 13.Geburtstag ein rot-weiß kariertes Tagebuch geschenkt, in das sie noch am selben Tag die ersten Eintragungen vornahm. Otto Frank hatte derweil im Hinterhaus seiner Firma in der Prinsengracht 263 ein Versteck vorbereitet, dessen Zugang durch ein Bücherregal verdeckt wurde.Dort lebte die Familie zusammen mit vier anderen Juden bis zu ihrer Entdeckung am 4.August 1944, knapp zwei Monate nach der erfolgreichen Invasion der Alliierten in der Normandie. Hintergrund der Verhaftung war offenbar Verrat, dessen Urheber man aber bis heute nicht kennt. Der Abtransport nach Auschwitz erfolgte am 3.September. Da die Rote Armee immer näher rückte, begannen die Nazis mit der Räumung des Vernichtungslagers, so wurde Anne am 28.Oktober nach Bergen-Belsen deportiert, wo sie im Februar 1945 starb, zwei Monate vor der Befreiung des Lagers durch britische Truppen.

Kommentar

Das Tagebuch der Anne Frank ist wahrscheinlich das erschütterndste Dokument gegen die unmenschliche Herrschaft des Nationalsozialismus und erregte nach seinem Erscheinen 1951 auf der ganzen Welt größtes Aufsehen. Nach der Verhaftung der Familie Frank fand man das Tagebuch zwischen alten Büchern und Zeitungen. Es wurde Otto Frank, dem einzigen Überlebenden, nach dessen Rückkehr übergeben und von ihm ediert. Seitdem ist der Stoff dreimal verfilmt worden, 1959 und 1980 in den USA und jetzt von Hans Steinbichler in Deutschland. Der deutsche Film konzentriert sich dabei auf die persönliche Entwicklung des Mädchens und versucht - laut Regisseur - die Geschichte ganz aus der subjektiven und somit authentischen Erfahrung eines frechen, ungemein klugen Mädchens in der Pubertät zu erzählen, das unter aberwitzigen Bedingungen aufwachsen muss.Die Dreharbeiten begannen am 26.Januar 2015 in den MMC-Studios in Köln. Auch an Originalschauplätzen in Amsterdam wurde gedreht sowie in Sils Maria und auf Norderney. Unterstützt wurden die Dreharbeiten vom Anne-Frank-Fonds in Basel, der das Erbe des jüdischen Mädchens verwaltet. Dadurch konnten die Produzenten auf ein umfangreiches Archiv und Recherchematerial zurückgreifen. Die Hauptdarstellerin Lea van Acken, wohnhaft in der Nähe von Bad Segeberg, bereitete sich auf ihre Rolle vor, indem sie fiktive Briefe an Anne Frank schrieb. Die Schauspielerin wurde einem größeren Publikum durch ihre Hauptrolle im Film "Kreuzweg" von Dietrich Brüggemann bekannt, der auf der Berlinale 2014 den Silbernen Bären gewann.
23.05.2016
Ein Mann namens Ove
Filmzettel – Nummer 1150 (drucken)
Regie: Hannes Holm; Kamera: Göran Hallberg; Musik: Gaute Storass; Darsteller: Rolf Lassgard (Ove),Bahar Pars (Parveneh), Filip Berg (junger Ove), Ida Engvoll (Sonja); Länge: 107 min; Spielfilm; Schweden 2016

Inhalt

Der grantige Rentner Ove durchstreift allmorgendlich die beschauliche Wohnsiedlung seines schwedischen Heimatstädtchens. Er meldet Falschparker, inspiziert die Mülltonnen auf korrekte Mülltrennung und blafft spielende Kinder an. Dabei will er eigentlich nicht mehr leben, denn nach dem Tod seiner geliebten Frau erscheint ihm alles sinnlos. Gerade als er wieder einen erfolglosen Suizidversuch unternimmt, brettern seine neuen Nachbarn mit dem Auto gegen seinen Briefkasten. Es handelt sich um eine persische Familie und obwohl diese erste Begegnung mehr als ruppig ausfällt, erkennt die Frau auf Anhieb den weichen Kern des Witwers. Und so entdeckt dieser, dass es um ihn herum immer noch genug Dinge gibt, für die es sich zu leben lohnt.

Kommentar

Die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Fredrik Backman war in Schweden ein Riesenerfolg. Mit dem großartigen Charakterdarsteller Rolf Lassgard in der Hauptrolle des grantigen Frührentners steht genau der richtige Schauspieler im Zentrum dieser Tragikomödie. Als authentische Mischung aus Pegida-Opa und nörgelndem Rechthaber wird er wunderbar in Szene gesetzt. Da sein trauriges Schicksal dem Zuschauer in zahlreichen Rückblenden nahegebracht wird, gewinnt die Figur im Laufe des Films Verständnis und am Ende sogar Sympathie. Filmisch gesehen lehnt sich der Regisseur nicht allzu weit aus dem Fenster, zimmert aber einen passenden Rahmen für die Geschichte. In oft unbewegten, vom Stativ gefilmten Bildern lotet er die Beziehungen der Figuren untereinander sauber aus. Die entsättigte, weiche Farbgebung etabliert zunächst eine gewisse Tristesse, setzt aber auch Akzente, die im Verlauf der Handlung immer mehr die Oberhand gewinnen. Es ist vor allem die Iranerin Parveneh, was auf persisch übrigens "Schmetterling" bedeutet, die Farbe ins Spiel bringt.
16.05.2016
Eddie the Eagle - alles ist möglich
Filmzettel – Nummer 1149 (drucken)
Regie: Dexter Fletcher; Kamera: George Richmond; Musik: Matthew Margeson; Darsteller: Taron Egerton (Eddie "The Eagle" Edwards), Hugh Jackman (Bronson Peary), Christopher Walken (Waren Sharp), Keith Allen (Terry Edwards), Jim Broadbent (Kommentator), Iris Berben (Petra)); Länge: 105 min; Spielfilm; Großbritannien 2016

Inhalt

Der ungebildete, englische Arbeiterjunge Eddie hat große Ziele. Obwohl er als Kind gehbehindert war, außerdem stark kurzsichtig, träumt er davon, einmal an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Nachdem er sich erfolglos in verschiedenen Sportarten versucht hat, wird sein Interesse für das Skispringen geweckt, dem er sich trotz mangelnder Erfahrung immer intensiver widmet. Dabei nimmt er auch an einigen internationalen Wettbewerben teil, bei denen er das Ex-Ski-Ass Bronson Peary kennenlernt. Dieser nimmt den Anfänger unter seine Fittiche und unter seiner Anleitung gelingt es Eddie schließlich - trotz seines fehlendes Talentes - an den Winterspielen 1988 in Calgary teilzunehmen, als einziger Brite.

Kommentar

Die verrücktesten Geschichten schreibt das Leben bekanntlich selber, und so verhält es sich auch mit derjenigen von Eddie "The Eagle". Denn kaum jemand war für eine Sportlerkarriere weniger geeignet als dieser Underdog. "Alles ist möglich" ist eine Fabel über Inspiration, Sportsgeist und das Festhalten an kühnen Zielen. Da es sich um ein deutsch-britische Koproduktion mit überschaubarem Budget gehandelt hat, werden die wintersportlichen Szenen zum großen Teil in Garmisch-Partenkirchen gedreht. Dort erteilt Iris Berben als bayerische Gastwirtin Petra dem linkischen Eddie ganz kostenlos mütterliche Ratschläge. An der Seite von "X-Man" Hugh Jackman macht sich La Berben dabei äußerst fotogen. Insgesamt gesehen steht der Film in der besten Tradition des britischen Kinos: er ist witzig, gefühlvoll, engagiert und er brilliert durch scharfzüngige Dialoge.
09.05.2016
Grüße aus Fukushima
Filmzettel – Nummer 1148 (drucken)
Regie: Doris Dörrie; Kamera: Hanno Lentz; Musik: Ulrike Haage; Darsteller: Rosalie Thomass (Marie), Kori Momoi (Satomi), Aya Irizuki (Toshiko), Nami Kamata (Nami), Moshe Cohen (Moshe); Länge: 102 min; Spielfilm; Deutschland 2016

Inhalt

Für die Organisation Clowns4Help reist Marie nach Japan in die Präfektur Fukushima, wo sie den Opfern der Atomkatastrophe von 2011 helfen will. Die etwas grobschlächtige und oftmals motzende junge Frau flieht vor ihrem misslungenen Leben in Deutschland und soll vor Ort zusammen mit dem Clown Moshe ein wenig Freude in den Alltag der Überlebenden bringen, die auch nach Jahren immer noch in Notunterkünften leben. Für ihren neuen Job ist Marie allerdings überhaupt nicht geeignet, was sie sich bald eingestehen muss. Statt jedoch ein weiteres Mal in ihrem Leben einfach davonzulaufen, bleibt sie ausgerechnet bei der störrischen, alten Satomi, der letzten Geisha von Fukushima. Die will auf eigene Faust in ihr altes Haus zurück, obwohl es in der Sperrzone liegt. Und so müssen beide Frauen lernen, wie sie ihre Vergangenheit abschütteln können.

Kommentar

Nachdem sie bereits zwei Spielfilme im Reich der aufgehenden Sonne realisiert hat, nämlich "Erleuchtung garantiert" und "Kirschblüten-Hanami", folgt nun der dritte Film der japanaffinen Regisseurin über dieses Land, welches sie offenbar als idealen Schauplatz für filmische Sinnsuche empfindet. Fragen nach politischen Hintergründen bleiben in diesem kammerspielartigen Drama trotz es brisanten Themas außen vor. Die Regie konzentriert sich ganz auf die Interaktionen des Frauenduos Marie-Satomi, dessen Annäherung in subtilen szenischen Miniaturengeschildert wird. Gerade weil ihre Mentalitäten und Temperamente so konträr sind, fällt es ihnen leichter, über den eigenen Schatten zu springen und sich aus dem jeweiligen Erinnerungssumpf zu befreien. Dabei sind beide Hauptdarstellerinnen in der Lage, feinste Nuancen von Abstoßung und Anziehung sichtbar zu machen, ohne ins Pathetische abzugleiten.
02.05.2016
Spotlight
Filmzettel – Nummer 1147 (drucken)
Regie: Tom McCarthy; Länge: 128 min; Spielfilm; USA 2015

Inhalt

"Spotlight" heißt das investigative Recherche -Team des Boston Globe, einer der größten Tageszeitungen der USA. Anfang 2002 werden die Reporter mit einer besonders heiklen Story beauftragt. Es geht um einen pädophilen Priester, dessen zahlreiche Missetaten von der Katholischen Kirche vertuscht wurden. Bald entdeckt das Team, dass es sich um keinen Einzelfall handelt, sondern dass Dutzende andere seiner Kollegen ebenfalls Kinder missbraucht haben, die aber nie belangt und deren Opfer mit Schweigegeld ruhig gestellt wurden. Die Journalisten setzen sich mit dem Opferanwalt in Verbindung und führen Interviews mit den Betroffenen. Als sie in die höchsten Kreise der Stadt vorstoßen, müssen sie feststellen, dass den Seilschaften aus Politik, Kirche und Justiz nur schwer beizukommen ist. Dennoch geben sie nicht auf.

Kommentar

Regisseur Tom McCarthy gelingt mit seinem oscar-prämierten Film ein unaufgeregter, aber packender Thriller. In einer Zeit, als das Internet noch nicht als allumfassendes Archiv zur Verfügung stand, sieht man den Reportern bei ihrer akribischen und mühsamen Handarbeit quasi über die Schulter. In den dominierenden Innenaufnahmen des Films wälzen die Journalisten etliche Register, Karteien sowie Jahrbücher, darüber brüten sie stundenlang in Bibliotheken, Amtsstuben und in der Redaktion. So enthält das Drama zunächst ein eher klaustrophobisches Flair, ehe das Boston der Einfamilienhäuser in den Blick kommt, hinter deren Fassaden sich Trauer, Sprachlosigkeit und Traumata jahrzehntelang aufgestaut haben. Doch am Ende triumphiert die Gerechtigkeit und so variiert SPOTLIGHT das uramerikanische Thema der erfolgreichen Wahrheitsfindung, mit tollen Schauspielern und einer effektiven Regie, ebenso unterhaltsam wie authentisch.
25.04.2016
Mustang
Filmzettel – Nummer 1146 (drucken)
Regie: Deniz Gamze Ergüven; Kamera: David Chizallet, Erson Gok; Musik: Warren Ellis; Darsteller: Günes Nezihe Sensoy (Lale), Doga Zeynep Doguslu (Nur), Elit Iscan (Ece), Tugba Sunguroglu (Selma),Ilaya Akdogan (Sonay), Nihal Kosdas (Großmutter), ayberk Pekcan (Onkel), Bahar Kerimoglu (Dilek) ; Länge: 93 min; Spielfilm; Türkei 2015

Inhalt

Lale und ihre vier Schwestern wachsen nach dem Tod der Eltern bei ihrem Onkel und der Großmutter in einem kleinen Dorf an der türkischen Schwarzmeerküste auf. Als sie eines Tages nach der Schule mit Mitschülern unbeschwert am Meer herumtollen, lösen sie einen Skandal aus. Eine Nachbarin beschuldigt sie, sich unzüchtig aufgeführt zu haben. Der empörte Onkel bringt die Mädchen ins Krankenhaus, wo ihre Jungfräulichkeit überprüft wird. Um die Heiratschancen der Teenager zu wahren, werden die Fenster des Hauses vergittert und die Mauer um das Anwesen erhöht. Außerdem werden Telefon, Computer und Make-up beschlagnahmt, die Mädchen müssen ab sofort hässliche Kleider tragen. Doch damit wird deren Widerstandsgeist erst recht angestachelt und sie versuchen alles, um den ihnen aufgezwungenen Restriktionen zu trotzen.

Kommentar

Die Autorin und Regisseurin Deniz Gamze Ergüven, 1978 in Ankara geboren, wuchs überwiegend in Frankreich auf und studierte an einer Pariser Filmhochschule. Ihr erster Langfilm, in den auch autobiografische Erlebnisse eingeflossen sind, spiegelt diese Bikulturalität wider: Obwohl mit einheimischen Darstellern in der Türkei gedreht, ist die erstaunlich stilsichere Inszenierung eher dem französischen Autorenfilm verpflichtet. Das lässt sich an der unbefangenen Darstellung der erwachenden Sinnlichkeit der Mädchen ebenso ablesen wie am Soundtrack des Komponisten Warren Ellis mit seinem betörenden Mix aus psychedelischen und orientalischen Klängen, die die oft flirrenden Sommerbilder adäquat begleiten. Der Film attackiert mit Herzblut überkommene patriarchalische Denk- und Sozialstrukturen, die darauf abzielen, den Freiheitsgeist der Heranwachsenden zu brechen und diese für traditionelle Frauenrollen zu zähmen.
18.04.2016
Suffragette - Taten statt Worte
Filmzettel – Nummer 1145 (drucken)
Regie: Sarah Gavron; Kamera: Eduard Grau; Musik: Alexandre Desplat; Darsteller: Carey Mulligan (Maud Watts), Helena Bonham Carter (Edith Ellyn), Meryl Streep (Emmeline Pankhurst), Brendan Gleeson (Inspector Arthur Steed), Anne-Marie Duff (Violet Miller); Länge: 106 min; Spielfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

London East End 1912. Maud Watts arbeitet seit ihrem siebten Lebensjahr in einer Wäscherei. Inzwischen ist sie
mit ihrem Kollegen Sonny verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Über die Qualität ihres Lebens stellt sich Maud nur wenige Fragen, bis sie eines Tages bei einem Botengang für ihren Boss Taylor in einen Aufstand der Suffragetten gerät. Unter den Steinewerferinnen ist auch Mauds Kollegin Violet, die mit Herzblut für das Frauenwahlrecht kämpft. Zunächst will Maud nichts von diesen Ideen wissen, lässt sich dann aber von Violet und deren Freundinnen überreden, an einem geheimen Treffen der Gruppe teilzunehmen. Vom Kampfgeist ihrer Mitstreiterinnen angesteckt und von einer Rede der Ober-Suffragette Emmeline Pankhurst angestachelt, ist Maud bald bereit, immer radikaler für Frauenrechte einzutreten. Dabei setzt sie nicht nur Job und Familie, sondern auch ihr Leben aufs Spiel.

Kommentar

Man muss sich wundern, dass es über 100 Jahre gedauert hat, bis der aufopfernde Kampf der militanten Suffragetten für das Frauenwahlrecht in Großbritannien als Spielfilm auf die große Leinwand gekommen ist. Engagiert beleuchtet Regisseurin Sarah Gavron den mit zivilem Ungehorsam geführten Kampf der Suffragetten. Weder beschönigt die Britin, noch verfällt sie in nostalgisches Heldinnenpathos. Die fast dokumentarisch anmutenden Szenen wirken bis ins Detail authentisch. Das erstrebte Wahlrecht ist dabei nur eine Facette dieses Kampfes, der sich im Prinzip gegen die Entmündigung der Frauen in allen Schichtender Gesellschaft richtet. Nicht zuletzt deshalb steht das Schicksal einer fiktiven Arbeiterfrau im Mittelpunkt dieser emotionalen Milieustudie, die gleichzeitig ein packendes politisches Lehrstück darstellt. Der Name "Suffragette" leitet sich vom französischen Wort für "Wahlrecht" (suffrage) ab und wurde von den englischen Medien zunächst herabwürigend (wie heute z.B. "Emanze") benutzt. Das Frauenwahlrecht wurde in Großbritannien erstmals am 2.Juli 1928 eingeführt, in Deutschland galt es bereits seit den Wahlen zur Nationalversammlung am 19.1.1919.
11.04.2016
Birnenkuchen mit Lavendel
Filmzettel – Nummer 1144 (drucken)
Regie: Éric Besnard; Kamera: Philippe Guilbert; Musik: Christophe Julien; Darsteller: Virginie Efira (Louise Legrand), Benjamin Lavernhe (Pierre), Lucie Fagedet (Emma Legrand), Hervè Pierre (Jules); Länge: 97 min; Spielfilm; Frankreich 2015

Inhalt

Seit dem Tode ihres Mannes scheinen der jungen Witwe Louise die Probleme über den Kopf zu wachsen. Ihr provençalischer Birnenhof schreibt rote Zahlen, der Marktstand läuft nicht, die Hausbank will den Kredit kündigen und ihre pubertierenden Kinder rebellieren. Ausgerechnet in dieser Situation läuft ihr ein junger Mann vors Auto, der dabei leicht verletzt wird. Dieser Pierre verändert daraufhin ihr Leben. Er erweist sich als ziemlich anhänglich, vor allem aber als extrem komplizierter Mensch, der vor Berührungen zurückschreckt und am liebsten Primzahlen aufzählt. Mit seinem welpenhaften Charme, ebenfalls eine Folge des Asperger-Sydroms, erobert er schließlich Louises Herz. Doch dann droht ihnen das kleine Glück wieder zu entgleiten.

Kommentar

Das Asperger-Syndrom ist eine milde Ausprägung von Autismus. Damit erweist sich Pierre quasi als ein französisches Pendant zum "Rain Man", mit allen Symptomen, die dazugehören. Der Film geht sehr sensibel mit der Annäherung der beiden völlig unterschiedlichen Hautpersonen um, was insbesondere am authentischen Spiel der belgischen Schauspielerin Virginie Efira und ihres französischen Kollegen Benjamin Lavernhe liegt, die einen selbst die wundersamsten Wendungen der Geschichte glauben lassen. Der Regisseur beweist auch beim Timing der nie über Gebühr strapazierten Gags, die von leisem Humor bis hin zum Slapstick reichen, ein sicheres Händchen. Weitere Hinweise verdienen die Kamera, welche die idyllische Landschaft der Provençe kongenial einfängt, sowie der gefühlvolle Soundtrack.
04.04.2016
Where to invade next
Filmzettel – Nummer 1143 (drucken)
Regie: Michael Moore; Kamera: Rick Rowley, Jayme Roy; Länge: 110 min; Dokumentarfilm; USA 2015

Inhalt

Der bekannte Dokumentarfilmer zieht dieses Mal mit der US-Flagge in europäische und arabische Länder, aber nicht um Territorien oder Ressourcen zu erobern - wie weiland das
Militär seines Landes - sondern um nachzusehen, was sich dort an guten Ideen erbeuten lässt, die zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen in den USA dienen könnten. Dabei geht es vor allem um sozialpolitische Errungenschaften wie gesundes Essen in Schulkantinen (Frankreich), langen Schwangerschaftsurlaub (Italien), humanen Strafvollzug (Norwegen) oder Kündigungsschutz (Deutschland). Die Palette wird aber ausgeweitet auf Straffreiheit für Drogen (Portugal) und liberale Abtreibungsgesetze (Tunesien), so dass man schließlich den Eindruck gewinnt, dass der Regisseur die alte Welt für eine Art Sozialparadies hält. Und das ist natürlich übertrieben !

Kommentar

Für seinen achten abendfüllenden Dokumentarfilm (darunter befanden sich Highlights wie "Roger & Me" , "Bowling for Columbine" oder "Fahrenheit 9/11") untersucht Michael Moore gewohnt engagiert und unterhaltsam die Sozial- , Gesundheits- und Bildungssysteme in Europa und Tunesien. Da er sich aber immer nur die Rosinen herauspickt, entsteht im Laufe des Films ein zunehmend verzerrtes Bild der Wirklichkeit. Gespräche mit Gewerkschaftern, Unternehmern und Politikern sollen seine Entdeckungen untermauern. Doch obwohl nichts von dem, was er zeigt, unwahr ist, fördert er nur die eine Seite der Medaille zutage. Soziale Probleme scheint es in Europa überhaupt nicht zu geben. Aber es geht ihm wohl eher darum, seinen Landsleuten den Spiegel vorzuhalten nach dem Motto "Seht her, so ginge es doch auch !"
28.03.2016
Der Untergang der Pamir
Filmzettel – Nummer 1142 (drucken)
Regie: Kaspar Heidelbach; Kamera: Daniel Koppelkamm; Musik: Arno Steffen; Darsteller: Klaus J.Behrendt (Bootsmann "Acki" Lüders), Jan Josef Liefers (1.Offizier Hans Ewald), Herbert Knaup (Kapitän Ludwig Lewerenz), Peter Striebeck (Reeder Erich Oldenburg), Max Riemelt (Carl-Friedrich von Kempin), Dietmar Bär ("Globus" Nissen), Tilo Prü; Länge: 178 min; Spielfilm; Deutschland 2006

Inhalt

Der Bootsmann Acki Lüders ist nach dem Tod seiner Frau an Land geblieben, um bei seiner 8jährigen Tochter zu sein. Zusammen mit seiner Schwiegermutter betreibt er eine ungeliebte Landwirtschaft in Schleswig-Holstein. Doch dann überredet ihn sein Freund Hans Ewald, nach Hamburg zu kommen und auf der Pamir anzuheuern, wo die beiden aber auf einen sog. harten Hund als neuen Kapitän treffen. Als das Schiff nach der Überquerung des Südatlantiks in Buenos Aires ankommt, streiken dort die Hafenarbeiter. Um dennoch rentable Fracht laden zu können, ordnet der Reeder an, die als Ladung vorgesehene Gerste nicht in Säcken, sonders als Schüttgut einzulagern. Außerdem soll auch noch der Tieftank mit Gerste befüllt werden. Durch diese Umstände wird die Pamir instabil. Als sie auf der Rückfahrt in den Hurrikan "Carrie" gerät, kann das Schiff nicht standhalten und versinkt, wobei 80 Seeleute ums Leben kommen. Sechs Mann überleben.

Kommentar

Der vom Mitbegründer des Filmclubs, Dr.Matthias Esche, produzierte Film kostete ca. 8 Millionen Euro, wobei 160 Mitarbeiter hinter und 60 Schauspieler vor der Kamera beteiligt waren. Zwei Schiffe wurden adaptiert, darunter die russische Viermastbark "Sedov", die zu diesem Zweck mit 800 Litern Farbe komplett umgestrichen worden war. Außerdem wurde die moderne Sicherheitsausrüstung des Schiffes aus Seeflößen und Schlauchbooten teils entfernt, teils unter hölzernen Rettungsboot-Attrappen versteckt. Die Dreharbeiten begannen 2005 in Cuxhaven und wurden auf einer Fahrt zu den Kanarischen Inseln bei einem Aufenthalt dort fortgesetzt. Der Untergang wurde in einem Filmwassertank auf Malta inszeniert. Dabei hat man ein 20 m langes Modell des Gesamtschiffes (Maßstab 1:6) eingesetzt. Das für das Fernsehen produzierte Drama, in welches Geschichten von Abenteuerlust, Pflichtbewusstsein und Verantwortung eingebettet sind, die die deutsche Nachkriegszeit spiegeln, verfährt dort, wo es um die Menschen an Bord und ihre Lebensgeschichten geht, völlig frei. Der letzte Überlebende, Karl-Otto Dummer, der damals als Bäcker, Kochsmaat und Proviantverwalter gefahren ist, meinte dann auch :" Der Film ist schön, die Schauspieler sind Klasse, aber er hat mit der Realität absolut nichts zu tun."
21.03.2016
Brooklyn - eine Liebe zwischen den Welten
Filmzettel – Nummer 1141 (drucken)
Regie: John Crowley; Kamera: Yves Bélanger; Musik: Michael Brook; Darsteller: Saoirse Ronan (Ellis), Domhnall Gleeson (Jim Farrell), Emory Cohen (Tony), Jim Broadbend (Father Flood), Julie Walters (Mrs. Kehoe), Jessica Paré (Miss Fortini), Brid Brennan (Miss Kelly), Fiona Glascott (Rose); Länge: 113 min; Spielfilm; Irland 2015

Inhalt

Die junge Irin Ellis lässt in den frühen 50er Jahren Heimat und Familie hinter sich, um in New York die Chance auf ein besseres Leben zu ergreifen. In Brooklyn findet sie eine Anstellung in einem Modegeschäft und lernt auf einem irischen Tanzfest Tony kennen, der ihr hilft, sich in der Metropole einzuleben. Zwischen den beiden entwickelt sich trotz zahlreicher Schwierigkeiten eine intensive Liebesbeziehung. Eine Familientragödie zwingt Ellis dazu, nach Irland zurückzukehren, aber nicht bevor Tony und sie den Bund fürs Leben eingehen. In ihrer alten Heimat fühlen sich ihre damaligen Gefährten von den neuen Ellis brüskiert, aber bald findet sie beim charmanten Jim Trost. So sieht sich Ellis nicht nur vor die Wahl zwischen zwei Männern, sondern auch zwischen zwei Ländern gestellt.

Kommentar

Die Coming-of-Age-Geschichte, von Nick Hornby kongenial in Szene gesetzt, klingt an sich nicht neu, doch sie ist nicht nur in anmutig-altmodischer Manier zu Papier, sondern auch mit liebevoller Detailversessenheit auf die Leinwand gebracht worden. So bekommt der Zuschauer tatsächlich den Eindruck vermittelt, in eine andere Welt versetzt zu werden, in der der Rock'n'Roll seinen Siegeszug um die Welt noch nicht ansatzweise angetreten hat. Der Film erscheint beseelt von einem warmen, durchaus nostalgischen Blick auf jene Zeit, in der die USA mit ihrem Versprechen einer Möglichkeit des sozialen Aufstiegs für jedermann vor allem Menschen aus Europa anlockte, die quasi als Wirtschaftsflüchtlinge den Sprung über den großen Teich gewagt haben.. Der Film ist bis in die Nebenrollen ausgezeichnet besetzt und fügt sich aus vielen erinnerungswürdigen Momenten zu einem äußerst stimmigen Mosaik zusammen.
14.03.2016
The Big Short
Filmzettel – Nummer 1140 (drucken)
Regie: Adam McKay; Kamera: Barry Ackroyd; Musik: Nicholas Britell; Darsteller: Christian Bale (Michael Burry), Steve Carell (Mark Baum), Ryan Gosling (Jared Vennett), Brad Pitt (Ben Rickert), John Magaro (Charlie Geller), Karen Gillan (Evie), Melissa Leo (Georgia Hale), Marisa Tmei (Cynthia Baum); Länge: 131 min; Spielfilm; USA 2015

Inhalt

Im Jahr 2005 beginnt in den USA die Zeit der sog. Immobilienblase, sogar Arbeitslose werden dabei zu Villenbesitzern. Während die großen Geldinstitute daran optimal verdienen, wetten einige der profiliertesten Insider auf ein baldiges Platzen der Blase, hier exemplarisch dargestellt von bekannten Hollywood-Schauspielern. Und dann passiert genau das. Am Ende der Finanzkrise von 2008 sind 5 Billionen Dollar vernichtet, Zehntausende verlieren wegen der faulen Darlehen ihre Häuser und Millionen werden arbeitslos. Die Folgen: genau ein Banker musste ins Gefängnis, die anderen scheffelten in den Folgejahren schon wieder Boni in Millionenhöhe. Dahinter steht eine Gesellschaft, die sich lieber durch seichte Unterhaltung und gezielte Werbung einlullen lässt, als sich um das zu kümmern, was wirklich zählt.

Kommentar

Das Thema "Wallstreet" wird in US-amerikanischen Filmen ziemlich oft abgehandelt, genau wie die Mafia. Bei aller Offenheit und einem kritischen Aufzeigen der unsäglichen Mechanismen, die dabei im Hintergrund ablaufen, gibt es immer eine Prise unterschwelliger Bewunderung für die verbrecherischen Akteure. Frei nach dem Motto: "Seht her, so ist der Mensch, und ihr wäret doch in Wirklichkeit genauso, müsst aber leider in euren piefigen Reihenhäusern leben." So kommen die jungen Hedgefonds-Manager und Daytrader wie Helden in einem Paralleluniversum daher, wo nur Gier und Rücksichtslosigkeit herrschen und der Gott Mammon mit großer Inbrunst angebetet wird. Eingestreute Begriffe wie"Collateralized Debt Obligations" , "Subprime Loans" oder "Sidebets on Futures" kann ein Außenstehender sowieso nicht verstehen, was offensichtlich auch die Absicht der Urheber solcher Geschäftsmodelle war. Doch der normale Kinobesucher möge sich trösten, auch die Chefs z.B. der HSH Nordbank waren dazu nicht in der Lage. Bleibt die Frage, ob es irgendwann wieder auf die erbärmliche Ausrede hinauslaufen wird, wir hätten nicht gewusst, wo das alles noch mal enden wird. Nach dem Ansehen dieses Films dürfte das allerdings schwer fallen.
29.02.2016
Janis : Little girl blue
Filmzettel – Nummer 1139 (drucken)
Regie: Amy J.Berg; Kamera: Francesco Carrozzini, Paula Huidobro, Jenna Rosher; Musik: Joel Shearer; Länge: 106 min; Dokumentarfilm; USA 2015

Inhalt

Mit Hits wie "Me and Bobby McGhee", "Mercedes Benz" oder "Piece of my heart" ist Janis Joplin in die Annalen des Rocks eingegangen und wurde spätestens 1970 zur Legende, als sie mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin starb. Der Film versucht - vor allem anhand von persönlichen Dokumenten wie Briefen, Postkarten und Notizen - ein komplexes Bild der Musikerin zu vermitteln, und zwar jenseits der obligatorischen Konzertmitschnitte. Dabei werden ihre beiden großen Talente herausgestellt: die musikalische Begabung und die Fähigkeit, gegen den Strom zu schwimmen und nicht gleich beim ersten Gegenwind aufzugeben. Mit ihrer Reibeisenstimme und ihren griffigen Songtexten feierte die Sängerin in der Hippiezeit rund drei Jahre lang große Erfolge.

Kommentar

Anders als die Dokumentation "Amy" über Amy Whinehouse lässt die Filmemacherin Amy Berg ihre eigene Sicht auf die Protagonistin außen vor. Anstelle einer teleologischen Verdichtung des Lebensweges auf ein bestimmtes Ziel hin, kommt Janis Joplin hier ausführlich selber zu Wort, wobei die Archivaufnahmen, Fotografien und analysierten Songtexte kein glattes Bild zeichnen, sondern viele Fragen offen lassen. Dem Publikum ermöglicht dieser Ansatz, die Persönlichkeit der Sängerin selber einzuordnen und ihre unverwüstliche Musik mit dem fundierten Hintergrundwissen neu zu entdecken. Gerade ihre schwere Jugend mit Akne, Hang zu Depressionen und der Erkenntnis, so gar nicht dem Frauenbild der US-amerikanischen 50er Jahre zu entsprechen, führt zu einem tieferen Verständis der Persönlichkeit. Ihr Außenseiterdasein endete erst 1966, als sie bei der Band "Big Brother and the Holding Company" anheuerte und ins flippige San Francisco zog.
22.02.2016
Sture Böcke
Filmzettel – Nummer 1138 (drucken)
Regie: Grimur Hakonarson; Kamera: Sturla Brandt Grövlen; Musik: Atli Övarsson; Darsteller: Sigurour Sigurjonsson (Gummi), Thoedor Juliusson (Kiddi), Charlotte Boving (Katrin), Gunnar Jonsson (Grimur) ; Länge: 93 min; Spielfilm; Island 2015

Inhalt

In den von der Zivilisation fast unberührten Weiten Islands leben in nächster Nachbarschaft zwei betagte Schafzüchter, Gummi und Kiddi, die seit 40 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Die Schafherden der Brüder gewinnen regelmäßig Preise, auch wenn der eine dem anderen einen ersten Platz nicht gönnt, wenn er selber nur zweiter wird. Doch dann stellt ein Tierarzt fest, dass bei Kiddis Schafen eine Seuche ausgebrochen ist, die auch die anderen Herden im Tal bedroht. Alle Schafe der Region sollen zwangsgeschlachtet werden, eine existentielle Bedrohung für die Schafzüchter. Da eine Herde erst in einigen Jahren wieder neu gezüchtet werden kann, geben viele auf und ziehen in die Stadt. Auch Gummi tötet scheinbar alle seine Schafe. Doch im Geheimen heckt er einen Plan zur Erhaltung der kostbaren Rasse aus. Zu dumm nur, dass er dabei auf die Hilfe von Kiddi angewiesen ist.

Kommentar

Ein besonderes Merkmal dieses Films ist die unprätentiöse Art, in der die Geschichte der beiden Brüder erzählt wird. Weder die übliche Lakonie noch die Landschaftsaufnahmen oder der Naturalismus bei der Beobachtung des Alltagslebens der Schafzüchter werden überstrapaziert. Der Regisseur benutzt für seine fast schon archaische Story eher Gesten als Worte, eher Schroffheit als Postkartenromantik. Natürlich gewinnen die kauzigen Hauptdarsteller recht bald die Herzen der Zuschauer in ihrem Kampf gegen die Kontrolleure, die sich kaum um die Konsequenzen ihres Tuns scheren. So entwickelt dieses Drama allmählich eine beträchtliche Spannung und zeugt nebenbei von der Vitalität des Filmlandes Island. Folgerichtig hat es den preisgekrönten Film auch in das diesjährige Oscar-Rennen geschickt.
15.02.2016
Carol
Filmzettel – Nummer 1137 (drucken)
Regie: Todd Haynes; Kamera: Edward Lachman; Musik: Carter Burwell; Darsteller: Cate Blanchett (Carol Aird), Rooney Mara (Therese Belivet), Kyle Chandler (Harge Aird), Sarah Paulson (Abby), Carrie Brownstein (Genevieve Cantrell), Jake Lacy (Richard), Cory Michael Smith (Tommy Tucker), John Magaro (Dannie); Länge: 118 min; Spielfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

Im New York der 50er Jahre träumt die junge und schüchterne Therese von einem Job als Setdesignerin am Theater. In der Realität muss sie sich mit einem Job in einem Kaufhaus über Wasser halten. Dort lernt sie zufällig Carol kennen, eine elegante Lady, die aber in einer unerfüllten Ehe mit einem reichen Mann lebt. Verbunden durch das Gefühl der Einsamkeit beginnen die beiden Frauen immer mehr Zeit miteinander zu verbringen. Dabei entwickeln sie nach und nach stärkere Gefühle, sehr zum Missfallen von Carols Mann. Dieser droht damit, seiner Frau das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter zu entziehen. Dafür benötigt er handfeste Beweise für eine Liebesbeziehung zwischen Carol und Therese. Also zieht er alle Register und engagiert einen Privatdetektiv.

Kommentar

Kino-Poet Todd Haynes und sein Kameramann Ed Lachman zaubern mit unglaublicher Leichtigkeit, visueller Eleganz und Stilsicherheit ein atmosphärisch dichtes New York der 50er Jahre, dessen Retro-Schick ohne werbeästhetischen Firlefanz auskommt. Hier zählt jede Geste und jeder Wimpernschlag, was die beiden Hauptdarstellerinnen mit makelloser Präzision beherrschen. Während die selbstbewusste Alpha-Frau unter dem Druck, die Tochter zu verlieren, zunehmend zerbrechlicher wirkt, erwächst ihre junge Partnerin vom schüchternen Entchen zum stolzen Schwan. Insgesamt ein Plädoyer für Toleranz, mit subtiler Kritik an gesellschaftlichen Tabus und heuchlerischer Doppelmoral.
08.02.2016
Das brandneue Testament
Filmzettel – Nummer 1136 (drucken)
Regie: Jaco van Dormael; Kamera: Christophe Beaucame; Musik: An Pierle; Darsteller: Benoit Poelvoorde (Gott), Yolanda Moreau (Gottes Ehefrau), Catherine Deneuve (Martine), Pili Groyne (Ea); Länge: 113 min; Spielfilm; Belgien 2015

Inhalt

Gott ist kein ehrwürdiger alter Herr im Himmel, sondern ein verranzter Typ im Bademantel irgendwo in Brüssel. Wenn er schlechte Laune hat, überzieht er die Erde mit Katastrophen , oder er setzt sich an den Computer und erfindet sinnlose Gesetze um die Menschen zu ärgern. Außerdem unterdrückt er seine Frau Yolande, die immer noch ihrem Sohn JC nachtrauert, und die gemeinsame Tochter Ea. Irgendwann hat diese die Nase voll und haut ab um sechs neue Apostel zu suchen. Doch vorher ärgert sie ihren Vater noch gewaltig, indem sie sich in seinen PC reinhackt um von dort aus die Todesdaten aller Menschen per SMS zu versenden. Das macht Gott furchtbar zornig und so verlässt er seine Behausung, um seiner Tochter im Brüsseler Großstadtdschungel nachzustellen.

Kommentar

Was tut man, wenn man weiß, wie lange man noch zu leben hat ? Diese philosophisch hintergündige Frage bildet den Kern des Films, der überwiegend als Klamaukmomödie daherkommt. Dabei macht sich der Regisseur über allerlei christliche Traditionen und Mythen lustig, allerdings in eher moderater Form. Überall sind Filmzitate eingestreut, vor allem aus "King Kong" und "Die wunderbare Welt der Amélie". Auch feministische Fragen werden gestellt: "Wenn Gott einen Sohn hat, warum soll der dann nicht auch eine Frau und eine Tochter haben ? ". Der Film bringt alles mit für einen Arthouse-Hit - innovative Ideen, tolle Gags, virtuose optische Einfälle mit verblüffenden Special Effects und eine durchaus anspruchsvolle Thematik, die nicht nur sehr amüsant ist, sondern auch für endlosen Gesprächsstoff nach dem Kinobesuch sorgen könnte.
01.02.2016
Irrational man
Filmzettel – Nummer 1135 (drucken)
Regie: Woody Allen; Kamera: Darius Khondji; Darsteller: Joaquin Phoenix (Abe), Emma Stone (Jill), Parker Posey (Rita), Jamie Blakeley (Roy); Länge: 95 min; Spielfilm; USA 2015

Inhalt

Abe Lucas, der neue Philosophie-Professor, verwirrt seine
Studenten mit lockeren Sprüchen und einem ausgesprochen unsoliden Lebenswandel. Trotz Bierbauch hat der zynische Miesepeter einen ziemlichen Schlag bei Frauen. So mutiert seine verheiratete Kollegin zum Liebesluder, auch die junge Studentin Jill versucht den virilen Lehrer mit smarten Sprüchen zu becircen, sehr zum Ärger ihres Freundes. Die
Lebensgeister des Philosophen erwachen erst, als er in einem Restaurant zufällig zum Zeugen eines Gespräches wird, in dem eine verzweifelte Mutter über einen gnadenlosen Richter klagt, der dabei ist ihre Existenz zu zerstören. "Was tun, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen ?" , fragt sich Abe. Etwa durch einen perfekten Mord ?

Kommentar

Woody Allen, die 44. Und wie immer reflektiert er seine eigenen Sehnsüchte, umgeben von psychologischen Erklärungen. Hier wird erneut der alternde Herr der Schöpfung in den Focus gerückt, der wieder mal gegen Impotenz, Selbstzweifel und Vergänglichkeit ankämpfen muss. Dabei ist es eine deprimierende Botschaft, die uns der 79jährige Regisseur mit auf den Weg gibt: nur eine vermeintliche Heldentat wie die Beseitigung eines boshaften Zeitgenossen kann die abgestorbenen Lebensgeister noch wiedererwecken. Was ist das bloß für eine Gesellschaft, in
der jeder zweite zum Seelenklempner rennt und einer der
größten Psychopathen sich Hoffnung auf den Posten des mächtigsten Mannes auf diesem Planeten machen kann ?
25.01.2016
Ewige Jugend
Filmzettel – Nummer 1134 (drucken)
Regie: Paolo Sorrentino; Kamera: Luca Bigazzi; Musik: David Lang; Darsteller: Michael Caine (Fred Ballinger), Harvey Keitel (Mick Boyle), Rachel Weisz (Lena Ballinger), Paul Dano (Jimmy Tree), Jane Fonda (Brenda Morel); Länge: 118 min; Spielfilm; Italien 2015

Inhalt

Die beiden alten Freunde Fred Ballinger und Mick Boyle verbringen zusammen mit Freds Tochter und Managerin
Lena einen Erholungsurlaub in einem exklusiven Wellnesshotel am Fuß der Alpen. Während der berühmte Komponist Fred nur seinen Ruhestand genießen möchte und sogar eine Anfrage der Queen nach einem persönlichen Konzert ablehnt, versucht Mick - umgeben von jungen, hungrigen Drehbuchschreibern - ein letztes filmisches Meisterwerk zu schaffen. Doch just die Diva, der er sein Filmprojekt widmen wollte, erweist sich als undankbare Zicke. So beschließen die beiden, lieber über das Leben als solches und die Macken der anderen Hotelgäste zu philosophieren.

Kommentar

Nach seinem Oscar für den besten fremdsprachigen Film 2014 ("La Grande Bellezza") hat Paolo Sorrentino mit "Ewige Jugend" im letzten Jahr den europäischen Filmpreis gewonnen. In beiden Werken zeigt er sich als Meister seines Fachs, der mit seinem opulenten Ideenreichtum an Bildern und Szenen fast jeden Schauplatz zu einer phantastisch-surrealen Filmkulisse aufzuladen versteht, die sicher nicht ganz ungewollt an die Bilderwelten Fellinis erinnert. "Ewige Jugend" ist Schauspieler-Kino vom Feinsten, das mit ironischer Leichtigkeit und großer Freude an allegorischen Bezügen auf die Leinwand gebracht wurde. Es geht um die ebenso bittersüße wie auch süffisante Betrachtung der Vergänglichkeit, die Freunde plaudern bei einem guten Wein von alten Zeiten, den verflossenen Liebschaften wie auch von ihren undankbaren Kindern, die ihrerseits in Lebenskrisen stecken. Dabei beobachten sie überwiegend bissig die illustre Gesellschaft, von der sie umgeben sind. Und sogar Miss Universum lenkt ihre wehmütigen Blicke auf sich, als sie wie eine Ikone der Jugend nackt in den Pool steigt. Doch das große Erzählkino, dem der Film huldigt, ist nun seinerseits in die Jahre gekommen, bedrängt von digitaler Konkurrenz. Hoffen wir, dass uns Filme wie dieser noch lange begegnen werden.
18.01.2016
Erich Mielke - Meister der Angst
Filmzettel – Nummer 1133 (drucken)
Regie: Maarten van der Duin ; Jens Becker; Kamera: Jürgen Rehberg; Oliver Buschner; Darsteller: Kaspar Eichel (Erich Mielke) [nachgestellte Spielszene]; Länge: 90 min; Dokumentarfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Erich Mielke, Jahrgang 1907, wurde im Alter von 50 Jahren Chef des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR. Seine Referenzen: die Eltern waren 1918 Gründungsmitglieder der KPD, Mielke selber aktives KPD-Mitglied, 1931 Mord an zwei Polizisten am Berliner Bülowplatz, Flucht in die UdSSR und dortige politische Kaderausbildung, Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg als Offizier der stalinistischen Geheimpolizei SIM. Der Film kombiniert Archivbilder, historische Dokumente und Zeitzeugen-Interviews mit gespielten Szenen. Bei letzteren geht es um Mielkes Zeit in der Berliner Justizvollzugsanstalt Moabit, wo er im Gespräch mit einer Psychologin sein Leben resümiert. Erich Mielke starb am 21.Mai 2000 in einem Altenpflegeheim in Berlin- Neu- Hohenschönhausen.

Kommentar

Der Film entlarvt den ehemals zweimächtigsten Mann des Arbeiter- und Bauernstaates als Spießbürger in Uniform und unverbesserlich-brutalen Paranoiker. Es fehlt dabei weder das berüchtigte viereinhalb-Minuten-Frühstücksei, das ihm seine Sekretärin an den Schreibtisch in der Normannenstraße pünktlich servieren musste, noch sein liebstes Hobby, die traditionelle Jagd in artgerechter Waldkluft in der Schorfheide vor den Toren Berlins. Die am Ende des Films nachgestellten Spielszenen aus der Haftzeit Mielkes in Moabit entwickeln sich zu einem kammerspielartigen Duell zwischen dem zerknirschten Altstalinisten und einer naiv-inquisitorischen Gerichtspsychiaterin. Man könnte es als spannendes Lehrstück in Sachen Manipulation und Vergangenheitsbewältigung deuten, wenn die beiden Filmemacher die Vorführung Mielke als traurigen Clown nicht unnötig überspitzt hätten.
11.01.2016
HalloHallo
Filmzettel – Nummer 1132 (drucken)
Regie: Maria Blom; Kamera: Ari Willey; Musik: Andres Nygards; Darsteller: Maria Sid (Disa), Ann Petren (Irene),Tina Raborg (Wenche), Johan Holmberg (Kent), Calle Jacobsson (Laban); Länge: 98 min; Spielfilm; Schweden 2014

Inhalt

Die Krankenschwester Disa war noch vor kurzem zufrieden mit ihrem Leben, ein netter Mann, zwei Töchter - doch das ist vorbei, seit sich Laban in eine andere Frau verliebt hat und ausgezogen ist. Dabei hat die Mittvierzigerin ohnehin ein geringes Selbstwertgefühl, ist stets zuvorkommend, aufopferungsvoll und lässt sich von der resoluten Krankenhauschefin ebenso herumkommandieren wie von ihrer Mutter. Immerhin macht sie einen ersten Schritt aus ihrer Misere,indem sie sich für einen Selbstverteidigungskurs anmeldet. Als sie dann noch den coolen Kent kennenlernt, einen Vater von sieben Kindern von vier Frauen, der sein Single-Dasein zu genießen scheint, lernt sie ihre wichtigste Lektion: öfter mal an sich als immer nur an andere denken !

Kommentar

Mit sicherem Gespür balanciert die bekannte schwedische Regisseurin Maria Blom komische Momente bis hin zum Slapstick mit melodramatischen und melancholischen Passagen aus. Neben den komplex skizzierten Hauptpersonen lässt sie auch den Nebenfiguren Luft zum Atmen. Besonders beeindruckend Maria Sid als Disa - ihr
lebhaftes Gesicht ist ebenso ausdrucksstark wie ihre strahlenden, wachen Augen, mit denen sie Verwirrung und Traurigkeit zeigt und im nächsten Moment die pure Lebensfreude. Insgesamt also solide Unterhaltung mit etwas Tiefgang. Die Zuschauer wissen es zu würdigen : die beschwingte Komödie gewann jeweils den Publikumspreis, sowohl auf dem Filmfest Hamburg als auch bei den Nordischen Filmtagen in Lübeck.
04.01.2016
Die Schüler der Madame Anne
Filmzettel – Nummer 1131 (drucken)
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar; Kamera: Myriam Vinocour; Musik: Ludovico Einaudi; Darsteller: Ariane Ascaride (Anne Gueguen), Ahmed Dramé (Malik), Noémie Merlant (Mélanie), Geneviève Mnich (Yvette), Wendy Nieto (Jamila), Adrien Hurdubae (Théo); Länge: 105 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Anne Gueguen ist Geschichtslehrerin und übernimmt eine 11.Klasse am Leon-Blum-Gymnasium im Pariser Vorwort Créteil, einem berüchtigten sozialen Brennpunkt. Für die engagierte Pädagogin bedeuten die Schüler dieser Klasse eine echte Herausforderung, denn in der Schule tragen sie ihre kulturellen und persönlichen Konflikte aus, immer im Bewusstsein, dass sich in der Welt da draußen kaum jemand für sie interessiert und dass ihre Zukunft alles andere als rosig aussieht. So wird das Klassenzimmer zur Bühne von Aggressionen - Ohrfeigen, Frotzeleien und Störungen des Unterrichts sind an der Tagesordnung. Doch die Lehrerin weiß, dass mehr in diesen verstockten Jugendlichen steckt als sie sich selber eingestehen wollen. Gegen den Willen der Schulleitung meldet sie ihre Schüler für einen renommierten nationalen Wettbewerb zum Thema Resistance an und weckt in ihnen den Willen, etwas zu lernen - über die Geschichte Frankreichs und über sich selbst.

Kommentar

Das kompakte Drehbuch verfasste die Regisseurin gemeinsam mit Ahmed Dramé (im Film Malik), der die wahre Geschichte als einer derSchüler am eigenen Leib miterlebte und das Filmprojekt überhaupt erst anleierte. Im Vordergrund steht dabei die Authentizität der Ereignisse : gecastete Laiendarsteller, die aggressive Klassenzimmer-Atmosphäre, die Trostlosigkeit der Pariser Vorstadt-Ghettos sowie die Skepsis von Madame Annes Kollegen. Die tapfere Lehrerin wirkt manchmal etwas zu fehlerlos und auch die Wandlung der desinteressierten Problem-Teenies zu nachdenklichen jungen Menschen ist durch die Struktur des Films so vorhersehbar wie unvermeidlich. Im realen Leben wird dieser mentale Schwenk durch den Vortrag des Holocaust-Überlebenden Léon Zyguel ausgelöst. Er tritt auch im Film auf und erzählt in einfacher Weise von seiner Deportation als Jugendlicher, vom Lageralltag sowie seinem Überleben. Schon seinetwegen lohnt sich das Anschauen dieses Films.
28.12.2015
Wie auf Erden
Filmzettel – Nummer 1130 (drucken)
Regie: Kay Pollack; Kamera: Harald Gunnar Paalgard; Musik: Ale Möller; Darsteller: Frida Hallgren (Lena), Jakob Oftebro (Axel), Lennart Jäkel (Arne), Niklas Falk (Stig), Björn Granath (Bjølke), André Sjöberg (Tore), Björn Bengtsson (Jonas) ; Länge: 132 min; Spielfilm; Schweden 2015

Inhalt

Ein paar Monate nach den Ereignissen im Vorgängerfilm "Wie im Himmel" bekommt Lena ihr Kind, doch da der Vater tot ist, muss sie sich mit den Widrigkeiten des Lebens allein herumschlagen. Ähnlich schwer hat es der Pfarrer Stig, der damit hadert, dass kaum noch jemand sonntags in die Kirche kommt. Als nun die Hundertjahrfeier der Dorfkirche ansteht, heckt er zusammen mit Lena einen gewagten Plan aus.Sie soll einen Chor und ein Orchester aus Laien der Umgebung zusammenstellen und mit dieser Musikgruppe Händels Messias aufführen. Doch dabei ergeben sich zunächst Schwierigkeiten auf allen erdenklichen Ebenen.

Kommentar

Zehn Jahre nach dem großen Erfolg von "Wie im Himmel" ließ sich Regisseur Kay Pollack überreden, endlich eine Fortsetzung zu drehen. Dabei kehrt er genau zu den Figuren zurück, die ihm einen Welterfolg, eine Oscar-Nominierung und zahlreiche Fans beschert hatten. Sehr vorsichtig geht er dabei zu Werke, betritt nie Neuland, sondern variiert die Geschichte und vor allem die Moral des Originals nur wenig. Es geht auch hier um die verbindende Kraft der Musik und um die liebevolle Darstellung von Außenseitern der Gesellschaft, die sich gegen Konformismus zur Wehr setzen. Der Plot ufert allerdings gegen Ende des Films dermaßen aus, dass man Mühe hat, den roten Faden wiederzufinden. Es ist, als habe Pollack es allen recht machen wollen, und dabei den Überblick verloren. Was bleibt, ist die Unkaputtbarkeit der Chorsequenz "Hallelujah" !
21.12.2015
Familienfest
Filmzettel – Nummer 1129 (drucken)
Regie: Lars Kraume; Kamera: Jens Harant; Musik: /; Darsteller: Günther Maria Halmer (Hannes Westhoff), Hannelore Elster (Renate), Michaela May (Anne), Lars Eidinger (Max), Hördis Triebel (Jenny), Barnaby Metschurat (Frederik), Marc Hosemann (Gregor), Nele Mueller-Stöfen (Charlie); Länge: 89 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Zum 70.Geburtstag von Hannes Westhoff kommt die Familie im herrschaftlichen Wohnsitz des Patriarchen zusammen. Anne, seine zweite Ehefrau, hat nicht nur die drei Söhne ihres Mannes eingeladen, sondern auch deren Mutter, Hannes' Ex-Frau Renate. Anne tut alles für eine entspannte Stimmung. Dennoch kann sie nicht verhindern, dass die Familienmitglieder auch bei diesem feierlichen Anlass aufeinander losgehen. Ohne Rücksicht auf Verluste lassen sie den gegenseitigen Sticheleien, Vorwürfen und Aversionen freien Lauf. Bis eine Nachricht alles verändert und das Fest eine dramatische Wendung nimmt.

Kommentar

Wenn eine Familienfeier im Kino völlig entgleist, dann denken viele Cineasten sogleich an Claude Chabrol oder Thomas Winterberg. Daher ist die Thematik zwar kaum originell, dramaturgisch allerdings absolut hochwertig. Bestechend an Kraumes Arbeitsweise ist die Bildgebung, die von seinem "Haus-Kameramann" Jens Harant in sehenswerter Hybrid-Optik erstellt wurde. Hinzu kommt der exquisite Cast mit den ganz unterschiedlich aufspielenden Alt-Mimen sowie jungen deutschsprachigen Kollegen. Das Klischee, wonach Geld nicht etwa glücklich macht, sondern eher den Charakter verdirbt, so dass die Kinder aus solchen Familien durch Mangel an Liebe zu unglücklichen, lebensuntauglichen Erwachsenen werden, die ihr Leben lang nach Anerkennung heischen, durchzieht natürlich den gesamten Plot. Man könnte meinen, dass ein Hartz IV - Empfänger hier deutlich erkennen kann, wie gut es ihm geht, weil er kein Geld hat. Doch auf den zweiten Blick bietet das Drehbuch dann doch einige überraschende Wendungen, die vor allem mit Max und seiner Krankheit zu tun haben. Insbesondere Jenny, eine Krankenschwester, die Max unterwegs aufgelesen hat, blickt unvoreingenommen auf das ganze Desaster und wird dadurch zur wichtigsten Figur im Patriarchen-Bashing. Auch wenn dieses von UFA Fiction in Zusammenarbeit mit Arte für das ZDF produzierte Werk kürzlich auf der Mattscheide zu sehen war, lohnt gerade deshalb der vergleichende Kinobesuch.
14.12.2015
Der letzte Wolf
Filmzettel – Nummer 1128 (drucken)
Regie: Jean-Jaques Annaud; Kamera: Jean-Marie Drejou; Musik: James Horner; Darsteller: Feng Shaofeng (Chen Zhen), Shawn Dou (Yang Ke), Ankhnyam Ragchaa (Gasma), Yin Zhusheng (Bao Shunghi), Basen Zhau (Bilig); Länge: 119 min; Spielfilm; Frankreich, China 2015

Inhalt

China 1967. Im Gefolge von Maos Kulturrevolution wird der Student Chen Zhen in die innere Mongolei geschickt, um den dortigen Bewohnern des endlosen Graslandes Lesen und Schreiben beizubringen. Doch der junge Stadtmensch aus Peking interessiert sich mehr für die archaische Wildnis und das von den Hirtenvölkern am meisten gefürchtete und verehrte Tier: den Wolf. Als per Dekret von oben die Ausrottung aller Wolfswelpen verordnet wird, gelingt es ihm, ein Junges zu retten und mit der Hand aufzuziehen. Aber damit verstößt er auch gegen den Aberglauben der Mongolen und so lässt die Reaktion der Wolfsmeute nicht lange auf sich warten.

Kommentar

Bereits in seinem Film "Der Bär" (Filmclub am 14.06.1993) hatte der französische Starregisseur Jean-Jacques Annaud seine Fähigkeiten als Naturfilmer unter Beweis gestellt. Für sein neuestes Projekt benötigte er natürlich die Drehgenehmigung der chinesischen Behörden und die hatten ihn und Brad Pitt, seinen damaligen Hauptdarsteller des Films "Sieben Tage in Tibet" über den Forschungsreisenden und NS-Symphatisanten Heinrich Harrer, mit einem lebenslangen Einreiseverbot belegt. Fast 20 Jahre später scheint Peking seinen Zorn vergessen zu haben und gestattete Annaud sogar die Realisierung eines Prestige-Projekts. Denn "Der letzte Wolf" basiert auf dem autobiographischen Roman eines chinesischen Wirtschaftsprofessors aus dem Jahr 2004 und genießt im Reich der Mitte große Popularität. So hat der Film allein in China seit Februar 2015 über 110 Millionen Dollar eingespielt und wurde sogar als chinesischer Beitrag in das Rennen um den nächsten Auslands-Oscar geschickt.
Bliebe noch anzumerken, dass der berühmte kanadische Tiertrainer Andrew Simpson eigens für zwei Jahre nach China gezogen ist, um die menschenscheuen Vierbeiner in ihren verschiedenen Lebensphasen an den Umgang mit der Filmcrew zu gewöhnen.
07.12.2015
Madame Marguerite oder Die Kunst der falschen Töne
Filmzettel – Nummer 1127 (drucken)
Regie: Xavier Gianolli; Kamera: Glynn Speeckaert; Musik: Ronan Maillard; Darsteller: Catherine Frot (Marguerite Dumont), André Marcon (Georges Dumont), Michel Hau (Atos Pezzini/Divo), Christa Théret (Hazel), Denis Mpunga (Madelbos), Sylvain Dieuaid (Lucien Beaumont), Aubert Fenoy (Kyril Von Priest), Théo Cholbi (Diego) ; Länge: 127 min; Spielfilm; Frankreich 2015

Inhalt

Frankreich in den sog. Goldenen 20er Jahren: Jahr für Jahr begeben sich unzählige Musikliebhaber auf das opulente Anwesen der Madame Marguerite Dumont vor den Toren von Paris, um gemeinsam klassischer Musik zum lauschen. Als Höhepunkt gibt die Gastgeberin dann auch selbst eine paar Arien zum Besten, nur leider tut sie das ohne jedes Talent. Die Gäste lachen sie hinter ihrem Rücken aus, behandeln sie auf Nachfrage aber wie eine begabte Sängerin. Als dann ein ihre Sangeskünste lobender Zeitungsartikel von einem betrügerischen Journalisten erscheint, sieht sich Madame Marguerite schon als große Diva auf den Opernbühnen der Welt. Also nimmt sie Gesangsunterricht bei einem bekannten Opernsänger, der sie auf ihren ersten großen Auftritt vor fremdem Publikum vorbereiten soll.

Kommentar

Der in Prag gedrehte Film basiert auf einem realen Hintergrund: In den USA der 30er und 40er Jahre versuchte sich die Millionenerbin Florence Foster Jenkins als Opernsängerin, obwohl ihre Stimme den Partituren in keiner Weise gewachsen war. Für den Regisseur wäre es ein Leichtes gewesen, aus diesem Stoff eine Farce zu machen und die Heldin darin durch den Kakao zu ziehen. Doch er beschreibt Marguerite mit großer Sympathie als vereinsamte Seele mit unbeirrbarer Leidenschaft für die Musik und unstillbarem Hunger nach Anerkennung und Liebe. Wie man beharrlich die eigene Talentlosigkeit leugnen und von einem wenig objektiven Umfeld noch im Irrglauben an die eigene "Superstar"-Qualität bestärkt werden kann, das wird in den Casting-Shows von Dieter Bohlen und Konsorten intensiv zelebriert und sorgt für die traurige Belustigung eines johlenden Millionenpublikums. Gerade in einer Zeit, in der jeder Erdenbürger dank Internet und Sozialer Medien mit dem kleinsten aufgezeichneten Fehltritt sofort zum weltumspannenden Gespött werden kann, entwickelt der Film eine beängstigende Aktualität.
30.11.2015
Picknick mit Bären
Filmzettel – Nummer 1126 (drucken)
Regie: Ken Kwapis; Kamera: John Bailey; Musik: Nathan Larson; Darsteller: Robert Redford (Bill Bryson), Nick Nolte (Stephen Katz), Emma Thompson (Catherine Bryson), Mary Steenburgen (Jeannie), Nick Offermann (Dave); Länge: 104 min; Spielfilm; USA 2015

Inhalt

Nachdem er eine Beerdigung zu viel in seinem Bekanntenkreis erlebt hat und außerdem in einem kreativen Tief steckt, sucht der alternde Journalist und Autor Bill Bryson eine inspirierende Grenzerfahrung. Diese findet er auf dem Appalachian Trail, einem 3500 km langen US-Fernwanderweg, der quer durch 14 Bundesstaaten verläuft. Ehefrau Catherine ist wenig begeistert von der Idee und stellt die Bedingung, dass Bill nicht allein wandert. Doch niemand will den Miesepeter auf seinem anspruchsvollen Trip begleiten. Bis sich Stephen Katz überraschend selbst einlädt - ein Freund aus früheren Zeiten, den Bryson seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen hat. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg und treffen dynamische Jungwanderer, Bären, schrullige Besserwisser und sogar eine verführerische Pensionsbetreiberin.

Kommentar

Der Film ist quasi die Antwort auf den europäischen Erfolgsfilm "Saint Jacques - Pilgern auf französisch", enthält er doch diesen bittersüßen Sympathiefaktor für grauhaarige Naturfreunde. Grundlage ist das 1997 entstandene Buch des amerikanischen Autors Bill Bryson ("Eine kurze Geschichte von fast allem" ; "Mein Amerika - Erinnerungen an eine ganz normale Kindheit"), dessen Rechte sich Robert Redford seinerzeit gesichert hatte und das er eigentlich mit seinem alten Filmkumpel Paul Newman verfilmen wollte. Als dieser erkrankte und 2008 verstarb, lag das Projekt auf Eis, bis sich Nick Nolte für die Kumpel-Rolle fand. Dieser massige Mime verleiht mit funkelnden Augen und Raspelstimme der Rolle des Stephen Katz so viel Charme und Humor, das sogar der ewig schlecht gelaunte Bryson weich wird. Erstaunlich, wie manchmal geradezu genial das Zusammenspiel der beiden funktioniert. Die Witze im Dialog sind nicht aufgesetzt, sondern entwickeln sich wie selbstverständlich aus den Charakteren und den komischen Situationen, in die sie geraten. Apropos: Am 24.Dezember läuft in den deutschen Kinos die Verfilmung von Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" an.
23.11.2015
Der Staat gegen Fritz Bauer
Filmzettel – Nummer 1125 (drucken)
Regie: Lars Kraume; Kamera: Jens Harant; Musik: Julian Maas, Christoph Kaiser; Darsteller: Burghart Klaußner (Fritz Bauer), Roland Zehrfeld (Karl Angermann), Sebastian Bloomberg (Ulrich Kreidler), Laura Thome (Fräulein Schütt), Dani Levy (Chaim Cohn) Lilith Stangenberg (Victoria), Cornelia Gröschel (Charlotte Angermann), Robert Atzorn (Cha; Länge: 105 min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Deutschland 1957. Während die noch junge Bundesrepublik versucht, die NS-Zeit hinter sich zu lassen, kämpft der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der 1933 als jüdischer Sozialdemokrat aus seinem Heimatland vertrieben wurde, unermüdlich dafür, die Täter im eigenen Land vor Gericht zu stellen. Zwölf Jahre nach Kriegsende erhält er den entscheidenden Hinweis darauf, dass sich der frühere SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in Argentinien versteckt hat. Gemeinsam mit dem jungen Staatsanwalt Karl Angermann beginnt er die Hintergründe zu recherchieren. Doch gegen sein Vorgehen formiert sich Widerstand bis in die höchsten Kreise, denn ehemalige NS-Größen sitzen auf Staatssekretärsposten in der damaligen Adenauer-Regierung. Nachdem Bauer mitbekommen hat, dass sowohl der Bundesnachrichtendienst als auch der CIA über den Aufenthaltsort Eichmanns längst Bescheid wussten, wendet er sich an den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad. Damit begeht er als deutscher Beamter quasi Landesverrat.

Kommentar

Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer ist eine der Leitfiguren der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, ein standhafter Held, den leider zu wenige kennen. Im Vorjahr hat der Justizthriller "Im Labyrinth des Schweigens" den vergessenen Juristen wieder in das kollektive Gedächtnis der Deutschen zurückgeholt. In die Geschichtsbücher eingegangen ist der gebürtige Stuttgarter, weil er 1963 den Auschwitz-Prozess ins Rollen gebracht hatte. Der 42-jährige Regisseur Lars Kraume hat das Drehbuch zusammen mit dem französischen Historiker und Sachbuchautor Olivier Guez verfasst und setzt den Schwerpunkt auf die Verfolgung des "Organisators der Endlösung", Adolf Eichmann. Dabei steht ihm mit Burghart Klausner ein gestandener Theatermann und subtiler Charakterdarsteller für die Titelrolle zur Verfügung. Klausner spricht nicht viel, aber er wirkt. Leider hält sich der Film nicht immer an nur nüchterne Fakten. So ist der junge, verkappt homosexuelle Staatsanwalt Karl Angermann ein fiktiver Charakter. Dieser dramaturgische Schachzug ermöglicht zwar mehr künstlerische Freiheit, verhindert aber eine redliche Auseinandersetzung mit dem Thema.
16.11.2015
Ich und Kaminski
Filmzettel – Nummer 1124 (drucken)
Regie: Wolfgang Becker; Kamera: Jürgen Jürges; Musik: Lorenz Dangel; Darsteller: Daniel Brühl (Sebastian Zöllner), Jesper Christensen (Manuel Kaminski), Amira Casar (Miriam Kaminski), Denis Lavant (Karl-Ludwig), Hördis Triebes (Elke), Geraldine Chaplin (Therese Lessing), Josef Hader (Zugbegleiter); Länge: 120 min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Der eitle, aber erfolglose Kunstjournalist Sebastian Zöllner steckt in einer Lebenskrise. Seine Freundin hat ihn rausgeworfen und auch beruflich läuft nichts Richtiges. Das soll sich alles ändern, denn er hat vor, eine Biografie über den Maler Manuel Kaminski zu schreiben, der im Paris der Nachkriegszeit als Schüler von Picasso und Matisse einmal eine ganz große Nummer war, legendär geworden durch seine Bildunterschrift "Painted by a blind man". Zöllner spekuliert darauf, dass der alte Mann, welcher mittlerweile zurückgezogen in den Schweizer Bergen lebt, bald sterben wird, so dass eine Biografie ein großer Erfolg werden könnte. Er recherchiert also in der Kunstszene, befragt alte Weggefährten des Malers, besucht Frauen, die ihm seinerzeit Modell gestanden haben und drängt sich dann in das Privatleben des Altmeisters. Als er ihn unter dem Vorwand,seine Jugendliebe aufzusuchen, aus dem tristen Alltag entführt, nimmt die Handlung Fahrt auf. Denn die Reise verläuft völlig anders, als es sich der Möchtegern-Biograf gedacht hatte.

Kommentar

Selten ist ein deutscher Film mit so großer Spannung erwartet worden wie dieses Werk von Wolfgang Becker. Zwölf Jahre nach seinem Erfolg "Goodbye Lenin" wagt er sich an die Adaption eines Daniel Kehlmann-Romans. Und überlässt - wie damals - dem inzwischen zu einem internationalen Star herangereiften Daniel Brühl die Hauptrolle. Bereits in derEinleitung wird der Zuschauer mit der Hauptthematik des Films vertraut gemacht, der Verlogenheit und Sensationsgier einer medienbestimmten Kunstszene. In Szene gesetzt ist das Ganze außergewöhnlich trickreich und mit verblüffenden Kunst-in-Kunst-Effekten. Gemalte Bilder werden lebendig und springen aus dem Rahmen, werden zu Filmbildern , verwandeln sich durch die Zeiten und werden wiederum zu Bildern in Rahmen. Man spürt förmlich das Vergnügen der Filmschaffenden an diesem sinnlichen wie innovativen Vorgehen. Dabei bleibt der lakonisch geschliffene Wortwitz der Romanvorlage auch auf der Leinwand erhalten. Insgesamt also ein intellektuelles Highlight !
09.11.2015
Landraub - Die globale Jagd nach Ackerland
Filmzettel – Nummer 1123 (drucken)
Regie: Kurt Langbein ; Christian Brüser; Kamera: Wolfgang Thaler, Attila Boa, Christian Roth; Musik: Thomas Kathreiner; Länge: 95 min; Dokumentarfilm; Österreich 2015

Inhalt

Ackerland wird immer seltener und wertvoller. Jedes Jahr gehen etwa 12 Millionen Hektar durch Versiegelung verloren. Nach der Finanzkrise 2008 hat das globale Finanzkapital die Äcker dieser Welt als neues lohnendes Geschäftsfeld entdeckt. Die sog. Großinvestoren pachten und kaufen, vor allem in Ländern der 3.Welt, riesige Landflächen, zahlen dafür niedrige Beträge und machen dann aus ehemaligem Ackerland, Brachflächen oder aus Urwäldern monokulturelle Nutzflächen, die sie dann unter hohem Aufwand an Wasser, Chemie und Energie mit GPS-gesteuerten Maschinen bewirtschaften lassen. Der Film folgt dieser Entwicklung quasi um die ganze Welt. In Asien, Südamerika, und Afrika, aber auch beinahe direkt um die Ecke, in Rumänien, haben die Filmemacher mit den Beteiligten, mit den Finanzleuten und den Betroffenen, gesprochen, ohne anzuklagen, ohne zu verurteilen, aber schon mit einem deutlichen Blick auf die Verteilung von Recht und Unrecht.

Kommentar

Der Filmtitel "Landraub" wirkt im Hinblick auf die dargestellten Fälle etwas zu reißerisch, "Landgrabbing" wäre eine bessere Alternative gewesen. Dieser Begriff bezeichnete ursprünglich die illegale Aneignung von Land, wird aber zunehmend auch für den formal legalen, aber fragwürdigen Erwerb von Land durch Regierungen oder Konzerne in Entwicklungs- und Schwellenländern verwendet. Als besondere Beispiele dienen den Regisseuren die Länder Äthiopien, Sierra Leone, Malaysia, Indonesien, Kambodscha und Rumänien. Vor allem die Situation in Kambodscha, einem der ärmsten Länder der Welt, wirft ein Schlaglicht auf die dargestellten Missstände. Der Film zeigt die gewaltsamen Vertreibungen von Bauern mit Bulldozern sowie das Niederbrennen ihrer Hütten. Die Regierung Kambodschas hat inzwischen 65% der Anbaufläche des Landes an Konzerne vergeben. Während bis vor sieben Jahren in diesem Land keinerlei Zuckerrohr angebaut wurde, gibt es heute bereits Zuckerrohrplantagen auf mehr als 100.000 Hektar. Und es sind EU-Förderprogramme, die oftmals dahinterstecken. Bemerkenswert ist schließlich die Form der Bilder, sie sind machmal von irrealer Schönheit , fast schon meditativ: Riesige Mähdrescher, die wie seltsame Riesentiere im Morgengrauen über endlose Felder fahren, oder bis an den Horizont reichende riesige Wälder, wo sich eine Ölpalme an die andere reiht.
02.11.2015
45 Years
Filmzettel – Nummer 1122 (drucken)
Regie: Andrew Haigh; Kamera: Lol Crawley; Musik: Connie Farr; Darsteller: Charlotte Rampling (Kate Mercer), Tom Courtenay (Geoff Mercer), Geraldine James (Lena), Dolly Wells (Charlotte); Länge: 93 min; Spielfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

Das kinderlose Rentnerpaar Kate und Geoff lebt zurückgezogen in einem idyllischen Landhaus im ostenglischen Norfolk. Kate bereitet gerade ein großes Fest zum 45.Jahrestag ihrer Hochzeit vor, als ein Brief aus der Schweiz eintrifft. Darin informieren die dortigen Behörden Geoff, dass im ewigen Eis einer Gletscherspalte die Leiche seiner ehemaligen Freundin Katja gefunden wurde, die dort vor 50 Jahren beim gemeinsamen Bergwandern tödlich verunglückt ist. Kate und Geoff sind beide schockiert, können ihre Verunsicherung einander aber nicht mitteilen. Als sie davon erfährt, dass er und seine deutsche Jugendliebe verlobt waren, wachsen in ihr die Zweifel. Und als sie mitbekommt, dass Geoff nachts auf den Dachboden steigt, um in alten Kisten zu wühlen, schaut sie in einem geeigneten Moment dort selber nach und macht eine bestürzende Entdeckung.

Kommentar

Für das auf der auf der Kurzgeschichte "In Another Country" von David Constantine beruhende Beziehungsdrama bekam der britische Regisseur Andrew Haigh auf der diesjährigen Berlinale den silbernen Bären. Er hat das intime Kammerspiel in die Kapitel von sechs Wochentagen unterteilt, wobei die Spannung sich immer mehr aufbaut: Fiasko oder Versöhnung ? Dabei geht es im Kern um die wesentlichen Fragen in einer jeden alternden Beziehung. Kann man von der Vergangenheit so sehr eingeholt werden, dass man die Gegenwart aufs Spiel setzt ? Waren das vermeintliche Glück und die Liebe nur eine Illusion ? Was tut man nach 45 Ehejahren in einer bedrohlichen Beziehungskrise ? Haigh entwickelt das Ganze mit souverän subtiler Dramaturgie sowie enormer emotionaler Präzision. Wie beim Häuten einer Zwiebel legt er die Gemütslage seiner Akteure immer mehr frei, findet dabei sogar noch Raum für britischen Humor. Und mit den beiden Hauptdarstellern hat er ein ideales Traumpaar für diese ambitionierte Konzeption.
26.10.2015
Der Chor - Stimmen des Herzens
Filmzettel – Nummer 1121 (drucken)
Regie: Francois Girard; Kamera: David Franco; Musik: Brian Byme; Darsteller: Garrett Wareing (Stet), Dustin Hoffman (Master Carvelle), Kathy Bates (Headmistress), Josh Lucas (Gerard), Kevin McHale (Wooly); Länge: 103 min; Spielfilm; USA 2015

Inhalt

Der rebellische 12jährige Stet ist in der Schule ein Außenseiter und auch zu Hause fühlt er sich von seiner alkoholkranken, alleinerziehenden Mutter allein gelassen. Als diese bei einem Autounfall zu Tode kommt, übernimmt der Vater, der längst wieder eine eigene Familie gegründet hat, das Sorgerecht. Durch den Einsatz seiner Schulleiterin, die die außergewöhnliche musikalische Begabung des Jungen erkannt hat, gibt ihn der Vater auf die renommierteste Chorschule der USA, das "National Boychoir" - Internat an der Ostküste. Dabei zeigt der dortige strenge Chorleiter sich anfangs nicht restlos überzeugt von Stets Fähigkeiten. Und niemand im Internat erwartet, dass der Einzelgänger zwischen den elitären Jungen bestehen wird. Doch Stet hat das absolute Gehör, eine engelsgleiche Stimme und er ahnt, dass er diese letzte Chance ergreifen muss.

Kommentar

Regisseur Francois Girard ist nicht nur im Kino zu Hause, er inszenierte zahlreiche Opern und sogar Aufführungen des "Cirque du Soleil". Da ist es nur logisch, dass er die musikalischen Aspekte der Handlung in den Mittelpunkt stellt. Zusammen mit Stet erkundet der Zuschauer das ehrwürdige Eliteinternat, seinen sorgsam gepflegten Kanon aus Strenge, Pflichtgefühl und Tradition sowie die jahrhundertealte Welt der Chormusik. Insbesondere die oftmals sakralen Stücke machen den Film auch zu einem Hörereignis. Obschon der Plot (rebellisches Talent trifft auf hartherzigen Lehrer) recht konventionell und vorhersehbar erscheint, werden die Gefahren platter Melodramatik gekonnt umschifft. Das liegt nicht zuletzt am zweifachen Oscar-Preisträger Dustin Hoffmann, der seine Figur trotz aller Strenge nicht unsymphatisch rüberkommen lässt. im Gegenteil: es bereitet Vergnügen, ihn bei seinem Einsatz als fordernder Chorleiter und zugleich väterlicher Freund zuzusehen. Sein Enthusiasmus ist ebenso ansteckend wie ein Garant für gute Unterhaltung.
19.10.2015
Die Einsamkeit des Langstreckenläufers
Filmzettel – Nummer 1120 (drucken)
Regie: Tony Richardson; Kamera: Walter Lassally; Musik: John Addison; Darsteller: Tom Courtenay (Colin Smith), Michael Redgrave (Direktor der Ruston Towers Reformatory), Avis Bunnage (Mrs. Smith), Alec McCowen (Brown), James Bolam (Mike), Joe Robinson (Roach), Topsey Jane (Audrey); Länge: 99 min; Spielfilm; Großbritannien 1962

Inhalt

Der 18jährige Colin Smith wird wegen Einbruchsdiebstahls in einer Bäckerei verhaftet und landet nach seiner Verurteilung in einer Besserungsanstalt für junge Straftäter. Dort nimmt er an einem Resozialisierungsprogramm teil, zu dem auch Leichtathletik gehört. Als sich herausstellt, dass Smith ein talentierter Läufer ist, wird er vom Anstaltsdirektor angewiesen, an einem Wettbewerb gegen eine "Public School" teilzunehmen. Im Falle eines Sieges würde Colin vorzeitig entlassen, doch dazu müsste er den amtierenden Champion im Langstreckenlauf schlagen. Während seines Trainings ziehen noch einmal die prägenden Ereignisse seines Lebens an ihm vorüber. Als der Wettbewerb beginnt, hat er einen weitreichenden Entschluss gefasst.

Kommentar

In diesem herausragenden Werk des britischen "Free Cinema" verbinden sich präzise Milieustudien mit dem rebellischen Gestus der englischen Nachkriegsjugend. Auf der Grundlage einer Kurzgeschichte von Alan Sillitoe schildert der Regisseur sowohl die Umstände einer verwahrlosten Kindheit als auch die psychische Verfassung des damaligen Erziehungspersonals. Dieses zentrale Thema der englischen Literatur von Charles Dickens bis THE WALL wird hier von einer Art Poesie überstrahlt, ohne dass dabei die Substanz der Zeitkritik verfälscht wird.
12.10.2015
Amy - the girl behind the name
Filmzettel – Nummer 1119 (drucken)
Regie: Asif Kapadia; Musik: Antonio Pinto; Länge: 128 min; Dokumentarfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

Brian Jones, Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison, Kurt Cobain - sie alle starben mit 27 Jahren. Und am 23.Juli 2011 gesellte sich auf tragische Weise ein weiteres Mitglied zu diesem Club der toten Musiker: Amy Winehouse, die begnadete britische Jazz- und Soulsängerin. Sie verschenkte ihr phänomenales Talent an den Tod, als ihr durch Drogen und Bulimie dauerbelastetes Herz bei 4,16 Promille Alkohol im Blut stehen blieb. Der Film arbeitet das Leben der Musik-Ikone mit der Bienenkorb-Frisur höchst eindrucksvoll auf, mithilfe von zuvor unveröffentlichtem, privatem Material zeigt er, wie die sich die Erfahrungen der Sängerin mit Familie, Freunden, anderen Musikern und Medien in ihrem künstlerischen Schaffen niedergeschlagen haben. Und wie sie immer mehr auf den Abgrund zutaumelt.

Kommentar

Nach Prinzessin Diana war Amy Winehouse wohl die berühmteste Zielscheibe der berüchtigten britischen Boulevard-Presse. Das lag mehr an ihren Skandalgeschichten als an ihren hochtalentierten Gesangskünsten und 25 Millionen verkauften Tonträgern. Der indischstämmige Dokumentarfilmer Asif Kapadia hat sich nun dieser Biographie angenommen. Gespräche mit über 100 Interviewpartnern,darunter Tony Bennett und Peter Doherty, private Videos aus diversen Quellen, Konzert-Ausschnitte und TV-Show-Schnipsel montiert er zu einem ebenso spannenden wie tragischen Mosaik. Dabei geht er auch den Ursachen für die Tragödie nach. Da ist insbesondere der geschäftstüchtige Vater Mitchell, ein Londoner Taxifahrer, der seine Tochter nicht zur Ruhe kommen lässt. Der auf ihr lastende Erwartungsdruck wurde offenbar immer stärker, da dass sie z.B. körperlich und psychisch nicht in der Lage war, den Titelsong für den James-Bond-Film "Ein Quantum Trost" einzusingen.
Doch wie so oft haben die Dinge zwei Seiten. Nach einem Streit mit ihrem Ehemann Blake Fielder-Civil steckte sie dessen Hamster kaltblütig in die Mikrowelle, wo das unschuldige Tierchen zu Tode geröstet wurde.
05.10.2015
Magie der Moore
Filmzettel – Nummer 1118 (drucken)
Regie: Jan Haft; Kamera: Jan Haft, Kay Ziesenhenne; Musik: Jörg Magnus Pfeil, Siggi Mueller; Darsteller: Sprecher: Axel Milberg; Länge: 99 min; Dokumentarfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Der Film lenkt den Blick auf eines der wichtigsten und schönsten Biotope unseres Planeten: das Moor. Im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten wird ein Ort zwischen Wasser und Erde gezeigt, der eine große Vielfalt an Pflanzen- und Tierarten birgt. In fünf Jahren Drehzeit und an 80 Drehorten in ganz Europa entstanden Aufnahmen von Birkhühnern, Kranichen, Kreuzottern und auch Wölfen, dazu von fleischfressenden Sonnentaupflanzen und zierlichen Moosen, deren Sporen krachend explodieren. Besonders bizarr sind Kleinstlebewesen, die auf komplizierte Weise miteinander verbunden sind und die den Kreislauf der Natur quasi im Nanobereich abbilden. So wird der Film zu einem Plädoyer für den Erhalt und die Renaturierung dieser einzigartigen Naturlandschaften.

Kommentar

Schon mit "Das grüne Wunder - unser Wald" hatte Jan Haft bewiesen, dass er zur Zeit einer der innovativsten Naturfilmer ist. Nun hat er diesen Ruf mit einem faszinierenden Ausflug in die letzten Überreste heimatlicher Urlandschaften bestätigt und zwar an über 80 Drehorten in Deutschland, Finnland, Dänemark, Schweden, Tschechien, der Slowakei und Norwegen. 500 Tage dauerten die Dreharbeiten und aus dem mit neuester Digitaltechnik aufgenommenem 250-Stunden-Material musste dann der vorliegende Film montiert werden. Auch das Drehbuch und den Kommentar schrieb das Allroundtalent selber. Irgendwann vergisst man den enormen technischen Aufwand mit Kamera-Drohnen, Heißluftballons, Zeitraffer- sowie Zeitlupenaufnahmen und man gerät in einen fast meditativen Rausch. Und en passant erfahren wir eine Menge über den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und den Mooren, den diese gehören zu den größten CO2-Speichern der Welt.
28.09.2015
Learning to drive - Fahrstunden fürs Leben
Filmzettel – Nummer 1117 (drucken)
Regie: Isabel Coixet; Kamera: Manel Ruiz; Musik: Dhani Harrison, Grace Gummer; Darsteller: Ben Kingsley (Darwan), Patricia Clarkson (Wendy), Grace Gummer (Tasha), Jake Weber (Ted), ; Länge: 90 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Der New Yorker Literaturkritikerin Wendy reißt es den Boden unter den Füßen weg, als sie von ihrem Mann verlassen wird. Doch statt sich der Verzweiflung hinzugeben, beschließt Wendy, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Um ihre Tochter Tasha in Vermont besuchen zu können, will sie endlich ihren Führerschein machen und nimmt Fahrstunden bei dem indischen Taxifahrer Dawan. Obwohl ihre Lebenswege kaum unterschiedlicher sein könnten, entwickelt sich schon bald eine tiefe seelische Verbundenheit zwischen den beiden. Und Dawan erweist sich zunehmend als lebenskluger Berater in den Krisen des täglichen Lebens, die Wendy jetzt zu meistern hat.

Kommentar

Als die katalanische Regisseurin Isabel Coixet das Drehbuch zum Film las, stellte sie fest:" Zu diesem Zeitpunkt trennte ich mich gerade vom Vater meines Kindes - und ich hatte selbst keinen Führerschein. Da lag es fast auf der Hand, sich diesem Thema zu widmen." Der Plot ist dabei keineswegs neu und zielt auf die Besuchergruppe 50plus, auch wenn die Botschaft "Es ist nie zu spät für einen Neuanfang" auch andere Altersgruppen ansprechen dürfte. Getragen wird die romantische Komödie von den beiden exzellenten Hauptdarstellern. Patricia Clarkson ist in der Lage, der verlassenen und tief getroffenen Ehefrau emotionale Tiefe zu geben, ohne ins Larmoyante abzugleiten, Ben Kingsley verkörpert einen traditionsbewussten Sikh, der in den USA politisches Asyl gefunden hat und der sein Leben nach einem strengen Ehrenkodex zu organisieren versucht. Sympathisch wirken vor allem die relaxte Atmosphäre, zu der eine Prise Humor beiträgt, und die Eleganz, mit der die Story an den Untiefen der Rührseligkeit vorbeisegelt. Und nicht zuletzt der Verzicht auf unnötige dramatische Zuspitzungen und ein Happy End.
21.09.2015
Qissa - der Geist ist ein einsamer Wanderer
Filmzettel – Nummer 1116 (drucken)
Regie: Anup Singh; Kamera: Sebastian Edschmid; Musik: Béatrice Thirlet; Darsteller: Irrfan Khan (Umber Singh), Tilotama Shome (Kanwar Singh), Tisca Chopra (Mehar), Rasika Dugal (Neeli); Länge: 109 min; Spielfilm; Indien 2014

Inhalt

Der wohlhabende Familienvater Umber Singh muss 1947 angesichts drohender Angriffe militanter Muslims Haus und Hof zurücklassen und flieht mit seiner Familie in den indischen Teil des Pundschab. Nachdem seine Frau Mera ihm drei Töchter geboren hat, wird in ihm die Sehnsucht nach einem Sohn immer stärker. Als ein paar Jahre später dann die vierte Tochter zur Welt kommt, nennt er sie Kanwar ("junger Prinz"). Fortan wird Kanwar wie ein Junge gekleidet und erzogen. Er lernt Ringen und Schießen und arbeitet schließlich als Lastwagenfahrer. Als er dem frechen Zigeunermädchen Neelie einen Streich spielt und sie über Nacht in einer Berghütte einsperrt, fordert der Ehrenkodex, dass er sie heiratet. Obwohl Neelie einer niederen Kaste angehört, bitte Umber ihren Vater sofort um dessen Erlaubnis. Doch dann entdeckt die Braut Kanwars Geheimnis und versucht zu fliehen.

Kommentar

Der indische Regisseur Anup Singh hat für sein düsteres Melodram ein hochdramatisches Setting gewählt: die blutigen ethnischen und religiösen Unruhen, die sofort ausbrachen, nachdem die Kolonie Indien 1947 geteilt wurde und sich die unabhängigen Staaten Indien und Pakistan bildeten. In seinem Drehbuch hat er offenkundig auch autobiographische Züge verarbeitet, wurde Singh doch 1961 in Tansania als Sohn einer aus dem Pundschab geflohenen Sikh-Familie geboren.Im Gegensatz zu den massenhaften Produktionen Bollywoods, wo für die Verarbeitung indischer Traumata nicht viel Platz ist, sondern wo das Kino mehr als in anderen Teilen der Welt der Flucht aus einer bedrückenden Wirklichkeit dient, wendet sich der Regisseur einem Thema zu, dass in der indischen Gesellschaft eher verdrängt wird. Er bedient sich dabei einer religiös inspirierten Erzählform, die bei uns in säkularisierten Europa fast verloren gegangen ist. Durch eine intensive Bildsprache mit vielen Panorama-Einstellungen und Totalen, gleitenden Kamerafahrten und Farbfiltern, die das Geschehen in die Sepatöne der Erinnerung tauchen, wird der überhöhte Charakter der Geschichte betont. Diese eher surreale Ebene bereitet dem heutigen Kinogänger vor Ort sicherlich einige Probleme, insbesondere, wenn die Inszenierung im zweiten Teil ins Reich der Visionen und Metaphern abdriftet. Es geht dann mehr um Erfahren als um Verstehen.
14.09.2015
About a girl
Filmzettel – Nummer 1115 (drucken)
Regie: Mark Monheim; Kamera: Daniel Schönauer; Musik: Sebastian Pille; Darsteller: Jasna Fritzi Bauer (Charleen), Heike Makatsch (Charleens Mutter), Simon Schwarz (Volker), Aurel Mathe (Jeff), Dorothea Wald (Oma Emmi), Sandro Lohmann (Linus), Amelie Plaas-Link (Isa), Rafael Gareisen (Tim); Länge: 106 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Charleen ist 15 Jahre alt und findet das Erwachsenwerden höchst seltsam. Sie fühlt sich von ihrer gesamten Umwelt missverstanden, alles scheint immer komplizierter zu werden und auch auf die Gespräche mit ihrer besten Freundin Isa hat sie keinen Bock mehr, denn die drehen sich immer nur um Jungs und Mode. Aus einer depressiven Laune heraus versucht das ohnehin todesaffine Mädchen sich umzubringen, doch das Vorhaben misslingt, denn just in dem Moment klingelt ihr Handy und sie landet mit einem gestauchten Halswirbel im Krankenhaus. Nun ist ihre gesamte Familie in Aufruhr. Um wieder nach Hause zu können, muss Charleen versprechen, einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Dort trifft sie im Wartezimmer auf Linus, den größten Streber ihrer Klasse, um den sie bisher einen weiten Bogen gemacht hat. Doch plötzlich muss das Mädchen feststellen, dass sich ihre Laune deutlich bessert und sogar ungeahnte Gefühle in ihr geweckt werden, je mehr Zeit sie mit Linus verbringt.

Kommentar

"About a girl" ist nach zwei Kurzfilmen der erste Langfilm von Mark Monheim. Er setzt bei seiner umtriebigen Tragikomödie auf die Präsenz der 25jährigen Jana Fritzi Bauer, der man den zehn Jahre jüngeren Trotzkopf, den sie verkörpert, voll abnimmt. Bemerkenswert sind die gezeigten Charaktere des Figurenpersonals. Charleens Mutter Sabine ist Powersellerin bei eBay, ihr Ex-Mann Jeff hat die Familie schon früh verlassen und seiner Tochter nur eine Gitarre vermacht, Sabines aktueller Freund, ein eingefleischter Vegetarier, ist zu allem Überfluss auch noch Charleens Biolehrer. Ihr Bruder Oscar verbringt seine Zeit vor dem Computer und Oma Emmi gibt gute Ratschläge. Und dann ist da noch die beste Freundin Isa, die an ihren rasant wachsenden Brüsten leidet. Mal wirkt der Film wie eine Teenager-Klamotte, mal wieder wie ein Familiendrama, dann wieder wie ein Problemfilm über die Erkenntnis, dass Normalität relativ ist. "Man wacht morgens auf und mit einem Schlag hat man tausend Probleme: Jungs, Pickel, die Wirtschaftskrise," erklärt Charleens Mutter der Dame vom Jugendamt und trifft es auf den Punkt, wie ihre Tochter sich fühlt. Es sind diese lebensnahen und witzig-schlagfertigen Dialoge, welche dem Film einen besonderen Charme verleihen.
07.09.2015
Taxi Teheran
Filmzettel – Nummer 1114 (drucken)
Regie: Jafar Panahi; Kamera: Jafar Panahi; Musik: Jafar Panahi; Darsteller: Jafar Panahi (Taxifahrer); Länge: 82 min; Dokumentarfilm; Iran 2015

Inhalt

Ein Taxi fährt durch die lebhaften Straßen Teherans, am Steuer sitzt der Regisseur Jafar Panahi. Die wechselnden Fahrgäste erzählen freimütig, was sie so umtreibt. Ein Raubkopierer vertickt die neueste Staffel von "The Walking Dead", zwei alte Frauen wollen Goldfische in einer offenen Glaskugel transportieren und ein kleines Mädchen erklärt ihren Anspruch auf Frappuccino. Dieses Porträt der Bevölkerung in Irans Hauptstadt musste Panahi, der alles in Eigenregie gedreht hat, aufgrund eines Berufsverbotes heimlich produzieren und zur Präsentation auf internationalen Festivals außer Landes schmuggeln. Dafür gab es in diesem Jahr in Berlin den Goldenen Bären.

Kommentar

Dass der iranische Regisseur Jaffar Panahi bereits vor Jahren mit einem Berufsverbot belegt wurde, er aber trotzdem in dieser Zeit schon drei Filme gedreht hat, erzählt einiges über die schwierige Situation von Filmschaffenden in einem sog. Gottesstaat. Panahi, der sich für die iranische Reformbewegung eingesetzt hatte, wurde 2010 wegen angeblicher Propaganda gegen die Regierung zu einer Haftstrafe von sechs Jahren verurteilt, die bisher nicht vollstreckt wurde. Hinzu kam noch ein Ausreiseverbot, so dass es erstaunlich ist, wie er seine Filme ins Ausland schmuggeln konnte. In "Taxi" vermittelt der Regisseur über den Kunstgriff einer Herstellung von Öffentlichkeit einen Einblick in den Zustand der iranischen Gesellschaft. Vor der Windschutzscheibe sind zwei Kameras montiert, die das Geschehen im Auto festhalten. Jeder Fahrgast verwickelt Panahi in ein Gespräch, wodurch z.T. sehr lustige und auch skurrile Situationen entstehen. Doch unterschwellig wird natürlich die latente Unterdrückungssituation vorgeführt. Der Film zeigt, wie in einer Diktatur die subversive Kreativität von Künstlern angestachelt wird.
31.08.2015
10 Milliarden - wie werden wir alle satt ?
Filmzettel – Nummer 1113 (drucken)
Regie: Valentin Thurn; Kamera: Hajo Schomerus; Musik: Dürbeck & Dohmen; Länge: 100' min; Dokumentarfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf zehn Milliarden Menschen anwachsen. doch wo soll die Nahrung für alle herkommen ? Kann man dann Fleisch künstlich herstellen ? Sind Insekten die neue Proteinquelle ? Oder baut jeder bald seine eigene Nahrung an ? Nach seinem Dokumentarfilm "Taste the Waste" hinterfragt Regisseur, Autor und Food-Fighter Valentin Thun nun, woher die Nahrung kommen kann. Der engagierte Filmemacher macht bereits am Anfang klar, dass den Zuschauer kein langatmiger Lehrfilm erwartet. Unaufdringlich fungiert er bei seinem faktenorientierten ökologischen Roadmovie als wissensdurstiger Reiseleiter, der sich mit seinen Kommentaren bemüht, die Fülle des Materials sachkundig zu bearbeiten.

Kommentar

Vor vier Jahren hat der Regisseur mit seiner Dokumentation "Taste the Waste" sehr anschaulich die schier unglaubliche Verschwendung von Lebensmitteln in den westlichen Überflussgesellschaften aufgedeckt. Nun geht der gebürtige Stuttgarter auf einen neuen Recherche-Trip, der ihn von Bonn bis Kyoto, von Milwaukee nach Mosambik rund um die Welt führt. In sieben Themenblöcken beleuchtet er die Grundelemente unseres Ernährungssystems: Saatgut, Dünger, Fleisch, Futtermittel, Innovation, Preise und alternative Pilotprojekte. Im Zuge der Erfahrungen wird deutlich, dass es so wie jetzt auf der Erde nicht mehr weitergehen kann. Der Autor vermeidet jede Anklage und Polemik, wägt Pro und Contra sorgfältig ab und konzentriert sich darauf, komplizierte Zusammenhänge verständlich zu erklären. Seine Sympathien liegen dabei eindeutig bei den Kleinbauern in Asien und Afrika, die seiner Ansicht nach mehr aus begrenzten Landflächen herausholen können. Ob man mit diesem Modell den Hunger von zehn Milliarden Menschen stillen kann, ist allerdings ungewiss. Fruchtbare Denkanstöße vermittelt de Film aber allemal.
24.08.2015
Becks letzter Sommer
Filmzettel – Nummer 1112 (drucken)
Regie: Frieder Wittich; Kamera: Christian Rein; Musik: Tobias Jundt; Darsteller: Christian Ulmen (Robert Beck), Nahuel Perez Biscayart (Pauli Kantas), Friederike Becht (Lara), Fabian Hinrichs (Holger Gersch), Eugene Joel Boateng (Charlie Aguobe); Länge: 99' min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Robert Beck war gefeierter Musiker einer aufstrebenden Newcomer-Punkband. Doch das ist lange her. Nun arbeitet er als Musiklehrer und versucht, gelangweilten Teenagern Brahms und Mozart näher zu bringen. Eines Tages entdeckt er auch Zufall das musikalische Talent eines seiner Schüler, des Außenseiters Pauli Kantas. Schon bald engagiert sich Beck als dessen Förderer und verbringt zusammen mit seinem Schüler viel Zeit beim Musizieren. Robert träumt von einer erfolgreichen Karriere Paulis - mit ihm als Songwriter im Hintergrund. Doch dann werden die Pläne von Roberts bestem Freund durchkreuzt.

Kommentar

Der Film basiert auf dem gleichnamigen, 2008 veröffentlichten Debüt-Roman von Benedict Wells. In der ersten Filmhälfte funktioniert die Adaption als sanft-melancholische, höchst charmante Komödie mit leisem Humor bestens. Dabei brilliert Christian Ulmen in seiner ersten echten "ernsten" Rolle als frustrierter Musiklehrer. Doch dann erfolgt eine weniger inspirierte zweite Hälfte, als sich Robert, Pauli und Roberts Freund Charlie zu einem Trip durch Osteuropa in Richtung Istanbul aufmachen. Dann will der Film nicht länger nur Komödie, sondern auch Roadmovie und Selbstfindungsdrama sein.Die Ereignisse überschlagen sich und die Handlung wird zunehmend konfuser. Der Regisseur will zuviel auf einmal und verliert sich dabei in z.T. abstrusen Szenarien.
17.08.2015
Acht Namen für die Liebe
Filmzettel – Nummer 1111 (drucken)
Regie: Emilio Martinéz Lázaro; Kamera: Gonzaio F. Berridi, Juan Molina; Musik: Fernando Velásquez; Darsteller: Dani Rovira (Rafa), Clara Lago (Amaia), Karra Elejalde (Koldo), Carmen Machi (Merche), Alfonso Sánchez (Curro); Länge: 98' min; Spielfilm; Spanien 2014

Inhalt

In einer Flamenco-Bar im andalusischen Sevilla feiern drei Baskinnen ihren Junggesellinnenabschied, müssen sich aber dabei z.T. derbe Witze über ihre Herkunft anhören.Als sich die bereits etwas angetrunkene Amaia gegen die verbalen Übergriffe des Kellners Rafa zur Wehr setzt, schleppt der sie auf nicht gerade charmante Weise ab, doch am nächsten Morgen ist sie spurlos verschwunden, hat jedoch ihre Handtasche samt Ausweis zurückgelassen. Und so macht sich der verliebte Kellner, trotz der Warnungen seiner Freunde, auf den Weg ins Baskenland. Dort kommt es zunächst zu komplizierten Verwechslungen, Rafa gibt sich als Landsmann von Amaia aus und wird dann von deren Vater auf die Probe gestellt. Acht echt baskische Namen soll er nennen um seinen potentiellen Schwiegersohnstatus unter Beweis zu stellen.

Kommentar

"Acht Namen für die Liebe" ist mit elf Millionen Zuschauern der bislang erfolgreichste spanische Film aller Zeiten. Wie in "Willkommen bei den Sch'tis" geht es auch hier um die Gegensätze zwischen Nord- und Südländern innerhalb eines mediterranen Staates. Im Mittelpunkt stehen die vielen regionaltypischen Klischees, welche auf die Schippe genommen werden: Sprachbarrieren, Essgewohnheiten, Begrüßungsrituale und politische Besonderheiten. Besonders hervorzuheben ist dabei die quirlige weibliche Hauptdarstellerin Clara Lago, die nicht nur schön, sondern auch charismatisch ist. Einem deutschen Publikum teilt sich der im Film enthaltene Sprachwitz nur ansatzweise mit, da die dialektbedingten Missverständnisse in der Synchronfassung quasi verschwunden sind.
10.08.2015
Love & Mercy
Filmzettel – Nummer 1110 (drucken)
Regie: Bill Pohlad; Kamera: Robert Yeoman; Musik: Atticus Ross; Darsteller: Paul Deno (Brian Wilson jung), John Cusack (Brian Wilson älter), Elizabeth Banks (Melinda Ledbetter), Paul Giamatti (Dr.Eugene Landy), Jake abel (Mike Love), Graham Rogers (Al Jardine), Brett Davern (Carl Wilson) Dee Wallace (Rosemarie); Länge: 120' min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Der Film beschäftigt sich in Form gekonnt eingesetzter zeitlicher Überlagerungen mit Aufstieg und Fall des kreativen Kopfes der legendären kalifornischen Band "The Beach Boys" und überspannt dabei einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten. Brian Wilson, der Schöpfer des sog. Surfer-Sounds ("Surfin' USA", "I get around""Help me, Ronda") ,
arbeitet Mitte der 60er Jahre intensiv an seinem Konzeptalbum "Pet Sounds", einem zusammenhängenden Kunstwerk anstelle einzelner Stücke. Doch er strauchelt unter dem hohen Druck seines eigenen Anspruchs und verfällt zunehmend den Drogen. Mit 50 Jahren ist er dann geistig und körperlich am Ende und wird durch seinen Vormund Dr. Eugene Landy kontrolliert, der dazu bewusst überdosierte Medikamente einsetzt. Landy passt es gar nicht, dass Brian der Autoverkäuferin Melinda näherkommt.

Kommentar

Brian Wilson, Kopf der Beach Boys, hatte im Alter von 23 Jahren erklärt, dass er das größte Rockalbum aller Zeiten komponieren wollte und zwar um zu beweisen, dass er - nicht Lennon/McCartney - der beste Songwriter seiner Generation war. Seinen kreativen Impuls hatten zum einen Drogen verursacht, aber auch neue Freunde. Als die restliche Band, die seit längerem ohne Brian auftrat, von einer Japan-Tournee heimkehrte, legte er seinen Kollegen fast fertige Songs vor, die sie nur noch aufzunehmen und einzusingen hatten. Der Film schildert diesen atemberaubenden Prozess des Entstehens von Musik samt Hundegebell, Fahrradklingeln und klappernden Löffeln. Drogenexzesse werden dabei nicht ausgespart, wobei die Swinging Sixties optisch viel freundlicher und wärmer erscheinen als das trostlose letzte Jahrzehnt des vergangenen Jahrtausends, in dem sich Wilson von seinem scharlatanartigen Therapeuten abhängig macht. Auf der Berlinale-Premiere des Films im Februar war Brian Wilson zusammen mit seiner Frau Melinda persönlich anwesend und freute sich über den Beifall des Publikums.
03.08.2015
Mein Herz tanzt
Filmzettel – Nummer 1109 (drucken)
Regie: Eran Riklis; Kamera: Michael Wiesweg; Musik: Jonathan Riklis; Darsteller: Tawfeek Barhorn (Eyad), Michael Moshonov (Yonatan), Danielle Kitzis (Naomi), Yaël Abecassis (Edna); Länge: 105' min; Spielfilm; Israel/Österreich/Deutschland 2014

Inhalt

Der palästinensische Junge Eyad ist ein schlaues und standhaftes Bürschchen, der als bislang erster und einziger unter seinen Landsleuten an einer jüdischen Eliteschule in Jerusalem aufgenommen wird. Dort hat er es von Anfang an nicht leicht. Er versucht sich anzupassen, spürt aber auch, dass man in ihm immer den Araber sehen wird. Sein Leben nimmt eine Wendung, als sich das aschkenasische jüdische Mädchen Naomi in ihn verliebt und er sich mit dem an multipler Sklerose leidenden Mitschüler Yonatan anfreundet. Vor allem die ständige Geheimhaltung seiner Beziehung zu Naomi zehrt an ihm und für seinen weiteren Weg wird dann westliche Musik ebenso eine Rolle spielen wie das aus Mekka stammende Leichentuch seiner Großmutter.

Kommentar

Eran Rilkes ist ein israelischer Regisseur, der in seinen Filmen immer wieder das spannungsreiche Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis aufgreift. Der Film beruht auf dem halb-autobiografischen Roman des heute in den USA lebenden arabisch-israelischen Autors Sayed Kashua und ist dementsprechend fein beobachtet. In kleinen, oft humorvollen Szenen skizziert Rilkes das gegenseitige Misstrauen der beiden Gruppen, das bereits in der Kindheit beginnt. Wer nicht in seinem "Volk" bleibt, wird schnell als Verräter abgestempelt. Doch die Freundschaft zwischen Eyad, Yonatan und Mutter Edna beweist auch das Gegenteil. Der Regisseur beschönigt nichts, andererseits greift er weder erzählerisch noch stilistisch zu radikalen Mitteln, so wie es andere Filme zu diesem Thema praktizieren. Letztendlich handelt es sich um eine Gesellschaftsstudie, die Menschen auf der Identitätssuche darstellt. Das ist spannend anzusehen und muss den Regeln der Wahrscheinlichkeit auch nicht bis ins letzte Detail gehorchen.
27.07.2015
Die Lügen der Sieger
Filmzettel – Nummer 1108 (drucken)
Regie: Christoph Hochhäusler; Kamera: Reinhold Vorschneider; Musik: Benedikt Schiefer; Darsteller: Florian David Fitz (Fabian Groys), Lilith Stangenberg (Nadja), Horst Kotterba), Ursina Lardi (Corinna von May), Arved Birnbaum (Bühler); Länge: 112' min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Fabian Groys arbeitet als Reporter bei einem Nachrichtenmagazin in Berlin. Er nimmt seinen Beruf ernst und arbeitet verbissen an seinen Enthüllungsgeschichten.Zur Zeit ist er an einer Story über schwarze Kassen in der Bundeswehr dran, mit denen man die Invalidität von Veteranen zu vertuschen sucht. Doch die Recherche stagniert, weil Fabians Informant ihn hängen lässt. Außerdem hat der an Diabetes leidende Journalist Spielschulden angehäuft. Als ihm sein Chef in der Redaktion die Praktikantin Nadja zur Seite stellt, ist Fabian alles andere als begeistert und um sie loszuwerden, beschäftigt er sie mit einer Meldung aus dem Ressort Vermischtes.. Ein Mann ist in einen Löwenkäfig gesprungen. Doch dann stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen Bundeswehr-Veteranen handelt. Gibt es zwischen den Geschichten einen Zusammenhang ? Und wer ist Nadja wirklich ?

Kommentar

In seinem letzten Spielfilm wagte Christoph Hochhäusler einen Blick in die Welt der Frankfurter Hochfinanz. Dieses Mal beschäftigt er sich mit der hochaktuellen Frage, wie Nachrichten und Bilder im Internet-Zeitalter zustande kommen und inwiefern man ihnen trauen kann. Dabei zeigt der Film, dass nicht alles, was skandalös ist und der Aufklärung bedarf, ungeschönt an die Öffentlichkeit gelangt, sondern dem immer größeren Einfluss von Lobbygruppen ausgesetzt ist. In Anlehnung an den Satz "Geschichte wird von den Siegern geschrieben" versucht der Regisseur, die schwierige Trennung von Lüge und Wahrheit aufzuzeigen, wobei sein Held sich in zunehmende Gefahr begibt, je näher er dem Kern der Geschichte kommt.
20.07.2015
Victoria
Filmzettel – Nummer 1107 (drucken)
Regie: Sebastian Schipper; Kamera: Sturla Brandt Grøven; Musik: Nils Frahm; Darsteller: Laia Costa (Victoria), Frederick Lau (Sonne), Franz rogowski (Boxer), Burak Yigit (Blinker), Max Mauff (Fuß); Länge: 140' min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Eine Stunde noch, dann neigt sich die Nacht in Berlin ihrem Ende zu. Vor einem Kreuzberger Club lernt die spanische Kellnerin und verhinderte Pianistin Victoria vier Berliner Jungs kennen: Sonne, Boxer, Blinker und Fuß. Der Funke zwischen ihr und Sonne springt sofort über, aber Zeit füreinander haben die beiden nicht. Denn um eine Schuld zu begleichen, haben sich die Jungs auf eine krumme Sache eingelassen. Als einer von ihnen wegen Trunkenheit ausfällt, soll Victoria als Fahrerin einspringen. Was wie ein Abenteuer beginnt, entwickelt sich zu einem Albtraum.

Kommentar

Wenn ein Regisseur auf das wichtigste und originärste Stilmittel des Films, den Schnitt, verzichtet, dann muss er schon gewichtige Gründe dafür haben. Sebastian Schipper wagt es, auf der Basis eines 14seitigen Treatments, nur mit Szenenbeschreibungen, eine Abfolge von Situationen und Motiven vorzugeben, die dann von den Darstellern vor der Kamera improvisiert werden. Alles geschieht in Echtzeit und das verleiht der Handlung einen unglaublichen Drive. An 22 Locations begleitet der junge norwegische Kameramann die Akteure - unter anderem auch eine große physische Leistung. Drei Durchgänge mussten Ensemble und Filmteam absolvieren, bis der letzte Take Schipper überzeugte. Doch ohne die omnipräsente Laia Costa würden für den Zuschauer irgendwann Ermüdungserscheinungen eintreten, zumal die eigentliche Handlung nicht voll überzeugen kann. Zum Glück baut der Regisseur immer wieder Verschnaufpausen ein und auch die abwechslungsreiche Musik bremst die hohe Erzählgeschwindgkeit. Der Zuschauer möge selber urteilen, ob dieser Film den Deutschen Filmpreis 2015 verdient hat !
13.07.2015
Die abhandene Welt
Filmzettel – Nummer 1106 (drucken)
Regie: Margarethe von Trotta; Kamera: Axel Block; Musik: Milena Fessmann; Darsteller: Barbara Sukowa (Caterina Fabiani), Katja Riemann (Sophie), Matthias Habich (Paul Kromberger), Robert Seeliger (Philip), Karin Dor (Rosa), Gunnar Möller (Ralf Kromberger), Rüdiger Vogler (Orlov), Tom Beck (Florian); Länge: 101' min; Spielfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Ein Jahr nach dem Tod seiner Gattin entdeckt der trauernde Witwer Paul Kromberger im Internet einen Artikel über die in New York ansässige Operndiva Caterina Fabian. Vor allem das Porträtfoto verblüfft den alten Kromberger wegen der Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau Evelyn. Mit einigem Zureden ermuntert er seine Tochter Sophie, die sich als talentierte, aber erfolglose Jazzsängerin durchs Leben schlägt, in die Staaten zu reisen um die rätselhafte Diva aufzuspüren. Im Laufe ihrer Recherchen findet Sophie Erstaunliches über die Familienvergangenheit heraus, vor allem ihr Vater scheint mehr zu wissen als er vorgibt.

Kommentar

Margarethe von Trotta, die nach dem Tod ihrer Mutter den Brief einer Frau erhielt, die sich als ihre unbekannte Halbschwester vorstellte, hat das Geschwister-Thema schon lange umgetrieben. In der nun vorliegenden Verfilmung greift sie auf zwei ihrer Top-Heroinen zurück: Barbara Sukowa und Katja Riemann. Besonders beeindruckend dabei sind die musikalischen Elemente, die Jazzsongs der Riemann, die hier ihre zweite Berufung als Unterhaltungssängerin ausleben kann, und die von Barbara Sukowa intoniertenAuszüge aus der Bellini-Oper "Norma" oder aus Franz Schuberts "Der Doppelgänger". Obendrein gibt es ein Wiedersehen mit den Altstars Karin Dor und Gunnar Möller, wobei so etwas wie eine wohlige Nostalgie aufkommt. Doch am Ende bleibt der Zuschauer eher verwirrt zurück, hin und hergerissen zwischen edel inszeniertem Trvialstoff und süffisanter Väterkritik.
06.07.2015
Beyond Punishment
Filmzettel – Nummer 1105 (drucken)
Regie: Hubertus Siegert; Kamera: Marcus Winterbauer, Jenny Lou Ziegel, Börres Weiffenbach; Musik: André Zacher, Moritz Springer, Diego Reiwald; Länge: 105' min; Dokumentarfilm; Deutschland 2015

Inhalt

Der Film setzt sich mit dem Opfer-Täter-Verhältnis in drei unterschiedlichen Rechtssystemen auseinander: Norwegen, USA und Deutschland. Karl und Erik leben in Norwegen, Karl hat Eriks 16jährige Tochter aus Eifersucht getötet. Nach dem Absitzen seiner Gefängnisstrafe ist er wieder in das Dorf zurückgekehrt, in dem das Verbrechen geschah. Ein paar Häuser weiter wohnt die Familie der Getöteten. Lisa und Leola sind in der New Yorker Bronx zuhause. Seit elf Jahren warten sie darauf, dass der zu 40 Jahren Gefängnis verurteilte Sean die Tat zugibt, die ihre Familie traumatisiert hat. In Deutschland setzt sich Patrick mit dem Verlust seines Vaters auseinander, der hohe Staatsbeamte wurde 1986 von der RAF getötet. Obwohl die Täter nicht bekannt sind, hat auch Patrick ein Gegenüber: Manfred, der einst Morde für eine linksextreme Gruppe begangen hat.

Kommentar

Seit Menschen in organisierten Gesellschaften zusammenleben, stehen sie vor der Frage, wie mit Regelbrechern und Straftätern umgegangen werden soll. Waren die Strafen früher drastisch und brutal, so hat sich in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern das Konzept eines humanen Strafvollzuges durchgesetzt, der nicht mehr auf dem Gedanken der Rache basiert, sondern auf dem Versuch der Resozialisierung. Besonders für die Angehörigen von Mordopfern ist dieser Ansatz oft schwer zu ertragen, schmerzt doch das Wissen, dass der Mörder eines geliebten Menschen wieder als normales Mitglied in der Gesellschaft weiterexistierend kann. Doch auch für Täter ist die Verarbeitung des eigenen Verbrechens, das oft unter extremen Umständen passierte, nicht einfach. Der Film nähert sich den Protagonisten und ihren Schicksalen in ihrem Alltag. Es ist ein Alltag, der diese Bezeichnung nicht immer verdient. Er will jene Gefühle und Bedürfnisse aufdecken, die vor Gericht und im Strafvollzug für gewöhnlich ausgeblendet werden. Er fragt sich, wie Opfer und Täter aus ihren jeweiligen Rollen heraustreten könnten, um nicht länger in den stets gleichen, destruktiven Gedanken gefangen zu sein. Ohne den damit verbundenen Ansatz der sog. "Restorative Justice" zum Allheilmittel erklären zu wollen, liefert der Regisseur in seiner Arbeit vor allem Denkanstöße.
29.06.2015
Elser
Filmzettel – Nummer 1104 (drucken)
Regie: Oliver Hirschbiegel; Kamera: Judith Kaufmann; Musik: Dvid Holmes; Darsteller: Christian Friedel (Georg Elser), Katharina Schüttler (Elsa), Burghart Klaußner (Arthur Nebe), Johann von Bülow (Heinrich Müller), David Zimmerschied (Josef Schurr), Rüdiger Klink (Erich), Comelia Königen (Maria Elser) , Michael Kranz (Franz Xaver Lec; Länge: 110 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

8.November 1938. Im Münchner Bürgerbräukeller hält Adolf Hitler eine Rede zum 15. Jahrestag des Hitlerputsches. 13 Minuten, nachdem er das Lokal verlassen hat, explodiert eine Bombe und reißt acht Menschen in den Tod. Schon während Hitlers Rede wird an einem Grenzübergang zur Schweiz der schwäbische Kunstschreiner Georg Elser festgenommen, weil er sich merkwürdig verhält und verdächtige Gegenstände mit sich führt. Bald ist klar, dass es sich um den Attentäter handelt. Er hatte die Bombe in einem Pfeiler hinter dem Rednerpult bereits am 6.November versteckt. Beim Verhör setzen der Kripo-Chef und der Gestapo-Leiter Folter ein. Doch Elser beharrt auf seiner Darstellung, allein und ohne Hintermänner gehandelt zu haben.

Kommentar

Das deutsche Kino arbeitet sich ständig an der Zeit der Hitler-Diktatur ab, ELSER ist nach dem Film von Klaus Maria Brandauer bereits der zweite Streifen zu diesem Thema. Regisseur Oliver Hirschbiegel wählt nach seinem Führerbunker-Spektakel DER UNTERGANG dieses Mal eine andere Herangehensweise, indem er sich auf das Mitläufertum im Dritten Reich konzentriert. Es wird hier also weniger nach dem wie ,sondern mehr nach dem warum gefragt. Die in der Biographie Elsers begründete Absicht, ein Attentat auf Hitler durchzuführen, wird sauber herausgearbeitet. Auch die Verhörszenen sind sehr eindrucksvoll. Hier wird dem Zuschauer kein Detail erspart und es wird gezeigt, was es bedeutet, wenn man in die Hände eines mitleidlosen, fanatischen Regimes gefallen ist. Georg Elser wurde am 9.April 1945, auf persönlichen Befehl Hitlers, im KZ Dachau ermordet.
22.06.2015
Das ewige Leben
Filmzettel – Nummer 1103 (drucken)
Regie: Wolfgang Murnberger; Kamera: Peter von Haller; Darsteller: Josef Hader (Simon Brenner), Tobias Moretti (Aschenbrenner), Nora von Waldstätten (Dr.Irrsiegler), Roland Düringer (Köck); Länge: 121 min; Spielfilm; Österreich 2015

Inhalt

Simon Brenner steht in seinem Leben vor einem riesigen Abgrund und braucht einen Ort, an dem er zur Ruhe kommen kann. Der befindet sich in seiner Heimatstadt Graz, doch eigentlich hat er den Stätten seiner Jugend längst den Rücken gekehrt. Kaum angekommen, folgen bereits eine Reihe von Begegnungen mit vielen alten Gesichtern und das Geheimnis um eine Jugendsünde bahnt sich den Weg ans Licht. Nach einem Besuch von seinem alten Spezi Aschenbrenner sitzt nämlich plötzlich eine Kugel in Brenners Kopf, die er angeblich selbst dort hinein befördert hat. Als dann noch ein weiterer alter Jugendfreund unvermittelt ums Leben kommt, ist für Brenner klar, dass hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Und so macht er sich an die Aufklärung der Geschehnisse.

Kommentar

Acht Romane über den kauzig-grantigen Privatdetektiv Simon Brenner hat der österreichische Schriftsteller Wolfgang Haas zwischen 1996 und 2014 zu Papier gebracht, DAS EWIGE LEBEN ist die vierte Verfilmung dieser Reihe. Im Laufe der Jahre sind diese Filme immer kontemplativer geworden und ähneln nur noch äußerlich einem Action-Krimi. Es geht weniger um das "Was" als vielmehr rum das "Warum". So spielt der Rückblick auf die 70er Jahre mit all ihren Hoffnungen und Träumen von Freiheit die zentrale Rolle. Lange her ist diese Zeit, das Alter hat in den Gesichtern der Protagonisten deutliche Spuren hinterlassen, die Ideen von einst sind nur noch vage Erinnerungen. Aus dieser Melancholie zieht der Film seine Kraft, und setzt damit weniger auf Schmäh und Zynismus wie in den anderen Brenner-Filmen. Natürlich ist davon noch einiges zu spüren, denn ohne Bosheiten und ihren anarchischen Humor wäre diese Figur gar nicht darstellbar. Vor allem aber ist es ein verschachtelt erzählter Blick in die Psyche eines Mannes, der auch mit Anfang 50 noch nach sich selbst sucht, der aber am Ende des Films auf einem guten Weg ist, doch noch etwas zu finden.
15.06.2015
Nur eine Stunde Ruhe
Filmzettel – Nummer 1102 (drucken)
Regie: Patrice Leconte; Kamera: Jean-Marie Drejou; Musik: Èric Neveux; Darsteller: Christian Clavier (Michel Leproux), Carole Bouquet (Nathalie Leproux), Valérie Bonneton (Elsa), Rossy de Palma (Maria), Stéphane de Groodt (Pavel), Sébastien Castro (Sébastien Leproux), Christian Chartemant (Pierre); Länge: 79 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

An einem entspannten Samstagmorgen entdeckt der Zahnarzt und Jazzliebhaber Michel auf dem Flohmarkt genau die Platte, nach der er schon so lange gesucht hat. Nichts wünscht er sich sehnlicher, als seine Neuerwerbung in Ruhe zu Hause anzuhören. Doch bereits nach den ersten Takten bricht es über ihn herein. Seine Frau möchte ihm ein Geständnis machen, sein Sohn taucht aus dem Nichts wieder auf, zusammen mit einer philippinischen Flüchtlingsfamilie, seine Mutter ruft ununterbrochen an, der Klempner setzt die halbe Wohnung unter Wasser und in der Nachbarschaft findet eine große Party statt. Als dann auch noch seine Geliebte überraschend auftaucht, ist Michel schließlich jedes Mittel recht und er schreckt auch vor Lug und Trug nicht zurück.

Kommentar

In bester Louis-de-Funés-Manier lässt Altmeister Patrice Leconte seinen Hauptdarsteller Christian Clavier, der spätestens als Monsieur Claude einem Millionenpublikum bekannt ist, ins offene Messer der eigenen Lebenslügen und Saturiertheit laufen, garniert mit einer großen Portion Spießbürgercholerik. Der Plot ist zwar nicht gerade superoriginell, wird aber ohne Hänger und Schnörkel durchgezogen. Man spürt dabei, dass ein Theaterstück als Vorlage gedient hat. Dessen Autor, Florian Zeller, hat auch das Drehbuch verfasst.
08.06.2015
Best Exotic Marigold Hotel 2
Filmzettel – Nummer 1101 (drucken)
Regie: John Madden; Kamera: Ben Smithard; Musik: Thomas Newman; Darsteller: Judi Dench (Evelyn Greenslade), Maggie Smith (Muriel Donnelly), Bill Nightie (Douglas Ainslie), Dev Patel (Sonny Kapoor), Celia Imrie (Madge Hardcastle), Penelope Wilton (Jean Ainslie), Ronald Pickup (Norman Cousins), Richard Gere (Guy Chambers), Lil; Länge: 122 min; Spielfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

Die britische Senioren-WG aus dem "Best Exotic Marigold Hotel" sehnt sich nicht nach der regnerischen Heimat zurück, sondern genießt das warme, farbenfrohe und preiswerte Leben in Indien. Derweil versucht der junge Hotelmanager Sonny im Ausland Investoren für den Ankauf eines zweiten Marigold-Hotels zu gewinnen und vernachlässigt darüber seine Verlobte Suraina. So kann ein romantischer Konkurrent punkten, der auch geschäftlich in Sonnys Revier eindringt. Als dann ein graumelierter Charmebolzen auftaucht, in dem Sonny einen Hotel-Tester vermutet, überschlagen sich die Ereignisse.

Kommentar

Nach dem Erfolg des Vorläufers "Best Exotik Marigold Hotel" aus dem Jahr 2011, mit immerhin fast 700 000 Zuschauern in Deutschland, kommt hier nun die Fortsetzung. Und wie so oft gelingt es ihr nicht, das Niveau des ersten Films zu erreichen. Abgesehen von der oftmals an den Haaren herbeigezogenen Handlung, fallen dieses Mal einige Begleiterscheinungen negativ ins Gewicht. So benehmen sich die Senioren wie hormongesteuerte Teenager, eine Rolle als Großeltern erscheint ihnen offenbar jenseits aller Vorstellungen. Überaus klischeehaft wirkt dabei das Bild des Schauplatzes Indien, das zu einer Bollywood-Kulisse gerät. Auch das sich englische Rentner in einer von Elend und Armut geprägten Gesellschaft einen bequemen und günstigen Lebensabend gönnen, wird nicht weiter hinterfragt. Richard Gere schließlich, den man wahrscheinlich gebucht hat, um weitere Zuschauer anzulocken, wird auf seine Paraderolle als weißhaariger Womanizer reduziert. Physische Gebrechen der z.T. über achtzigjährigen Figuren werden zwar erwähnt, spielen aber im eigentlichen Handlungsablauf nicht die geringste Rolle.
01.06.2015
Die Frau in Gold
Filmzettel – Nummer 1100 (drucken)
Regie: Simon Curtis; Kamera: Ross Emery; Musik: Martin Phipps, Hans Zimmer; Darsteller: Helen Mirren (Maria Altmann), Ryan Reynolds (Randol Schoenberg), Daniel Brühl (Hubertus Czernin), Katie Holmes (Pam), Charles Dance (Sherman), Tom Schilling (Heinrich), Moritz bleibtreu (Klimt)Justus von Dohnányi (Dreimann); Länge: 107 min; Spielfilm; Großbritannien 2015

Inhalt

Gustav Bloch, Bruder des steinreichen Wiener Zuckerfabrikanten und Kunstmäzens Ferdinand Bloch-Bauer , und seine jüdische Großfamilie werden nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten 1938 vertrieben und enteignet. Blochs Tochter Maria Altmann, Miterbin der Kunstsammlung ihres Onkels - dazu gehört das berühmte Jugendstil-Porträt "Goldene Adele" von Gustav Klimt - wird in den USA ansässig. Vor allem dieses Gemälde, welches ihre Tante Adele Bloch-Bauer darstellt, will sie wieder in den Besitz ihrer Familie bringen. Dazu wendet sie sich an den jungen Anwalt Randol Schoenberg, der einen langwierigen Prozess gegen die österreichischen Behörden in Gang setzt, die das Bild mittlerweile in Schloss Belvedere ausstellen und nicht bereit sind, es wieder herauszugeben.

Kommentar

Im Mittelpunkt dieses authentischen und sehr pathetischen Films steht das Duo Mirren/Reynolds, sie als etwas schrullige Emigrantin, er als lernwilliger Jungjurist. In der Auseinandersetzung mit dem schier übermächtigen österreichischen Staat verkörpern sie den "David", der es
mit einem "Goliath" aufnehmen muss. Als sie nach Wien aufbrechen um vor Ort nach Spuren zu suchen, die den Rechtsstreit vorantreiben könnten, wird die 80jährige Dame von ihren Erinnerungen überwältigt. In mehreren Rückblenden werden die Ereignisse aus dem Jahr 1938 gezeigt, von der bejubelten NS-Machtübernahme bis hin zur dramatischen Flucht der Familie. Helen Mirren gelingt es, als Meisterin der Nuancen und der sparsamen Gesten ihre Figur kristallklar herauszuarbeiten. Zu Abstrichen führt allerdings die manipulative schwülstige Streichermusik, mit der fast alle Szenen übergossen werden.
25.05.2015
Still Alice
Filmzettel – Nummer 1099 (drucken)
Regie: Richard Glatzer; Wash Westmoreland; Kamera: Denis Lenoir; Musik: Ilan Eshkeri; Darsteller: Julianne Moore (Dr.Alice Howland), Alec Baldwin (Dr.John Howland), Kristen Stewart (Lydia Howland(, Kate Bosworth (Anna Howland-Jones), Hunter Parrish (Tom Howland) Shane McRae (Charlie Howland); Länge: 101 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Die 50-jährige Linguistik-Professorin Dr.Alice Howland erhält die für einen Menschen in ihrem Lebensalter ungewöhnliche Diagnose einer Alzheimer-Erkrankung im Frühstadium.Für ihren Mann, einen Chefarzt, und ihre drei erwachsenen Kinder bedeutet das die völlige Umstellung gewohnter Lebens- und Verhaltensweisen. Der Zusammenhalt der New Yorker Oberschichtfamilie wird durch die Krankheit der Mutter auf eine harte Probe gestellt. Dabei thematisiert der Film auf behutsame Weise den Umgang der Patientin mit ihrer Krankheit, die Bedeutung des sich Erinnern Könnens für den Menschen allgemein und auch die ethische Frage der Selbsttötung. Am Ende läuft alles auf die eher religiöse Frage hinaus "Ist der Mensch nur die Summe seiner Synapsen oder gibt es darüber hinaus so etwas wie eine unsterbliche Seele ?"

Kommentar

Julianne Moore erhielt in diesem Jahr für ihre Verkörperung der Alice Howland den Oscar als beste Schauspielerin. Wer den Film gesehen hat, kann dieser Auszeichnung nur beipflichten. Die Darstellung einer Powerfrau, die durch eine tückische Krankheit in die Knie gezwungen wird, gelingt ihr auf eine uneitle und sehr nuancierte Art und Weise. Der Film verzichtet dabei weitgehend auf sentimentale Passagen, er beleuchtet eher schlaglichtartig die Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Protagonistin und die damit einhergehenden Zerreißproben für sie selbst und ihre Angehörigen. Dass gerade die jüngste unangepasste Tochter Lydia unerschütterlich zu ihrer Mutter steht, gehört zu den interessanten Wendungen der Handlung. In dieser Rolle besteht Kristen Stewart erneut neben einer starken Hauptdarstellerin und lässt ihre Popularitätsquelle (die "Twilight-Vampirfilme") damit weit hinter sich.
18.05.2015
Heute bin ich Samba
Filmzettel – Nummer 1098 (drucken)
Regie: Olivier Nakache; Eric Toledano; Kamera: Stéphane Fontaine; Musik: Ludovico Einaudi; Darsteller: Omar Sy (Samba), Charlotte Gainsbourg (Alice), Tahar Rahim (Wilson), Izia Higelin (Manu), Issaka Sawagodo (Jonas), Hélène Vincent (Marcelle), Christiane Millet (Madeleine); Länge: 120 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Zehn Jahre schon lebt der aus dem Senegal stammende Samba illegal in Frankreich. In Paris schlägt er sich mit Aushilfsjobs durch, aktuell als Tellerwäscher. Samba ist ein meist gut gelaunter Optimist, der davon träumt, eines Tages unbefristet als Koch arbeiten zu können. Als er es wagt, die Behörden um die notwendigen Aufenthaltspapiere zu bitten, fällt er auf und bekommt die Anweisung, das Land unverzüglich zu verlassen. In dieser Situation begegnet er der sensiblen und psychisch labilen Alice, die wegen eines Burn-Outs von ihrem eigentlichen Job eine Auszeit nimmt und sich ehrenamtlich für Einwanderer einsetzt, denen die Abschiebung droht. Und obwohl ihre Freundin sie ermahnt hat, immer auf Distanz zu bleiben, kann sie dem charmanten Samba nicht widerstehen.

Kommentar

Nach ihrem Mega-Erfolg "Ziemlich beste Freunde" legen die beiden Regisseure mit einer Tragikomödie über einen senegalesischen Einwanderer (gespielt von Omar Sy) nach. Hier spielt er allerdings keinen begnadeten Tänzer, sondern - trotz seines Namens - eher einen Tanzmuffel. Der Film transformiert den mitunter gefährlichen Alltag von illegalen Einwanderern auf eine unterhaltsame Ebene. Dabei werden auch zahlreiche gesellschaftliche Zustände karikiert, die ihnen das Leben schwer machen: Bürokratiewahnsinn, die Verständigungsschwierigkeiten bei Behördengängen, die unterschiedliche Behandlung von Ausländern (Brasilianer hui, Algerier pfui) und nicht zuletzt die die Vorurteile befeuernden Äußerlichkeiten. Gerade weil der Film nicht auf die Betroffenheitsschiene setzt und dem ernsten Thema humorvolle Seiten abgewinnt, könnte er ein breites Publikum erreichen und für die dargestellten Probleme sensibilisieren.
11.05.2015
300 Worte Deutsch
Filmzettel – Nummer 1097 (drucken)
Regie: Züli Aladag; Kamera: Kolja Brandt; Musik: Christopher Bremus, Michael Kadelbach; Darsteller: Christoph Maria Herbst (Dr.Ludwig Sarheimer), Pegah Ferydoni (Lale), Vedat Erincin (Hodscha Cengiz Demirkan), Christoph Letkowski (Marc Rehmann), Nadja Uhl (Conny), Semih Yavsaner (Kenan), Beste Bereket (Fatma); Länge: 90 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Als Tochter des Moschee-Vorstehers und Witwers Cengiz Demirkan hat es Lale nicht leicht, denn die junge Türkin lebt einerseits ein emanzipiertes Leben mit Germanistik-Studium, Motorradfahren und Martial Arts, doch zu Hause trägt sie ihrem Vater zuliebe das Kopftuch und erträgt mit Engelsgeduld alle seine Heiratsvorschläge. Aber dann kommt eine Gruppe türkischer Frauen an, die mit in Deutschland lebenden Türken verheiratet werden sollen. Für die Aufenthaltsgenehmigung müssen sie die 300 Worte Deutsch können, was aber nicht der Fall ist. Das bringt den Leiter des Ausländeramtes auf den Plan, der die Frauen am liebsten gleich wieder abschieben würde. Als dann Lale, die mit einem Steilkurs in Deutsch die Situation für ihren Vater retten soll, sich auch noch in den Neffen des Amtsleiters verliebt, ist das Chaos perfekt.

Kommentar

Kaum ein Klischee, kaum ein Vorurteil, was der Regisseur in seiner Multi-Kulti-Komödie auslässt. Von dem fremdenfeindlichen Deutschen, für den jeder Einwanderer ein Sozialschmarotzer ist und türkische Moscheen Nester des Terrorismus, bis hin zu den Lamm bratenden, lauten und ständig feiernden Türken ist alles dabei. Manchmal drohen sich diese Klischees zu verselbständigen oder ins Absurde abzugleiten. Dabei kommt aber auch zum Vorschein, dass in jedem Klischee immer ein Körnchen Wahrheit steckt. Im Mittelpunkt des Films befindet sich die junge Türkin Lale. hinreißend verkörpert von Page Ferydoni, in ihrer Gratwanderung zwischen zwei Welten. Und so zeigt der Film auch, wie schwer diese Rolle manchmal sein kann und wie sie zu Zerwürfnissen führt, die sich in einem Film am Ende meistens auflösen, in der Wirklichkeit aber oft nicht.
04.05.2015
Verstehen Sie die Beliers ?
Filmzettel – Nummer 1096 (drucken)
Regie: Eric Lartigaud; Kamera: Romain Winding; Musik: Evgueni Galperine, Sacha Galperine; Darsteller: Louane Emera (Paula), Karin Viard (Gigi), Francois Damiens (Rodolphe), Eric Elmosnino (Thomasson), Roxan Durane (Mathilde), Luca Gelberg (Quentin), Ilian Bergala (Gabriel); Länge: 100 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Die 16-jährige Paula Béliers lebt gemeinsam mit ihrer Familie auf einem Bauernhof bei Lisieux. Das Besondere an der Familie Béliers ist, dass alle (Mutter, Vater, Bruder) bis auf Paula gehörlos sind. Daher muss sich das Mädchen um viele organisatorische Dinge kümmern, z.B. den Kontakt mit der Bank oder den Verkauf der Farmerzeugnisse auf dem Markt. Doch eines Tages möchte Paula einem Jungen, in den sie sich verliebt hat, näherkommen und beschließt daher, dem Schulchor beizutreten. Unverhofft zeigt sich bei ihr eine beeindruckende Gesangsstimme, die ihr Musiklehrer natürlich nicht ungefördert lassen will. Er schlägt Paula vor, zur weiteren musikalischen Ausbildung nach Paris zu gehen. Doch damit stünde sie zwischen der Verantwortung für ihre Familie und den eigenen Lebensträumen.

Kommentar

Nach "Ziemlich beste Freunde" und "Monsieur Claude und seine Töchter" ist "Verstehen Sie die Béliers ?" nun schon die dritte französische Erfolgskomödie, in der unsere Nachbarn sich über das Aufeinandertreffen der Mittelschicht mit den Außenseitern der Gesellschaft köstlich amüsiert haben. Hier sind es die Taubstummen, mit denen und über die mit viel Charme und Esprit gelacht wird. Doch der Regisseur beherrscht diese Gratwanderung zwischen berührenden und komischen Momenten perfekt. Zudem liegt in der Zeichensprache der munteren Béliers oftmals mehr Ausdruck als bei vielen Filmen im gesprochenen Wort. "Für mich war das eine völlig unbekannte Sprache, obgleich sie in unserem Land gleichberechtigt neben dem Französischen steht", gab Eric Lartigaut freimütig zu.
27.04.2015
Selma
Filmzettel – Nummer 1095 (drucken)
Regie: Ava DuVernay; Kamera: Bradford Young; Musik: Jason Moran; Darsteller: David Oyelowo (Martin Luther King Jr.), Tom Wilkinson (President Lyndon B. Johnson), Carmen Ejogo (Coretta Scott King), Giovanni Ribisi (Lee C. White), Lorraine Toussaint (Amerlia Bonyton), Common (James Bevel), Allesandro Nivola (John Doar), Cuba Go; Länge: 124 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Nachdem er 1964 den Friedensnobelpreis erhalten hat, setzt sich Martin Luther King verstärkt für die Gleichberechtigung der Schwarzen in den USA ein. Vergeblich versucht er, den Präsidenten für seine Sache zu gewinnen. Als der Gouverneur von Alabama, George Wallace, die Bemühungen von King und seinen Mitstreitern sabotiert, organisiert der Bürgerrechtler einen Protestmarsch von Selma, wo am 17.Februar 1965 ein Farbiger von Polizisten erschossen worden war, in die Hauptstadt Montgomery. Aber die friedlichen Demonstranten kommen nur bis zur Staatsgrenze. Denn am Ende der Brücke wartet ein riesiges Polizeiaufgebot mit Knüppeln und Tränengas auf sie.

Kommentar

"Selma" ist zuvörderst ein sehenswerter Film über ein wichtiges Kapitel amerikanischer Zeitgeschichte, zumal die darin abgehandelten Probleme bis auf den heutigen Tag latent weiterbestehen. Jenseits von Heldenposen liefert vor allem Davis Oyewolo eine Oscar-reife schauspielerische Glanzleistung. Der britische Schauspieler mit nigerianischen Wurzeln, der sich seine Sporen bei der Royal Shakespeare Company verdiente, verkörpert den charismatischen Anführer mit absoluter Hingabe. Auch die dunklen Stellen dieses Mythos (Martin Luther King hatte innerhalb der Bürgerrechtsbewegung zahlreiche Affären) werden gezeigt. Das FBI unter Edgar Hoover versuchte ihn damit bekanntlich unter Druck zu setzen und mit einem anonymen Brief in den Selbstmord zu treiben.
20.04.2015
Der große Trip - wild
Filmzettel – Nummer 1094 (drucken)
Regie: Jean-Marc Vallée; Kamera: Yves Bélanger; Musik: Susan Jacobs; Darsteller: Reese Witherspoon (Cheryl Strayed), Gaby Hoffmann (Aimie), Laura Dern (Bobbi), Thomas Sadoski (Paul), Michael Huisman (Jonathan), W.Earl Brown (Frank), Kevin Rankin (Greg), Brian Van Holt (Ranger); Länge: 115 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Nach dem Tod ihrer geliebten Mutter, Heroinsucht und einem unsteten Leben mit vielen Beziehungen entschließt sich die 26jährige Cheryl, ihrem bisherigen Dasein den Rücken zu kehren. Ohne die geringsten Vorkenntnisse und mit einem viel zu schweren Rucksack begibt sie sich auf eine 2000 km - Wanderung entlang des Pacific Crest Trails an der Westküste der USA. Der geballten Erbarmungslosigkeit der Natur inclusive Begegnungen mit gefährlichen Raubtieren tritt sie trotz Hunger, Durst, Hitze und Kälte mit immer neuem Mut entgegen. Und durch die gemachten Erfahrungen relativieren sich alle bisherigen Rückschläge ihres Lebens.

Kommentar

Quasi von hinten rollt der kanadische Regisseur Jean-Marc Vallée die Story des Films auf. Am Anfang sehen wir die Protagonistin, wie sie auf einem Berggipfel inmitten endloser Wälder ihre körperliche Qualen herausschreit. Erst danach erzählt er in Etappen, wie die junge Frau an diesen Punkt gekommen ist. Basierend auf dem autobiographischen Roman von Cheryl Strayed und ähnlich strukturiert wie Sean Penns moderner Klassiker INTO THE WILD, geht es um die kathartische Wirkung einer konsequenten Abwendung von den Lebensumständen der postmodernen Konsumwelt. Und obwohl man die ganze Zeit nicht ernsthaft an das Scheitern der immer eine Spur zu braven Reese Witherspoon glaubt, wird man in dem kurzweiligen Drama gut und intelligent unterhalten.
13.04.2015
Als wir träumten
Filmzettel – Nummer 1093 (drucken)
Regie: Andreas Dresen; Kamera: Michael Hammon; Musik: Jens Quandt; Darsteller: Merlin Rose (Dani), Julius Nitschkoff (Rico), Joel Basman (Mark), Marcel Heupermann (Pitbull), Pit Bukowski (Fred), Gerdy Zint (Kehlmann), Peter Schneider (Trinker Thilo), Ruby O. Fee (Sternchen); Länge: 117 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Leipzig in der Nachwendezeit. Die Clique um Rico, Mark und Daniel lebt ziellos in den Tag hinein. In ihrem Viertel, in dem eine Brauerei das kulturelle Zentrum darstellt, fühlen sie sich stark, cool und akzeptiert. Wenn sie nicht gerade mit ihrer Fußballmannschaft um den Aufstieg spielen, prügeln sie sich, klauen oder treiben sonstigen kleinkriminellen Unfug. Nachts betrinken sie sich sinnlos, nehmen Drogen, gehen in einen Swinger-Club und randalieren ohne Grund in der Nachbarschaft. Auf der lokalen Polizeistation sind die Jungs Stammgäste. Doch insgeheim träumen die Chaoten davon, der Sinnlosigkeit ihres Daseins zu entrinnen und irgendwo ein Leben mit Bedeutung zu beginnen. Am Ende zerbröseln die Träume der Jungs vor der harten Realität.

Kommentar

Im Wendejahr 1989 war Clemens Meyer zwölf Jahre alt, Andreas Dresen studierte zu jener Zeit "Regie" an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam und Wolfgang Kohlhaase, einer der bekanntesten deutschen Drehbuchautoren, war damals bereits 58. Seine Adaption des Romans "Als wir träumten" liefert ein bewegendes Coming-of-Age-Drama, dem es annähernd gelingt, sowohl die jugendliche Euphorie als auch die veränderte Stimmung in der ehemaligen DDR nach dem Mauerfall einzufangen. Dresen ist bekannt als "Regisseur der kleinen Leute". Doch eine dermaßen schnelle, ruppige und schmutzige Inszenierung, die auch vor brutalen Gewaltszenen nicht zurückschreckt, hat er zuvor noch nicht abgeliefert. Er konzentriert sich dabei ganz und gar auf die Wendekinder und blendet alles Politische, wie Stasi-Schikanen und die Tricks der Wende-Profiteure konsequent aus. Wie heftig der Wechsel vom streng reglementierten Dasein im Sozialismus in den Turbokapitalismus gewesen sein muss, machen die farbenfrohen Rückblenden deutlich, in denen die Jungs als 13jährige noch rote Pionier-Halstücher tragen müssen.
Für Kohlhaase war es sicherlich eine Herkulesaufgabe, den 500 Seiten - Roman in einen knapp zweistündigen Spielfilm zu übertragen. Doch letztendlich bleibt diese Transformation zu episodisch und das Figurenarsenal ist zu umfangreich, um in die Tiefe gehen zu können.
06.04.2015
Winterschlaf
Filmzettel – Nummer 1092 (drucken)
Regie: Nuri Bilge Ceylan; Kamera: Gökhan Tyriaki; Musik: Andreas Mücke; Darsteller: Haluk Bilginer (Aydin), Mesisa Sözen (Nihal), Dernet Akbag (Necia), Mehmat Ali Nuroglu (Timur), Ayberk Pekcan (Hidayel); Länge: 196 min; Spielfilm; Türkei 2014

Inhalt

Der pensionierte Schauspieler Aydin betreibt ein kleines Hotel in der Abgeschiedenheit Zentralanatoliens. Hier lebt der zynische Rentner gemeinsam mit seiner Frau Nihal, von der er sich emotional bereits weit entfernt hat. Auch Aydins Schwester Necla wohnt in dem Haus; sie ist gerade dabei, ihre frisch vollzogene und schmerzhafte Scheidung zu verarbeiten. Aylin vermietet im Ort diverse Häuser, die
Hausmeisterarbeit übernimmt für ihn Hidayet, denn Aylin hat Besseres zu tun. Er schreibt belehrende Kolumnen und die Geschichte des türkischen Theaters.Als der Winter kommt, wird die Einsamkeit der handelnden Personen immer spürbarer und es wachsen zwischen ihnen unweigerlich die Spannungen. Bald werden ihre Konflikte offen ausgetragen.

Kommentar

Nuri Bilge Ceylan, berühmtester Autorenfilmer der Türkei und Stammgast auf den großen Festivals dieser Welt, hat mit diesem Film endlich einen der begehrtesten Preise überhaupt gewonnen: die Goldene Palme in Cannes. Dabei ist es ein überaus wortlastiger Streifen, wo alles nicht zwischen den Zeilen, sondern manchmal überdeutlich ausgesprochen wird. Dabei bietet die Landschaft mit ihren in den Fels gehauenen Behausungen eine atemberaubende Kulisse. Gelegentlich blitzt Humor auf, so bei den Jägern im Schnee oder dem Besäufnis der alten Herren. Als roter Faden zieht sich Aydins Auseinandersetzung mit einem verarmten Schuldner und dessen Familie durch die Handlung, aber dieser Erzählstrang dient eher der subtilen Andeutung von Abhängigkeiten als einer offenkundigen Dramatik. Der Philosoph wird zum Diktator, er hat das Geld und damit die Macht, alle anderen zwingt er in seine Abhängigkeit und damit in die Unterwerfung.
30.03.2015
Eine Taube sitzt auf einem Zweig
Filmzettel – Nummer 1091 (drucken)
Regie: Roy Andersson; Kamera: Istvan Borbas, Gergely Pálos; Musik: Robert Hefter, Owe Svensson; Darsteller: Holger Andersson (Jonathan), Nils Westblom (Sam), Charlotta Larsson (hinkende Lotta), Lotti Törnros (Flamencolehrerin), Jonas Gerholm (einsamer Leutnant), Oscar Salomonsson (Tänzer); Länge: 101 min; Spielfilm; Schweden 2014

Inhalt

Die Scherzartikelverkäufer Sam und Jonathan wollen den Menschen mit ihren Produkten Freude bereiten. In ihren Verkaufskoffern befinden sich viele Klassiker wie Vampirzähne, Lachsäcke und Monstermasken. Doch das Geschäft läuft schleppend und so sind die beiden ironischerweise selber nicht gerade froh und glücklich. Sie sind eben keine großen Verlaufstalente und liegen sich ständig darüber in den Haaren, mit welcher Strategie sie ihre Produkte präsentieren sollen. Und da sie so gut wie pleite sind, wird es allerhöchste Zeit für Absatz zu sorgen. Also ziehen die zwei Chaoten weiter von Tür zu Tür, während um sie herum die skurrilsten Dinge passieren.

Kommentar

Der schwedische Regisseur Roy Andersson ist bekannt für seine fast schon existenzphilosophischen Filme, die immer etwas komisch und skurril daherkommen. Ein herausgehobenes gestalterisches Merkmal sind die langen, starren und präzisen Einstellungen - tableauartige Bildkompositionen, deren deutliche visuelle Begrenzungen auf die Beschränkung des menschlichen Handlungsspielraums verweisen sollen. Im Mittelpunkt steht dabei die traurige Sinnlosigkeit des Alltags, erzählt anhand von einzelnen Episoden. Sie reichen von kurzen, sketchartigen Miniaturen bis hin zu aufwendig choreographierten Massenaufmärschen. Obwohl die Bilder mit ihrer aseptischen Künstlichkeit und ihren Grautönen recht schmucklos wirken, kondensieren in ihnen vielfältige Einflüsse aus der bildenden Kunst (Edward Hopper; Bruegel, der Ältere). Trotz aller Tristesse und Trauer bleibt am Ende ein hoffnungsvoller Blick auf das menschliche Leben.
23.03.2015
Wir sind jung, wir sind stark
Filmzettel – Nummer 1090 (drucken)
Regie: Burhan Qurbani; Kamera: Yoshi Heimrath; Musik: Matthias Sayer, Tim Stöble; Darsteller: Devid Striesow (Martin), Jonas Nay (Stefan), Joel Basman (Robbie), Le Hong Trang (Lien), Saskia Rosendahl (Jennie), David Schütter (Sandro); Länge: 123 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Rostock, Montag, den 24.August 1992. Bereits seit zwei Tagen dauern die Krawalle vor der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber im Stadtteil Lichtenhagen nun schon an. Die Vietnamesin Lien, die mit ihrem Bruder und dessen Frau im Sonnenblumenhaus genannten Wohnheim lebt, will unbedingt in Deutschland bleiben, wo sie eine neue Heimat gefunden hat. Doch als die Randalierer das Wohnheim anzünden, muss auch Lien um ihr Leben fürchten. Die Polizei und auch der Lokalpolitiker Martin sind von der Situation völlig überfordert. Als Martin seinen Sohn Stefan unter den gewaltbereiten Jungendlichen entdeckt, muss er erkennen, dass auch er, der immer alle Schuld von sich gewiesen hat, versagt hat. Doch was treibt Stefan und seine Altersgenossen an ?

Kommentar

Der 1980 in Erkelenz geborene Regisseur, Sohn afghanischer Einwanderer, hat zusammen mit dem Ostberliner Drehbuchautor Martin Behnke aufwendig vor Ort recherchiert, bevor er sich an diesen brisanten Stoff gewagt hat. Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen waren die schwersten ausländerfeindlichen Krawalle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Damals zündete der Mob nach fünf Krawallnächten unter den Beifall von über 3000 Zaungästen ein Wohnheim mit Vietnamesen an. Es grenzt an ein Wunder, dass bei diesem mit Molotowcocktails verübten Anschlag niemand zu Tode kam.Der Film entfaltet das Geschehen als eine Art Gesellschaftsdrama in drei sich nebeneinander entwickelnden Episoden über den finalen Tag der dramatischen Auseinandersetzungen und zeichnet in durchdachter Schwarzweiß-Optik ein Szenario aus Fremdenhass, Sündenbockhatz und einer offenbar perspektivlosen rebellischen Jugend. Erst gegen Ende wechselt der Film zur Farbe und zum Scope-Format.
16.03.2015
Die Entdeckung der Unendlichkeit
Filmzettel – Nummer 1089 (drucken)
Regie: James Marsh; Kamera: Benoit Delhomme; Musik: Johann Johansson; Darsteller: Eddie Redmayne (Stephen Hawkins), Felicity Jones (Jane Hawking), Tom Prior (Robert Hawking), Harry Loyd (Brian), David Thewlis (Dennis Sicama), Michael Marcus (Ellis), Emily Watson (Isobel Hawking); Länge: 123 min; Spielfilm; Großbritannien 2014

Inhalt

Während seines Studiums an der Cambridge University in den 60er Jahren verliebt sich der brillante Naturwissenschaftler Stephen Hawking bis über beide Ohren in die Sprachstudentin Jane Wilde. Sein Studium der theoretischen Physik bringt ihn vor allem mit dem Phänomen der Zeit und mit der Frage nach dem Ursprung des Universums in Berührung. Mit kaum 20 Jahren wird bei ihm die schwere Nervenkrankheit ALS diagnostiziert, die im Normalfall in kurzer Zeit zum Tod führt. Doch schiere Willenskraft und die treu an seiner Seite verbleibende Jane geben Hawking die nötige Kraft, sein Leiden unter schwierigsten Bedingungen zu meistern. Seit Jahrzehnten auf den Rollstuhl angewiesen , seit seinem Luftröhrenschnitt 1985 auch auf einem Sprachcomputer mit blecherner Stimme, wird er vor allem durch seinen Bestseller "Eine kurze Geschichte der Zeit" zu einer Ikone unserer Epoche.

Kommentar

Während sein Buch über die Zeit weltweit rund 25 Millionen mal verkauft wurde, erhielt Stephen Hawkings bis heute weder den Nobelpreis für Physik noch die Fields Medal, die wichtigste Auszeichnung auf dem Gebiet der Mathematik. Sein Ruhm in der medialen Öffentlichkeit resultiert aus der faszinierenden Kombination eines Lebens in fast vollständiger Bewegungsunfähigkeit und der Beschäftigung mit den sogenannten letzten Fragen. Der Film erzählt das Leben des Protagonisten in einer Mischung aus Privatem und Beruflichem. Während die physikalischen Ideen eher bruchstückhaft angedeutet werden, konzentriert sich die Handlung ganz auf die Schilderung der Romanze zwischen Stephen und Jane. Das langsam Ende dieser Liebe, das schließlich auf eine Scheidung hinauslief, wird dabei ausgesprochen vorsichtig und respektvoll geschildert.
09.03.2015
The Imitation Game
Filmzettel – Nummer 1088 (drucken)
Regie: Morten Tyldum; Kamera: Oscar Faura; Musik: Alexandre Desplat; Darsteller: Benedict Cumberbatch (Alan Turing), Keira Knightley (Joan Clarke), Matthew Goode (Hugh Alexander), Mark Strong (Stewart Menzies), Rory Kinnear (Detective Nock), Charles Dance (Commander Alistair Denniston); Länge: 115 min; Spielfilm; Großbritannien 2014

Inhalt

Nach einer unglücklichen Jugend beginnt der brillante Mathematiker Alan Turing während seines Studiums an der Cambridge-Universität sein volles Potential zu entfalten, insbesondere was die Theorie von Rechenmaschinen anbetrifft. Gleich zu Beginn des 2.Weltkrieges wird er vom britischen Geheimdienst einer Gruppe von Spezialisten zugeteilt, welche die Aufgabe hat, die deutsche Verschlüsselungsmaschine Enigma zu knacken. Durch seine fast autistische Persönlichkeit kommt es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Teamkollegen. Doch als er neue Mitarbeiter rekrutiert, unter anderem die überragend begabte Joan Clarke, kommt das Projekt entscheidend voran. Der Film wird überwiegend in Rückblenden erzählt, in denen deutlich wird, dass sich Turing insbesondere wegen seiner Homosexualität stets als Außenseiter gefühlt hat.

Kommentar

Nach der Einnahme von Paris am 14.Juni 1940 ist England die einzige Großmacht, die dem Großdeutschen Reich noch im Wege steht. Es beginnt ein erbitterter Kampf zu Wasser und in der Luft. Dabei spielt die von den Deutschen entwickelte Chiffriermaschine Enigma I eine große Rolle. Sie wurde für die Verschlüsselung aller wichtigen militärischen Befehle genutzt, verfügte über eine unvorstellbare Zahl von Möglichkeiten (206.651.321.783.174.268.000.000.) und galt als unknackbar. Der Film konzentriert sich ganz auf die komplexe und oft widersprüchliche Persönlichkeit des Protagonisten. Eine auf den ersten Blick kaum sympathische Figur, einen verhaltensgestörten, überheblichen Kauz derart feinsinnig zu präsentieren, ist eine großartige schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers. Demgegenüber fallen die Nebendarsteller deutlich ab, vor allem die als Konzession an den Zeitgeist implementierte weibliche Rolle von Keira Knightley. Mit einem vergifteten Apfel brachte sich der wegen seiner Homosexualität verurteilte, zunehmend verzweifelte Turing 1954 ums Leben. Mit großem Pathos entschuldigte sich 2009 Premierminister Gordon Brown offiziell für das inhumane Verhalten der britischen Justiz. Dass jener angebissene Apfel, der neben dem toten Rechengenie lag, als Vorlage für das berühmte Apple-Logo diente, hat Steve Jobs zwar als Legende dementiert, aber gleichzeitig beteuert, nicht auf diese Idee gekommen zu sein.
02.03.2015
Birdman
Filmzettel – Nummer 1087 (drucken)
Regie: Alejandro González Inárritu; Kamera: Emmanuel Lubezki; Musik: Antonio Sanchez; Darsteller: Michael Keaton (Riggan Thomson), Zach Galifianakis (Brandon), Edward Norton (Mike Shiner), Andrea Riseborough (Laura),Amy Rian (Sylvia), Emma Stone (Sam), Naomi Watts (Lesley), Lindsay Duncan (Tabitha); Länge: 119 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Die Karriere von Riggan Thomson ist quasi am Ende. Früher verkörperte er den Superhelden Birdman, doch heute gehört er zu den ausgedienten Stars einer vergangenen Ära. In seiner Verzweiflung versucht er, ein Broadway-Stück auf die Beine zu stellen, um sich und den anderen zu beweisen, dass man ihn noch nicht abschreiben kann. Als die Premiere näher rückt, fällt Riggans Hauptdarsteller unfallbedingt aus. Der Regisseur findet mit Mike Shiner schnellen Ersatz. Der ist jedoch nicht nur ein genialer Schauspieler, sondern auch ein exzentrischer Choleriker, der dann ausgerechnet Riggans Tochter Sam anbaggert, die gerade einen Drogenentzug hinter sich gebracht hat.Zusätzlich unter Druck gesetzt wird der gebeutelte "Birdman" von seiner Freundin Laura, die erzählt von ihm schwanger zu sein, und von seiner Ex-Frau Sylvia, sie immer dann auftaucht, wenn die Situation mal wieder besonders angespannt ist.

Kommentar

Seit dem Film BOULEVARD DER DÄMMERUNG aus dem Jahr 1950 ist das schlimme Schicksal abgehalfterter ehemaliger Hollywoodstars ein Thema im amerikanischen Kino. Der Glanz des Glamours und das Elend des Abstiegs, dieser Gegensatz scheint den US-Bürger immer wieder zu faszinieren. "Hire and fire", so lautet bekanntlich das Credo aller neoliberalen Gegner des Sozialstaates. Doch hier hat sich kein typischer Superhelden-Regisseur des Themas angenommen, sondern der Mexikaner Inárritu, der bisher nicht mit Superman, Batman oder Spiderman liiert war, sondern der sich eher als Arthouse-Regisseur hervorgetan hat. in seiner brillant inszenierten Tragikomödie demontiert er das formelhafte Hollywood-Kino mittels beißender Satire und mit der Unterstützung einer ganzen Riege hervorragender Schauspieler. Doch Hollywood wäre nicht Hollywood, wenn es diese Art von Kritik nicht generös wegstecken würde.
23.02.2015
Magic in the Moonlight
Filmzettel – Nummer 1086 (drucken)
Regie: Woody Allen; Kamera: Darius Khondji; Darsteller: Colin Firth (Stanley Crawford), Emma Stone (Sophie), Eileen Atkins (Aunt Vanessa), Marcia Gay Harden (Mrs. Baker), Hamish Linklater (Brice), Jacki Weaver (Grace), Erica Leerhsen (Caroline), Catherine McCormack (Olivia); Länge: 97 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Ende der 20er Jahre. An der Cote d'Azur ist die junge Sophie Baker aufgetaucht, die sich als Hellseherin ausgibt und damit offenbar nicht nur die Herzen, sondern auch die Brieftaschen der reichen Villenbesitzer erobert. Der angesehene englische Illusionist Stanley Crawford wird nun nach Südfrankreich geschickt um den Schwindel aufzudecken. Als angeblicher Geschäftsmann wird er in die High Society eingeschleust, wo er schnell die Bekanntschaft von Sophie macht. Doch diese erweist sich als harter Brocken: Sophie ist nicht nur wunderhübsch, sondern auch als Medium so überzeugend, dass Stanley an sich selbst und an seiner Skepsis zu zweifeln beginnt.

Kommentar

Der Film liefert insbesondere ein Sittengemälde der auslaufenden zwanziger Jahre, als sich eine dekadente Oberschicht vor dem Hintergrund millionenfachen weltweiten Elends einem ausschweifenden Leben hingab. Woody Allen macht daraus eine leichtfüßige Gute-Laune-Romanze, wie sie kaum besser zu ihrem sommerlich-sonnigen Setting an der damaligen französischen Riviera nahe Nizza und Antibes passen könnte. Im Mittelpunkt steht dabei jedoch die Vorliebe des Regisseurs für das Magische, für Zauberei, für Unerklärliches - Hypnotiseure, Heiler und Heuchler. Die Handlung wird durch die kriminalistisch angehauchte Story zu einer spannenden Spurensuche, bei der die Liebesgeschichte fast zu einem Nebeneffekt verdampft. Mit einem raffinierten Drehbuch, einer Ausstattung vom Feinsten und einer hübsch verpackten Lebensphilosophie erweist sich der mittlerweile 78jährige Allen einmal mehr als ein Meister seines Fachs. Das Ende soll nicht verraten werden, nur so viel sei gesagt: Wie die verzwickte Story am Ende aufgelöst wird, ist tatsächlich überraschend.
16.02.2015
Timbuktu
Filmzettel – Nummer 1085 (drucken)
Regie: Abderrahmane Sissako; Kamera: Sofiane El Fani; Musik: Amine Bouhafa; Darsteller: Ibrahim Ahmed dit Pinto (Kidane), Abel Jafri (Abdelkrim), Hichem Yacoubi (Djihadiste), Layla Walet Mohamed (Toya), Toulou Kiki (Satima); Länge: 97 min; Spielfilm; Mauretanien 2014

Inhalt

Timbuktu, Mali. Islamistische Fundamentalisten haben die alte Oasenstadt übernommen und die religiösen Gesetze der Scharia eingeführt. Das Leben unterliegt einem strengen Reglement. Die Menschen dürfen nicht mehr rauchen, nicht mehr musizieren und nicht mehr Fußball spielen; die Frauen werden gezwungen, sich zu verschleiern. In einem Zelt unweit des Hauptquartiers der Eiferer wohnt der Beduine Kidane zusammen mit seiner Frau Satima , seiner Tochter Toya und einem 12jährigen Hirtenjungen. Zunächst lebt die Familie in Ruhe, hält Distanz zu den Extremisten. doch dann begeht Kidane einen Fehler und tötet nach einem Streit den Fischer Amadou, weil der seine Lieblingskuh geschlachtet hat. Von nun an bricht der islamistische Terror auch über die friedliebende Familie herein.

Kommentar

Der in Frankreich lebende, in Mauretanien geborene und in Mali aufgewachsene Regisseur hat für seine realistische Parabel das mythische, sagenumwobene und im Norden Malis gelegene Timbuktu ausgewählt. Handelswege kreuzten sich hier, Karawanen fanden Unterschlupf und Forscher suchten lange nach einer untergegangenen Hochkultur. Vor drei Jahren wurde die Stadt von Islamisten besetzt, welche dort die Gesetze der Scharia einführten. Vor diesem realen Hintergrund spielt die Handlung des Films. In drastischen und manchmal überaus poetischen Bildern wird dem Zuschauer vor Augen geführt, was es heißt, wenn eine fanatische Horde von Terroristen in einer bisher friedlichen und kulturbeflissenen Gesellschaft die Macht übernimmt. Dabei wird insbesondere deutlich, wie heuchlerisch eine solche Ordnung in Wirklichkeit ist, wo sich die Machthaber genau das herausnehmen, was sie allen anderen streng verbieten.
09.02.2015
1001 Gramm
Filmzettel – Nummer 1084 (drucken)
Regie: Bent Hamer; Kamera: John Christian Rosenlund; Musik: John Erik Kaada; Darsteller: Ane Dahl Torp (Marie), Per christian Ellefsen (Moberg), Laurent Stocker (Pi), Peter Hudson (Dr. Reinhard Winkler), Didier Flamand (Gérard), Stein Winge (Ernst Ernst); Länge: 93 min; Spielfilm; Norwegen 2014

Inhalt

Die Mittdreißigerin Marie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt und konzentriert sich ganz auf ihre wissenschaftliche Arbeit im Nationalen Eichamt, wo sie Maße und Gewichte, von der Briefwaage bis zur Zapfsäule, überprüft. An ihrem Institut wird auch das letzte verbliebene physikalische Referenzmaß, ein Kilo aus Platin und Iridium, peinlich genau bewacht. Marie bekommt den Auftrag, mit dem Gewicht nach Paris zu fliegen, wo es mit dem dortigen Urkilogramm abgeglichen werden soll. Dort trifft die rationale Frau auf den charmanten Franzosen Pi, der früher selbst beim Bureau international des Ponds et Mesures tätig war und nun als Gärtner die Anlagen der Einrichtung pflegt. Damit bekommt ihr ganzes Leben eine neue Richtung.

Kommentar

Der norwegische Seiteneinsteiger und filmische Autodidakt Bent Hamer hat bereits in der Vergangenheit mit einigen skurrilen Filmen auf sich aufmerksam gemacht. In "1001 Gramm" führt er den Zuschauer in die unbekannte Welt der Maße und Gewichte, deren Zentrum sich seit der französischen Revolution in Paris befindet. Der alte Streit, ob man das Referenzkilo vor dem Kalibrieren putzen soll, flammt ebenso auf wie die Diskussion darüber, ob Maße und Gewichte den Weltfrieden sichern. Mit sparsamen Dialogen und strenger Ästhetik schafft der Regisseur eine ganz besondere Art von unterkühlter Komik, die optisch hochgradig spannend ist. Bemerkenswert die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin, deren starke Persönlichkeit dem Film eine ganz besondere Note gibt.
02.02.2015
Una cancion coreana
Filmzettel – Nummer 1083 (drucken)
Regie: Yael Tujsnaider; Gustavo Tarrio; Kamera: Rodrigo Bermúdez; Darsteller: Anra Chung, Victor Ho, Seung Ja Joo, Jung Hee Park, Maria Acuña, Sara Ho, Esteban Ho, Cesilia Biennati, Lidia Comaschi, Jin Yi Hwang; Länge: 78 min; Dokumentarfilm; Südkorea/Argentinien 2014

Inhalt

Es handelt sich um ein Porträt von Anra Chung, Ehefrau, Mutter, überzeugte Christin, Sängerin, Gesangslehrerin und Restaurantbesitzerin. Zusammen mit ihrer koreanischen Familie ist sie vor 30 Jahren nach Argentinien ausgewandert und lebt seitdem im koreanischen Viertel von Buenos Aires.
Als das Filmteam mit ihrer bewegenden Geschichte in Berührung kam, entstand der Vorschlag für eine Art Theaterstück über ihr Leben. Der Film dokumentiert die Entstehung dieses Theaterstücks hinter den Kulissen und folgt auch Anras Spuren in ihrem alltäglichen Leben. Irgendwann verschmolzen Theater und Film, Anras Familie und das Filmteam wurden zu einer echten Gemeinschaft. Bei aller thematischen Vielfältigkeit steht die wunderschöne Stimme der Protagonistin eindeutig im Mittelpunkt.

Kommentar

Der Film wurde erstmals auf dem letztjährigen Filmfestival in Buenos Aires gezeigt und zwar im Rahmen des Nationalen Wettbewerbs. Er bekam dort hervorragende Kritiken. Die Co-Regisseurin Yale Tujsnaider lebt mit ihrem Mann, dem ehemaligen LG-Schüler Max Woellert, seit kurzem wieder in Deutschland (Berlin). Nachdem die Verbindung zum Filmclub hergestellt worden war, stand einer Aufführung des Films im Rahmen des montäglichen Filmclub-Programms nichts mehr im Wege. Frau Tujsnaider wird am 2.Februar im Burgtheater persönlich anwesend sein und nach dem Film mit dem Publikum ein Filmgespräch führen.
26.01.2015
Dampnudelblues
Filmzettel – Nummer 1082 (drucken)
Regie: Ed Herzog; Kamera: Sebastian Edschmid; Musik: Martin Probst; Darsteller: Sebastian Bezzel (Franz Oberhofer), Daniel Christensen (Flötzinger), Eisi Gulp (Vater Oberhofer), Ferdinand Hofer (Max Simmerl), Frederic Linkemann (Kurt), Ilse Naubauer (Oma Oberhofer), Max Schmidt (Wolfi), Simon Schwarz (Rudi Birkenberger); Länge: 91 min; Spielfilm; Deutschand 2013

Inhalt

Franz Eberhofer hat es als Dorfpolizist nicht leicht. Kaum wurde er aus der Großstadt München in seinen Heimatort Niederkaltenkirchen verbannt, da darf er auch schon ausrücken und dem unsympathischen Schuldirektor Hopf zu Hilfe eilen. Dem hatte jemand an die Garage gesprayt "Stirb du Sau!". Kurz darauf liegt der Pädagoge jedoch mausetot auf den Eisenbahnschienen. Jetzt muss Eberhofer ermitteln, ob er will oder nicht. Und eine unglaubliche Kriminalstory beginnt.

Kommentar

Diese Verfilmung des zweiten Romans aus der sog. Eberhofer-Reihe der ehemaligen Polizistengattin Rita Falk startete eine überaus erfolgreiche Kino-Reihe, vor allem natürlich in Bayern. Gelungen an diesem augenzwinkernden und schwarzhumorigen "Regionalkrimi" ist die Verquickung von provinzieller Mordgeschichte mit den anarchischen Privatexistenzen seiner Protagonisten. Der Eberhofer Franz etwa muss sich mit seinem kiffenden Vater, einem spießigen Bruder und einer problematischen Jugendliebe herumschlagen. Verschnaufpausen gibt es höchstens vor der Fleischtheke des Metzgers Zimmerl und natürlich an Oma Eberhofers deftigem Mittagstisch. In diesem Geflecht aus purem Heimatgefühl und dumpfem Hinterwäldlertum kommt auch ein Blick auf die Schattenseiten so mancher dörflichen Idylle nicht zu kurz.
19.01.2015
Winterkartoffelknödel
Filmzettel – Nummer 1081 (drucken)
Regie: Ed Herzog; Kamera: Sebastian Edschmid; Musik: Martin Probst; Darsteller: Sebastian Bezzel (Franz Eberhofer), Simon Schwarz (Rudi Birkenberger), Lisa Maria Potthoff (Susi), Eisi Gulp (Vater Eberhofer), Sigi Zimmerschied (Dienststellenleiter Moratschek), Jeanette Hain (Mercedes), Enzi Fuchs (Oma Eberhofer), Daniel Christen; Länge: 96 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Der Provinzpolizist Franz Eberhofer und sein Kumpel, der Ex-Polizist und jetzige Privatdetektiv Rudi Birkenberger, bekommen es in der Kleinstadt Niederkaltenkirchen mit bizarren Todesfällen rund um die Familie Neuhofer zu tun. Deren Mitglieder sterben innerhalb kürzester Zeit unter den merkwürdigsten Umständen. Während Franz' Vorgesetzter Moratschek an eine Verkettung unglücklicher Umstände glaubt, sind Franz und Rudi überzeugt davon, dass da etwas faul ist, zumal die geheimnisvolle Mercedes plötzlich in der Stadt auftaucht und Franz gehörig den Kopf verdreht. Sie folgen einer Spur bis nach Teneriffa und kommen schließlich dahinter, wer die Todesfälle zu verantworten hat.

Kommentar

Die aus Oberammergau stammende und vormals arbeitslose Bürokauffrau Rita Falk landete 2010 mit ihrem ersten Provinzkrimi WINTERKARTOFFELKNÖDEL um den Provinzpolizisten Franz Eberhofer einen kapitalen Bestseller, der vor allem in Bayern wegen seiner stark dialektalen Sprache sehr gut ankam. Nachdem der zweite Roman dieser Reihe, DAMPNUDELBLUES, im Jahr 2013 erfolgreich verfilmt wurde (über eine halbe Million Zuschauer), schob die Produktionsfirma die Verfilmung des ersten Bandes sofort nach. Diese lockte sogar noch mehr Besucher in die Kinos - und das zu recht. Denn das virtuose Spiel mit skurrilen Situationen und insbesondere mit der schrulligen Mentalität der hier gezeigten Oberbayern führt zu aberwitzigen Szenen, die den Zuschauer nicht mehr aus dem Lachen herauskommen lassen. In dieser im besten Sinnen volkstümlichen Komödie werden nicht nur viele Zeiterscheinungen auf die Schippe genommen, auch die Freunde witziger Hundeauftritte kommen voll und ganz auf ihre Kosten.
12.01.2015
Das Salz der Erde
Filmzettel – Nummer 1080 (drucken)
Regie: Wim Wenders; Juliano Ribeiro Salgado; Kamera: Hugo Barbier, Juliano Ribeiro Salgado; Musik: Laurent Petitgand; Darsteller: Sebastiao Salgado (himself), Wim Wenders (himself), Juliano Ribeiro Salgado (himself); Länge: 110 min; Dokumentarfilm; Brasilien/Frankreich 2014

Inhalt

In den vergangenen vier Jahrzehnten hat der brasilianische Fotograf Sebastiao Salgado auf allen Kontinenten die Spuren der sich wandelnden Welt in eindrucksvollen Fotoreportagen dokumentiert. Er wurde dabei Zeuge von Kriegen, Vertreibungen, Hungersnöten und sonstigem Leid aller Art. Für Salgado stellte seine Berufung eine extreme seelische Belastung dar, die ihn oft an den Rand der Verzweiflung brachte. Leben und Arbeit dieses außergewöhnlichen Künstlers wird im Film aus der Perspektive zweier Regisseure gezeigt: einmal aus der Sicht seines Sohnes Juliano Ribeiro Salgado und der des deutschen Filmemachers im Wenders.

Kommentar

Nachdem Wim Wenders gleich zu Beginn erläutert, was er an Salgado Werk so faszinierend findet, entsteht auf der großen Leinwand gleichsam eine überdimensionale Dia-Show mit bewegenden Fotos aus der jüngsten Menschheitsgeschichte. Zu sehen sind an Hunger sterbende Menschen und Bürgerkriegsopfer in Äthiopien, Ruanda oder dem Kongo. Man sieht jene Feuerwehrleute, die brennende Ölfelder nach dem Kuwait-Krieg löschen. Nach diesem Elend-Overkill wendet sich der Fotograf 2004 schließlich der Natur zu und hält sie in seinem Projekt "Genesis" in traumhaft schönen Bildern fest. Um auf der Leinwand eine möglichst direkte Verbindung des Fotografen mit seinen Bildern zu erzeugen, hat Wim Wenders für die Interview-Aufnahmen eine neue Technologie ausgetüftelt. Der 70jährige Salgado wird über einen Spiegel von der Kamera aufgenommen, zugleich sieht er jene Fotos, über die er erzählt, auf einem Teleprompter. Der Zuschauer sieht als Ergebnis beides: das Foto und den charismatischen Erzähler. Als Glücksfall erweist sich dabei das rhetorische Talent des Maestro, der so unterhaltsam wie nachdenklich seine Werke kommentiert, mit denen er der Menschheit seit über dreißig Jahren einen Spiegel ihrer Abgründe vorhält.
05.01.2015
Mr.Turner - Meister des Lichts
Filmzettel – Nummer 1079 (drucken)
Regie: Mike Leigh; Kamera: dick Pope; Musik: Gary Yershon; Darsteller: Timothy Spall (Mr.Turner), Paul Jesson (William Turner), Dorothy Atkinson (Hannah Danby), Marion Balley (Mrs. Booth), Ruth Sheen (Sarah Danby); Länge: 149 min; Spielfilm; Großbritannien 2014

Inhalt

Der Maler William Turner führt im England des Jahres 1825 ein bewegtes Leben: Neben seiner Kunst der Landschaftsmalerei widmet er sich Reisen, Bordellbesuchen und Zusammenkünften mit dem Landadel. Er kostet dabei seine Freiheiten exzessiv aus und stößt mit seinem Verhalten so manches Mitglied der sog. besseren Gesellschaft vor den Kopf. Auch im Privatleben ist der Umgang mit dem kauzigen Maler überaus schwierig. Er teilt die Wohnung mit seinem Vater und seiner Haushälterin Hannah, deren innige Zuneigung er schamlos ausnutzt. Als der Vater stirbt, gerät Mr.Turner in eine künstlerische und persönliche Krise.

Kommentar

Er zählt zu den besten und mittlerweile teuersten Malern der Welt - als Mallord Joseph William Turner anno 1851 im Alter von 76 Jahren starb, hinterließ er mehr als 20.000 Werke. Dramatische Naturszenen, Schiffe und Wasser gehörten zu den Leitmotiven dieses Vorläufers des Impressionismus. Über das Privatleben des Künstlers ist wenig bekannt, doch Regisseur Mike Leigh hat intensiv recherchiert und sich für die fehlenden Puzzlestücke die künstlerische Freiheit genommen. Einmal mehr stehen bei Leigh die ganz normalen Menschen im Vordergrund, die Wohlhabenden und Kulturkritiker kommen allesamt als arrogante Schnösel daher. Schließlich taucht noch die junge Queen Viktoria auf, deren Unverständnis für diese Art Kunst als Vorbote ihrer prüden Politik gelten kann. Der Film nähert sich stilistisch immer wieder seiner Hauptperson an, der Kamera gelingen atemberaubend schöne Bilder, indem sie - wie der Maler - in allen Dingen den Zauber des Schönen entdeckt. Neben dem Leben dieses Ausnahmekünstlers beschreibt der Film en passant die damalige Zeit, den Beginn der industriellen Revolution, mit neuen Erfindungen wie Dampfschiff und Fotografie, die tief in das Leben der Protagonisten eingreifen. Doch auch die Kehrseiten dieser Epoche wie hohe Säuglingssterblichkeit und Kinderarbeit werden thematisiert. Verkörpert wird der kauzige Mr.Turner von einem eindrucksvoll aufspielenden Timothy Spall, der diese widerspenstige Figur in all ihren Facetten präsentiert.
29.12.2014
Ein Sommer in der Provence
Filmzettel – Nummer 1078 (drucken)
Regie: Rose Bosch; Kamera: Sréphane le Parc; Musik: Elise Luguern; Darsteller: Jean Reno (Paul), Anna Gliena (Irène), chloé Jouannet (Léa), Hugo Dessioux (Adrien), Lukas Pelissier (Théo), Hugues Aufray (Elie); Länge: 103 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Léa, Adrien und ihr kleiner Bruder Théo fahren in den Sommerferien von Paris in die Provence, um dort ihren Großvater zu besuchen. Der bärbeißige Olivenzüchter bewohnt ein stilvoll verwittertes Bauernhaus, in dem Touristen alles andere als willkommen sind. Zwar haben die Enkel den Alten wegen eines zurückliegenden Familienstreites nie kennengelernt, doch ihre Freude, den Sommer ohne funktionstüchtiges Mobilfunknetz zu verbringen, hält sich in Grenzen. Hinzu kommt, dass Großmutter Irène ihrem Mann nichts von dem Familienurlaub erzählt hat, weshalb dessen Reaktion auf den unerwarteten Besuch eher verhalten ausfällt. Kein Wunder also, dass es nicht lange dauert, bis die Differenzen zwischen den Generationen eskalieren und ein chaotischer Sommer seinen Lauf nimmt. Doch dann kommen sich der Großvater und sein jüngster Enkel näher.

Kommentar

"Zwei Klischees sind lächerlich, hundert Klischees sind ergreifend" hat Umberto Ecco einmal geschrieben, ein Bonmot, das sich die Regisseurin sehr zu Herzen genommen zu haben scheint. Sie trägt dabei nicht nur prägnant auf, sondern so dick, das jegliche Ambivalenz begraben wird. Doch zusammen mit ihrem Kameramann gelingt es ihr, die malerische Landschaft der Provence, das traditionelle Dorfleben daselbst und die Feste des Sommers in so leuchtenden Farben einzufangen, dass schließlich doch ein sehr leichter und luftiger Film zustande kommt. Und laut eigener Aussage ging es der Regisseurin vor allem darum, sowohl für die Generation Smartphone als auch für selbstgenügsame Naturmenschen gleichermaßen Verständnis und Sympathie aufzubringen.
22.12.2014
Hin und weg
Filmzettel – Nummer 1077 (drucken)
Regie: Christian Zübert; Kamera: No The Chau; Musik: Siggi Mueller, Egon Riedel; Darsteller: Florian David Fitz (Hannes), Julia Koschitz (Kiki), Jürgen Vogel (Michael), Johannes Allmayer (Dominik), Victoria Mayer (Mareike), volker Bruch (Finn); Länge: 95 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Jedes Jahr unternehmen Hannes und seine Frau Kiki zusammen mit Freunden eine längere Fahrradtour. In diesem Jahr ist Hannes dran mit der Zielauswahl und er entscheidet sich für Belgien, was bei den anderen nicht gerade große Begeisterung auslöst. Nach den ersten Etappen offenbart er ihnen dann den tieferen Grund für seine Wahl. Wegen einer unheilbaren Nervenkrankheit und der Tatsache, dass die Sterbehilfegesetzgebung in Belgien sehr liberal ist, will er diese Tour zu seiner letzten überhaupt werden lassen. Die Freunde sind zuerst geschockt, doch dann sind sie sich sicher: Dieses letzte gemeinsame Erlebnis soll unvergesslich werden.

Kommentar

Der Film behandelt das schwierige Thema "Sterbehilfe" auf eine eher oberflächliche und auch ungeschickte Art. Neben der Dauerberieselung mit melancholischen Popsongs stören auch die manchmal überdeutlichen Gespräche, denn die Einsamkeit von Hannes und seine Angst werden fast nur verbal vermittelt. Kurzweiligkeit wird durch die sozialen Spannungen innerhalb der Gruppe vermittelt, wo es um alle möglichen "Mutproben" geht. Die im Film thematisierte Krankheit ALS (Amyothophe Lateralsklerose) ist äußerst selten. Es handelt sich dabei um eine fortschreitende Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems. Für den Betroffenen bedeutet das eine unaufhaltsam zunehmende Muskellähmung am ganzen Körper einschließlich der Atemmuskulatur und damit den frühzeitigen Tod. Die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Diagnose liegt bei 3 bis 5 Jahren.
15.12.2014
Im Labyrinth des Schweigens
Filmzettel – Nummer 1076 (drucken)
Regie: Giulio Ricciarelli; Kamera: Martin Langer, Roman Osin; Musik: Niki Reiser, Sebastian Pille; Darsteller: Alexander Fehling (Johann Radmann), Gert Voss (Fritz Bauer), Friederike Becht (Marlene Wondrak), Johann von Bülow (Otto Haller), Robert Hunger-Bühler (Walter Friedberg), Johannes Krisch (Simon Kirsch), Lisa Martinek (Inge), Lukas Miko (Hermann Langbe; Länge: 123 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Bundesrepublik Deutschland 1958. Wirtschaftswunder, Konsum, Heimatfilme und sentimentale Schlager bestimmen den Zeitgeist. Eines Tages sorgt der Journalist Thomas Gnielka am Frankfurter Gericht für Aufruhr, als er einen ehemaligen Auschwitz-Wärter anzeigen will, der offenbar als Lehrer unbehelligt durchs Leben geht. Nur der junge Staatsanwalt Johann Radmann schenkt ihm Gehör und will die Hintergründe aufklären. Rückendeckung erhält er dabei vom Generalstaatsanwalt Fritz Bauer sowie durch den Zugriff auf unzweifelhafte Akten. Radmann stößt auf ein Geflecht aus Verdrängung, Verleugnung und Verklärung. Doch er ist fest entschlossen, in diesem Labyrinth des Schweigens ein Exempel zu statuieren.

Kommentar

Thomas Gnielka, der 1958 durch seine Anzeige den größten Prozess der deutschen Nachkriegsgeschichte ins Rollen brachte, war als jugendlicher Luftwaffenhelfer direkt neben dem Konzentrationslager Auschwitz eingesetzt, wo ihm ausgemergelte Häftlinge begegneten, die zur Zwangsarbeit in Außenkommandos eingesetzt waren. Ein ehemaliger KZ-Häftling, der ihn um Hilfe bei seinem Wiedergutmachungsantrag gebeten hatte, übergab ihm bei dieser Gelegenheit Teile einer bei Kriegsende aus den Trümmern des SS- und Polizeigerichtes Breslau geretteten Akte, in der es um die bürokratische Abwicklung von "auf der Flucht erschossenen" KZ-Häftlingen ging. Gnielka schickte diese Unterlagen an den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer - im Film dargestellt durch den unvergessenen Gert Voss - , dem daraufhin vom Bundesgerichtshof die Ermittlung für Straftaten im Konzentrationslager Auschwitz übertragen wurden, was überhaupt erst die Aufnahme des Frankfurter Auschwitz-Prozesses möglich machte. Von Bauer stammt der Satz : " Wenn ich mein Dienstzimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland." - ein Hinweis auf die Tatsache, dass die meisten Juristen der Bundesrepublik zuvor der NS-Diktatur gedient hatten. Der Protagonist des Films, Staatsanwalt Johann Radmann, ist eine fiktive Person, an deren Beispiel gezeigt wird, wie schwer es damals war, die Täter zu ermitteln und zu bestrafen.
08.12.2014
The Cut
Filmzettel – Nummer 1075 (drucken)
Regie: Fatih Akin; Kamera: Rainer Klausmann; Musik: Alexander Hacke; Darsteller: Tahar Rahim (Nazaret Manoogian), Simon Abkarian (Krikor), Makram Khoury (Omar Nasreddin), Hindi Zahra (Rakel), Kevork Malikyan (Hagob Nakashian), Trine Dyrholm (Leiterin des Waisenhauses), Moritz Bleibtreu (Peter Edelman); Länge: 138 min; Spielfilm; Deutschland u.a. 2014

Inhalt

Südtürkei 1915. In einer Nacht werden alle armenischen Männer der Gemeinde Mardin von der türkischen Gendarmerie zusammengetrieben, so auch Nazareth Manoogian, der mit seiner Frau und seinen Zwillingstöchtern unter osmanischer Herrschaft lebt. Der junge Schmied wird gewaltsam von seiner Familie getrennt und in die Wüste verschleppt, wo er Zwangsarbeit verrichten muss. Er überlebt durch viele glückliche Umstände mit durchtrennten Stimmbändern und befindet sich fortan auf einer Flucht ohne Ziel. Nach zahllosen Irrungen und Wirkungen erfährt der traumatisierte Mann, dass auch seine beiden Töchter den Völkermord überlebt haben. Von Liebe und Sehnsucht getrieben, begibt er sich auf die Suche nach seinen Kindern. Die Spur führt ihn von der syrischen Wüste über Havanna bis in die Prärie Nord Dakotas.

Kommentar

THE CUT ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Film im Rahmen der Karriere von Fatih Akin. Die an Schauplätzen rund um die Welt gedrehte Produktion ist nicht nur seine bislang teuerste und erste in englischer Sprache. Sie verlässt auch seinen bisherigen Themenhorizont und greift ein Thema der Weltgeschichte auf, nämlich die in der Türkei bis heute systematisch totgeschwiegene Vertreibung und Ermordung Hunderttausender Armenier während des Ersten Weltkrieges. Diesen Völkermord will Akin einer möglichst großen Öffentlichkeit ins Bewusstsein rufen. Seine Wut und sein Mitteilungsdrang sind in jeder Sequenz des Films deutlich spürbar. Die starken Gefühle sorgen dafür, dass das Werk zwischendurch sehr plakativ und ausufernd gerät, gleichzeitig machen sie es aber auch zu einem kraftvollen und eindringlichen Drama. Insgesamt hinterlässt das überlange Opus einen eher zwiespältigen Eindruck. Denn die Kombination aus Familienchronik, Politdrama, Roadmovie, Historienfilm und Melodram gerät auf lange Sicht aus der Balance. Der Regisseur hat sich mit den vielen Genrewechseln sichtlich überhoben. Zudem zerfasert die zunächst hochkonzentrierte Handlung in der zweiten Hälfte immer mehr. Als Abenteuergeschichte funktioniert der Film dann auch halbwegs, als ernsthafte Relexion über den dargestellten Völkermord greift sie zu kurz.
01.12.2014
A most wanted man
Filmzettel – Nummer 1074 (drucken)
Regie: Anton Corbijn; Kamera: Benoit Delhomme; Musik: Herbert Grönemeyer; Darsteller: Philip Seymour Hoffman (Günther Bachmann), Rachel McAdams (Annabel Richter), Grigoriy Dobrygin (Issa Karpov), Willem Dafoe (Thomas Brue), Robin Wright (Martha Sullivan), Nina Hoss (Irna Frey), Daniel Brühl (Maximilian), Herbert Grönemeyer (Michael Ax; Länge: 122 min; Spielfilm; Großbritannien/USA/Deutschland 2014

Inhalt

Issa Karpov, ein Russe mit tschetschenischen Wurzeln, schlägt sich, halbtot gefoltert, illegal nach Hamburg durch und findet dort Zuflucht in der islamischen Gemeinde der Hansestadt.Doch nach einiger Zeit bildet sich um den mysteriösen Gast ein Intrigen-Karussell, in das immer mehr Personen hineingezogen werden, darunter der zwielichtige britische Privatbankier Thomas Brue und die junge Rechtsanwältin Annabel Richter, die Karpov ihre Hilfe anbietet. Auch der Leiter einer geheimen deutschen Spionageeinheit, Günther Bachmann, hat bereits ein Auge auf Karpov geworfen und beobachtet akribisch alle seine Bewegungen. Langsam stellt sich heraus, dass Karpov eine tickende Zeitbombe ist.

Kommentar

Die Le Carré - Verfilmung "A most wanted man" ist vor allem ein treffender Kommentar zur Welt der Geheimdienste nach dem 11.September 2001. Sie überzeugt insbesondere durch eine zurückgenommene, nüchterne Inszenierung und Bilder von großer atmosphärischer Dichte. Vor allem ist der Thriller einer der letzten Filme, die Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman abgedreht hat, bevor er am 2.Februar 2014 in New York im Alter von nur 46 Jahren an einer Drogen-Überdosis starb. Dieser frühe Tod gibt dem unterkühlten Spionage-Drama eine tieftraurige Note. Denn der Vollblutschauspieler liefert als kettenrauchender, kurzatmiger Melancholiker eine brillante Vorstellung ab. Sein von Ironie und Menschlichkeit durchwobener Charakter wirkt wie ein Fremdkörper im hysterisch-zynischen Gebaren der konkurrierenden Geheimdienste.
Ein besonderes Sahnestück ist der prägnante Auftritt von Corbijn-Freund Herbert Grönemeyer, der auch für den stimmungsvollen Soundtrack verantwortlich zeichnet. Bleibt am Schluss die Frage, warum sich kein deutscher Produzent der Romanvorlage angenommen hat. Das Thema passt eigentlich genau in die deutsche Abhör-Hysterie der vergangenen Monate.
24.11.2014
Mr.May und das Flüstern der Ewigkeit
Filmzettel – Nummer 1073 (drucken)
Regie: Uberto Pasolini; Kamera: Stefano Falivene; Musik: Rachel Portman; Darsteller: Eddie Marsan (John May), Joanne Froggatt (Kelly Stoke), Andrew Buchan (Council Manager), Neil D'Souza (Shakthi); Länge: 92 min; Spielfilm; Großbritannien/Italien 2013

Inhalt

Wie können einsame Menschen, die in Großstädten ohne Familienangehörige oder Freunde sterben, würdevoll beigesetzt werden ? Diese Frage stellt sich Mr.May , ein akribischer und perfekt organisierter Beamter der Londoner Stadtverwaltung , an jedem Arbeitstag. Denn es ist sein spezieller Job, Hinterbliebene von einsam verstorbenen Menschen ausfindig zu machen. Weil seine Abteilung verkleinert wird, verliert er seinen Arbeitsplatz - doch vorher muss er für seinen letzten Fall noch einmal all seine Erfahrung aufbieten. Denn der Alkoholiker Billy Stoke, der genau im Gebäude gegenüber der penibel aufgeräumten Wohnung Mr.Mays in einem verwahrlosten Apartment gewohnt hat, ist gestorben.

Kommentar

Dieser melancholische Film soll die Zuschauer, ohne zu predigen, zum Nachdenken bringen über Einsamkeit im Alter, anonyme Beerdigungen und die Seelenlosigkeit von Metropolen-Bürokratien.Die Hauptperson John May erscheint bei flüchtiger Betrachtung als ein Mann ohne Eigenschaften. doch dem Regisseur gelingt es mit wenigen Mitteln und Worten, daraus einen ernsthaften, vielschichtigen Charakter werden zu lassen. Hier sitzt jeder Blick und jede noch so kleine Geste. Allein Mr.Mays Körperhaltung - immer etwas gebückt, um ja nicht aufzufallen - sagt so vieles über den unscheinbaren Mann und sein Selbsteinschätzung aus. Die bittersüße Ironie, dass er ganz für andere lebt, nur das diese allesamt verstorben sind, deutet auf den besonderen britischen Humor hin , wodurch im Film trotz des vermeintlich deprimierenden Themas die Komik eindeutig überwiegt.
17.11.2014
Get on up
Filmzettel – Nummer 1072 (drucken)
Regie: Tate Taylor; Kamera: Stephen Goldblatt; Musik: Thomas Newman; Darsteller: Chadwick Boseman (Jams Brown); Nelsan Ellis (Bobby Byrd), Viola Davis (Susie Brown), Dan Aykroyd (Ben Bart); Länge: 139 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

"Godfather of Soul" oder "Mr.Dynamite" , der legendäre, 2006 verstorbene James Brown hatte viele Namen und Talente. Vor allem war er ein begnadeter Musiker, Entertainer und kreativer Vordenker. Nun kommt endlich das erste Biopic über dieses durchaus widersprüchliche Idol in die Kinos. Schon in jungen Jahren wurde er von seiner Tante Honey darin bestärkt, dass aus ihm eines Tages ein großer Künstler werden würde. Trotzdem gerät der in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsene James auf die schiefe Bahn und landet mit 16 Jahren im Gefängnis. Wieder auf freiem Fuß macht er sich durch Engagements in einem Gospelchor und einer R&B-Group schnell einen Namen und entwickelt einen ganz persönlichen Stil. Dabei gerät er schließlich auf den Schirm des Talentscouts Ben Bart. Während seine Karriere gedeiht, wird James Brown außerdem zu einer Ikone der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Doch bei allem Erfolg hatte er zeitlebens mit familiären Problemen zu kämpfen.

Kommentar

Die Biografie ist eine der Königsdisziplinen des Kinos, denn es ist sehr schwer, im Leben eines Menschen den entscheidenden roten Faden zu finden, der dem Publikum zwei Stunden lang das Gefühl vermittelt, den Protagonisten wirklich kenngelernt zu haben. Wer es sich leichter machen will, der pickt ein Ereignis aus der Kindheit des Helden heraus, auf das anschließend alles Weitere zurückgeführt wird, so geschehen bei WALK THE LINE und RAY. Regisseur Tate Taylor wählt allerdings den steinigen Weg und löst die vielen Widersprüche im Leben von James Brown bis zum Ende nicht auf. Dieser Ansatz ist aller Ehren wert und wird dem bewegten Lebens- und Karriereweg des "Godfather of Soul" sicher eher gerecht als irgendeine küchenpsychologische Pauschaldeutung. Doch dadurch wirkt die Folge der verfilmten Episoden mitunter etwas ziellos. Herausragend bleibt vor allem das quirlige, dabei nie komisch wirkende Spiel des jungen Hauptdarstellers Chadwick Boseman. Und nicht zu vergessen das authentische Soundmaterial - u.a. "It's a man's world" - das erneut beweist, wie zeitlos Brown's fetzige Arrangements noch immer sind.
10.11.2014
Phoenix
Filmzettel – Nummer 1071 (drucken)
Regie: Christian Petzold; Kamera: Hans Fromm; Musik: Stefan Will; Darsteller: Nina Hoss (Nelly Lenz), Nina Kunzendorf (Lene Winter), Ronald Zehrfeld (Johnny), Michael Maertens (Arzt), Daniela Holtz (Sigrid), Imogen Kogge (Elisabeth); Länge: 98 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Kurz nach dem Ende des 2.Weltkrieges. Die jüdische Sängerin Nelly Lenz hat zwar die Konzentrationslager überlebt, jedoch schwere psychische und physische Verletzungen davon getragen. Ihre Seele ist verwundet, ihr Gesicht entstellt. Ihre Freundin Lene bringt sie zu einem Arzt, der ihr Gesicht rekonstruiert, doch wie vor dem Krieg wird sie nie wieder aussehen. Anstatt sich Lenes Plänen anzuschließen, die ihre baldige Emigration nach Palästina plant, sucht sie ihren Mann Johnny, für den sie während des Krieges aus dem sicheren Exil nach Deutschland zurückgekehrt war. Als sie ihn in einem Amüsierbetrieb namens "Phoenix" findet, erkennt er sie nicht wieder, spürt aber eine beunruhigende Ähnlichkeit, die ihn auf eine Idee bringt: Esther, wie sich Nelly jetzt nennt, soll in der Rolle seiner ehemaligen Frau schlüpfen, um an deren Erbe heranzukommen. Nelly lässt sich darauf ein und wird so zu ihrer eigenen Doppelgängerin.
Doch die Situation spitzt sich zu.

Kommentar

Schon in seinem letzten Film "Barbara" befasste sich der Regisseur mit der Vergangenheit, nun geht er noch weiter in der deutschen Geschichte zurück. Stilistisch verfährt er dabei so realistisch wie nie zuvor. PHOENIX wirkt wie ein klassisches Trümmerdrama, voller Ruinen, alliierter Soldaten und dem schwierigen Überleben in der Nachkriegszeit. Auf diese realistische Fassade presst Petzold nun eine Geschichte, die geradezu kolportagehafte Züge hat. Dabei ist dieser Rahmen dafür gedacht, dass der Film bestimmte Dinge erzählen kann: von der Fassade, die nach Kriegsende in Deutschland aufgebaut wurde, um die Verbrechen des Holocaust zu ignorieren, vom schwierigen Verhältnis der Deutschen zu den jüdischen Überlebenden und nicht zuletzt vom männlichen Blick auf die Frau als solche. Dabei erinnert der Film z.T. bis ins Detail an Hitchcocks VERTIGO, wo James Stewart die vor seinen Augen gestorbene Madeleine wiederauferstehen lässt. Doch so brillant Petzolds Filme sein können, wenn sie in zeitgenössischen Kontexten angesiedelt sind, so sehr beißt sich seine konstruierte, manierierte Erzählweise mit dem historischen Thema wie hier der deutschen Nachkriegszeit. So ist PHOENIX ein ambitionierter und spannender Film, der aber auch die Grenzen des Petzold'schen Stils klar aufzeigt.
03.11.2014
Rheingold
Filmzettel – Nummer 1070 (drucken)
Regie: Peter Bardehle; Lena Leonhardt; Kamera: Klaus-Jürgen Stuhl; Musik: Steffen Wick, Simon Detel; Darsteller: Sprecher: Ben Becker; Länge: 94 min; Dokumentarfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Der Rhein ist der bedeutendste Strom des europäischen Kontinents und eine Art Schicksalsfluss für die zahlreichen Nationen an seinen Ufern. Über Jahrtausende formte er auf seinem Weg von den Hochalpen zur Nordsee einzigartige Kulturlandschaften, in denen Völker und Natur sich wechselseitig prägten. Der Film folgt dem Fluss ausschließlich aus der Vogelperspektive, dabei erinnern die glitzernden Rheinauen manchmal an die Karibik und die Wiesen in den Schwemmgebieten an die Serengeti. Der Schauspieler Ben Becker erzählt die Geschichte des Flusses, mit all seinen Sagen und Mythen, unterstützt von musikalischen Motiven aus dem Opernwerk Richard Wagners.

Kommentar

Die Liste der "von oben" - Filme wird immer länger. Dieses Mal erweitert der Produzent, Autor und Regisseur Peter Bardehle das Ganze um eine romantische Note, indem er die vielfältige Mythen- und Sagenwelt rund um den Rhein aufgreift. Die faszinierenden Luftaufnahmen lieferte einmal mehr Kameramann Klaus-Jürgen Stuhl, der auf kreiselstabilisierte Flugaufnahmen spezialisiert ist. Er nutzte erneut die Cineflex, deren Kameratechnik für dden US-Geheimdienst CIA entwickelt wurde. Unter einem Hubschrauber montiert, liefert sie gestochen scharfe Aufnahmen und ermöglicht makellos gleitende Zooms über größere Distanzen. Die Kamera folgt dem 1.28 Kilometer langen Fluss von der Quelle im St.Gotthard-Massiv im Schweizer Kanton Graubünden bis zur Mündung in den Niederlanden und begleitet dabei die meistbefahrene Wasserstraße Europas durch sechs Länder, wobei die landschaftlichen Reize genauso gezeigt werden wie die nicht unerheblichen Eingriffe des Menschen - von den Kanalisierungen bei Liechtenstein bis zu den weitläufigen Industrieanlagen um Rotterdam.
27.10.2014
Night Moves
Filmzettel – Nummer 1069 (drucken)
Regie: Kelly Reichardt; Kamera: Christopher Blauvelt; Musik: Jeff Grace; Darsteller: Jesse Eisenberg (Josh Stamos), Dakota Fanning (Dena Brauer), Peter Sarsgaard (Harmon), Alia Shawkat (Surprise), Logan Miller (Dylan), Kai Lennox (Sean), Katherine Waterston (Anne); Länge: 112 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Josh lebt und arbeitet in einer autarken Öko-Kommune auf dem Land. Seine Bekannte Dena ist in einem Wellness-Unternehmen beschäftigt. Bald sieht man den verschlossenen jungen Mann und die Tochter aus gutem Hause ein Motorboot kaufen, das sie benötigen um einen unter ökologischen Gesichtspunkten äußerst fragwürdigen Staudamm in die Luft zu sprengen. Damit verfolgen sie das Ziel die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Doch dann geht bei der Aktion etwas schief und macht es für die Umweltaktivisten unmöglich, jemals wieder in die Normalität zurückzukehren.

Kommentar

Wann wird man vom Umweltaktivisten zum Umweltterroristen ? Wie lassen sich Anschläge, bei denen auch Menschen zu Schaden kommen können, mit dem Gewissen vereinbaren ? Um diese Fragen geht es in Kelly Reichhardts Film. Die Meisterin des Minimalismus konzentriert sich dabei hauptsächlich auf Psychologie und die damit verbundene Gruppendynamik. Die Spannung entsteht eher über marginale Effekte wie gefährliche laute Geräusche in der Stille oder endlos sich hinziehende Schlüsselszenen. Die Nerven der Zuschauer werden dadurch arg strapaziert. Die Regisseurin verzichtet auf Wertung und Verurteilung und überlässt es ganz dem Betrachter, die psychologischen Prozesse nachzuvollziehen oder auch nicht.
20.10.2014
Plötzlich im letzten Sommer
Filmzettel – Nummer 1068 (drucken)
Regie: Joseph L. Mankiewicz; Kamera: Jack Hildyard; Musik: Malcolm Arnold, Buxton Orr; Darsteller: Elizabeth Taylor (Catherine Holly), Katharine Hepburn (Mrs. Violet Venable), Montgomery Clift (Dr. Cukrowicz), Albert Decker (Dr.Hockstader), Mercedes McCambridge (Mrs. Grace Holly), Gary Raymond (George Holly); Länge: 114 min; Spielfilm; USA 1959

Inhalt

New Orleans im Jahr 1937. Der Chicagoer Arzt Dr.Cukrowicz führt in der örtlichen Nervenheilanstalt erste Lobotomien an Patienten durch, die unter starker Schizophrenie leiden. Doch die Klinik ist schlecht ausgerüstet und hofft auf die Stiftung von Mrs. Venable, einer reichen Witwe, deren Sohn plötzlich im letzten Sommer während eines Europa-Trips verstorben ist. Er war dabei in Begleitung seiner jungen Cousine Catherine, die sich seitdem in psychiatrischer Behandlung befindet. Um die Wahrheit über die Homosexualität und den gewaltsamen Tod ihres Sohnes zu unterdrücken, plant die Mutter, Catherine einer ruhig stellenden Gehirnoperation unterziehen zu lassen . Doch der Arzt wird misstrauisch und schafft es schließlich, die ganze Wahrheit aus der verstörten Catherine herauszuholen.

Kommentar

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Tennessee Williams, welches 1958 am Broadway uraufgeführt wurde. Die Handlungsfragmente des Einakters wurden vom Drehbuchautor auf Filmlänge erweitert. Das Stück ist im Hinblick auf Tennessee Williams teilweise autobiographisch, so wurde seine eigene Schwester Rose in Washington einer Lobotomie unterzogen, die deren Zustand auf verhängnisvolle Weise verschlechterte. Für die Rolle der Catherine wurde die damals 27jährige Elisabeth Taylor verpflichtet, die ein Jahr zuvor in der überaus erfolgreichen Filmversione des Tennessee-Williams-Stücks "Die Katze auf dem heißen Blechdach" an der Seite von Paul Newman zum absoluten Kinokassenstar aufgestiegen war. Auf ihr Drängen bekam Montgomery Clift, der durch einen Autounfall gesundheitlich stark angeschlagen war, die männliche Hauptrolle. Während der Dreharbeiten kam es zu zahlreichen Zerwürfnissen, u.a. , weil die Filmschaffenden zu der Zeit mit erheblichen privaten Problemen zu kämpfen hatten. Der Film wurde mit einem riesigen Werbeaufwand gestartet und, nicht zuletzt wegen der unglaublichen Schönheit der Taylor, zu einem Riesenerfolg. Auf Bestreben der katholischen Legion of Decency wurden alle direkten Hinweise auf Homosexualität entfernt. Dabei waren der Autor, der Drehbuchverfasser und der männliche Hauptdarsteller allesamt schwul.
13.10.2014
Diplomatie
Filmzettel – Nummer 1067 (drucken)
Regie: Volker Schlöndorff; Kamera: Michel Amathieu; Musik: Jörg Lemberg; Darsteller: André Dussollier (Raoul Nordling), Niels Arestrup (Dietrich von Choltitz), Burghart Klaußner (Hauptmann Werner Ebernach), Robert Stadlober (Bressendorf); Länge: 84 min; Spielfilm; Deutschland/Kanada 2014

Inhalt

Am 25.August 1944 steht die 2. französische Panzerdivision vor den Toren von Paris, bereit, die Stadt einzunehmen. Doch der deutsche Stadtkommandant, General von Choltitz, weigert sich die Stadt zu übergeben. Vor zwei Tagen hatte er einen Führerbefehl erhalten, in dem es hieß "Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen". Choltitz traf alle entsprechenden Vorbereitungen und ließ Eiffelturm, Louvre, Sacré-Coeur, Norte Dame und fast alle Brücken über die Seine verminen. Die einzige Chance für die Metropole ist der schwedische Generalkonsul Raoul Nordling, der mit allen diplomatischen und rhetorischen Mitteln versucht, die Stadt vor der Zerstörung zu bewahren. Er sucht Choltitz auf, um ein alles entscheidendes Gespräch zu führen.

Kommentar

Die Augusttage des Jahres 1944 haben wahrscheinlich über die deutsch-französischen Beziehungen der Folgezeit maßgeblich mitentschieden: ein Scheideweg mit weitreichenden Folgen für Europa und die Zivilisation. Und natürlich eine hochdramatische Situation. Verständlich, dass sich Hollywood dieses Stoffes annahm und 1966 den Film "Brennt Paris ?" in die Kinos brachte, mit einer Starbesetzung, die ihresgleichen sucht (von Kirk Douglas über Orson Welles bis hin zu Jean-Paul Belmondo und Alain Delon). Auch der eloquente Dramatiker Cyril Gély wandte sich diesem Thema zu und schrieb darüber ein Kammerspiel, das 2011 zum Publikumserfolg avancierte. Die Hauptrollen darin spielten - wie im Film von Volker Schlöndorff - die französischen Charakterdarsteller Niels Arestrup und André Dussollier. Das bühnenwirksame Rededuelle ist zwar nicht belegt, Gély, der mit dem Regisseur zusammen das Drehbuch geschrieben hat, hat dabei fantasievoll ausgemalt, wie sie diskutiert haben könnten. Die Kamera gönnt dem Zuschauer nur wenige Straßenszenen und Ausblicke aus dem Hotelfenster über das Stadtzentrum. In seiner räumlichen und stofflichen Konzentration ist es das radikalste Werk in der Geschichte des 75-jährigen Filmemachers. Es ist auch eine Liebeserklärung an die Stadt, die ihn zum Cineasten gemacht hat.
06.10.2014
Madame Mallory und der Duft von Curry
Filmzettel – Nummer 1066 (drucken)
Regie: Lasse Hallström; Kamera: Linus Sandgren; Musik: A.R.Rahman; Darsteller: Helen Mirren (Madame Mallory), Om Puri (Papa Kadam), Manish Dajal (Hassan Haji Kadam), Charlotte Le Bon (Marguerite); Länge: 117 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Der junge Hassan Haji Kadam hat ein außergewöhnliches Talent fürs Kochen. Als seine Familie Indien gezwungenermaßen verlassen muss, landet es mit seinem Vater und seinen beiden Geschwistern in dem kleinen Ort Saint-Antonin-Noble-Val in Südfrankreich. Dort möchte Papa Kadam ein indisches Restaurant eröffnen - mit Hassan als Chefkoch. Im "Maison Mumbai " soll den Einheimischen die Welt der exotischen Gewürze und der raffinierten Reisgerichte nähergebracht werden. Doch als Madame Mallory davon Wind bekommt, die Besitzerin des nahegelegenen Sternerestaurants "La Saule Pleureur" , beginnt ein erbitterter Konkurrenzkampf zwischen den beiden Lokalen und unterschiedlichen Küchentraditionen.

Kommentar

Vor 14 Jahren hatte der schwedische Regisseur Lasse Hallström mit "Chocolat" sein erstes kulinarisches Culture-Clash-Drama abgeliefert. Darin wirbelte Juliette Binoche mit ihren Köstlichkeiten aus Schokolade ein französisches Provinznest durcheinander. Jetzt wird die Toleranz von Helen Mirren als Chefin eines Edelrestaurants in einem südfranzösischen Dorf auf eine harte Probe gestellt. Hat man die Anfangskonstellation (indischer Migrant eröffnet in einem französischen Dorf in wenig aussichtsreicher Lage ein lärmiges Bombay-Restaurant) erst einmal akzeptiert, eröffnet einem der Film verblüffende Schauwerte: eine reizvolle Landschaft, in der fast immer die Sonnen scheint, eine sorgfältige Ausstattung, spitzzüngige Dialoge und ein exzellentes Schauspielerensemble. Kochtechnische Wettkämpfe und romantische Verwicklungen sorgen für genug Zunder auf der Leinwand und einen Gute-Laune-Filmabend. Man möchte die gezeigten Leckereien nur allzu gerne selber erschnuppern und probieren !
29.09.2014
Can a song save your life ?
Filmzettel – Nummer 1065 (drucken)
Regie: John Carney; Länge: 104 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Die junge Musikerin Gretta sucht in New York ihr Glück. Während sie gerade daran arbeitet ihre Karriere in Gang zu bringen, wird sie von ihrem langjährigen Freund Dave für einen erfolgversprechenden Solo-Vertrag bei einem großen Plattenlabel verlassen. Greta trauert, bis sie von Dan entdeckt wird, einem gescheiterten Plattenproduzenten. Er sieht sie während eines Konzertes auf einer kleinen Bühne im East Village und ist sofort von ihrem Talent überwältigt. Zusammen versuchen beide einen Neuanfang. Dabei arbeiten sie an einem Album, das sie an den quirligsten Orten der Großstadt aufnehmen anstatt in einem Studio. So kommen sich Gretta und Dan schnell näher. Aus der eher zufälligen Begegnung entsteht eine Beziehung gegenseitiger Unterstützung und Bestätigung, die nicht nur das Leben der begabten Musikerin, sondern auch das des gestrauchelten Produzenten grundlegend verändert.

Kommentar

Schon einmal verknüpfte der Filmemacher und Drehbuchautor John Carney auf authentische Weise Musikbusiness und persönliche Schicksale und zwar in seinm Überraschungserfolg "Once" aus dem Jahr 2006. In seinem neuen Film geht es aber um weit mehr als nur um die wechselhafte, von Sehnsucht und Verzicht geprägte Geschichte einer aufstrebenden Musikerin und eines herunter gekommenen Musikproduzenten. Es geht sogar um die Frage : " Kann ein Song oder vielleicht ein Idee die heutige Popkultur retten ?" Dabei hat Carney einen reinen Wohlfühlfilm gedreht, in welchem den Protagonisten auf ihrem Weg zum beruflichen bzw. privaten Erfolg zwar Hindernisse in die Quere kommen. wo aber nie Zweifel bestehen, dass diese überwunden werden.
22.09.2014
Hectors Reise
Filmzettel – Nummer 1064 (drucken)
Regie: Peter Chelsom; Kamera: Kolja Brandt; Musik: Dan Mangan, Jesse Zubot; Darsteller: Simon Pegg (Hector), Rosamund Pike (Clara), Toni Collette (Agnes), Christopher Plummer (Professor Coreman), Stellan Skarsgaard (Edward), Jean Reno (Diego), Veronica Ferres (Anjali); Länge: 120 min; Spielfilm; Deutschland/Kanada 2014

Inhalt

Der Londoner Psychiater Hector ist etwas exzentrisch, aber im Grunde liebenswert. Seine Freundin Clara bemuttert den Vierzigjährigen und seine Patienten sind seit Jahren dieselben. Doch sie werden einfach nicht glücklich und damit hat Hector ein Problem. Eines Tages beschließt er, seine Praxis hinter sich zu lassen und sich nur noch dieser einen Frage zu widmen: Gibt es das wahre Glück ? Dazu begibt er sich auf eine Reise rund um die Welt: nach China, Afrika und schließlich in die USA. Immer mit dem einen Ziel: herauszufinden, was glücklich macht.

Kommentar

Selbstfindungsbücher haben in der westlichen Industriestaaten seit Jahren Konjunktur, die Romanvorlage für den Film hat hierzulande schon 40 Auflagen erlebt. In diesen Büchern finden sich neben Banalitäten auch manche zeitlosen Lebensweisheiten, wie z.B. "Zwei Frauen auf einmal zu lieben macht nicht glücklich ." Am Ende kommt er zu der umwerfenden Erkenntnis, dass er es doch eigentlich ganz gut hat und dass er damit zufrieden sein sollte. Viel Aufwand hat der Film für diese vorhersehbare Erkenntnis betrieben. Einiges davon ist durchaus unterhaltsam und man kommt auch in den Genuss einiger schöner Bilder und Landschaften. Auf die Dauer ist die Figur des ewig staunenden Hector jedoch nicht sehr ergiebig. Zumal die gezeigten Länder allzu sehr als Kulisse für westliche Selbstfindung benutzt werden. Und hier scheiden sich die Geister. Zeigt der Film kaum echtes Interesse an fremden Menschen und Ländern, oder will er uns vor Augen führen, wie abgehoben diese ewige Jagd nach Glück ist bei Menschen, die eigentlich im Überfluss leben ?
15.09.2014
Der Anständige
Filmzettel – Nummer 1063 (drucken)
Regie: Vanessa Lapa; Kamera: Jeremy Portnoi; Musik: Jonathan Scheffer, Daniel Salomon, Gil Feldman; Länge: 96 min; Dokumentarfilm; Israel/Österreich/Deutschland 2014

Inhalt

Heinrich Himmler entwarf und exekutierte die Strategie zur Ermordung von Millionen von Menschen - Juden, Homosexuelle, Kommunisten, Sinti, Roma, Behinderte. Er war einer der engsten Gefolgsleute von Adolf Hitler, sein
"treuer Heinrich". Er nahm sich Ende Mai 1945 in einem Kleinstadtgefängnis in der Lüneburger Heide das Leben mit Hilfe einer Zyankalikapsel und wählte somit einen einfachen, feigen Weg, wodurch er sich nicht mehr mit seinen Taten und den Konsequenzen seines Handelns auseinandersetzen musste. Die belgisch-israelische Filmemacherin Vanessa Lapa versucht sich in ihrem Dokumentarfilm mit dem Leben Himmlers auseinanderzusetzen. Sie skizziert anhand von privaten Briefen, Tagebüchern und anderen Dokumenten das Leben des Nationalsozialisten. Dabei geht es auch um die Frage, wie aus dem Sohn des Direktors eines angesehenen humanistischen Gymnasiums in München ein Massenmörder ohne jede Humanität werden konnte.

Kommentar

Der Titel des Films bezieht sich u.a. auf die sog. Posener Rede vom 4.Oktober 1943, die Himmler vor SS-Gruppenführern gehalten hat und in der es heißt: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 500 Leichen beisammen liegen, wenn 500 da liegen oder wenn 1000 da liegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte." Dieser im Jahr 1900 geborene und bereits mit 29 Jahren zum SS-Kommandeur aufgestiegene Sohn aus dem Herzen des deutschen Konservatismus ist sicherlich eine der widersprüchlichsten Gestalten aus der NS-Führungsriege. Als kurz nach dem Ende des 2.Weltkrieges amerikanische Soldaten den Wohnsitz der Familie Himmler unweit von München betraten, fanden sie in einem Safe zahlreiche Briefe, Tagebücher und Fotos. Dieser Fund wurde nie an offizielle Stellen übergeben, sondern blieb jahrzehntelang in Privatbesitz., bis er 2006 einer israelischen Produktionsfirma übereignet wurde, die acht Jahre lang die Aufzeichnungen transkribierte (Sütterlin) und somit das Gerüst herstellte, an dem die Regisseurin, die einer Familie von Holocaust-Überlebenden entstammt, ihren Film entlangerzählt. Die Form dieses Streifens ist mehr als ungewöhnlich. 94 Minuten lang kommt der Film ohne Interviews aus, auch Spielszenen oder Dreharbeiten an den Originalschauplätzen waren nicht nötig. Einzig das historische Bildmaterial und äußerst sorgfältig ausgewählte Zitate aus den Originaldokumenten sorgen für die beeindruckende Wirkung. Eine besondere Stärke des Films sind die Stimmen der renommierten Schauspieler Tobias Moretti und Sophie Rois, welche die Briefe von Heinrich und Magda Himmler nachsprechen.
08.09.2014
Die geliebten Schwestern
Filmzettel – Nummer 1062 (drucken)
Regie: Dominik Graf; Kamera: Michael Wiesweg; Musik: Sven Rossenbach, Florian van Volxem; Darsteller: Florian Stetter (Friedrich Schiller), Hannah Herzsprung (Caroline von Beulwitz), Henriette Confurius (Charlotte von Lengefeld), Claudia Messner (Louise von Lengefeld), Anne Schäfer (Frau von Kalb), Maja Maranow (Frau von Stein), Ronald Zehrfeld (Wilh; Länge: 140 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Im Herbst 1787 trifft die schüchterne Adelige Charlotte von Lengefeld bei ihrer Patentante Frau von Stein in Weimar ein, wo der junge aufrührerische Dichter Friedrich Schiller gerade mit seinem Drama "Die Räuber" einen Skandalerfolg gelandet hat. Charlotte fängt nach einer Begegnung mit ihm sofort Feuer und da sie auch hergekommen ist, um einen standesgemäßen Bräutigam zu finden, überlässt sie es ihrer drei Jahre älteren Schwester Caroline von Beulwitz, die eine Vernunftehe eingegangen ist, um ihre Familie finanziell abzusichern, den bürgerlichen Dichter zu einem Besuch der Lengefelds nach Thüringen einzuladen. Als Schiller 1788 in Rudolstadt ankommt, entspinnt sich zwischen dem Trio eine heiße Romanze. Denn Charlotte und Carolin haben sich vor Jahren geschworen, alles zu teilen.

Kommentar

Wie konnte in einer starren Ständegesellschaft eine solche Dreiecksbeziehung überhaupt gelebt werden ? Fragen wie diese behandelt der Regisseur mit großen Ernst, aber keineswegs humorfrei. Der opulente Kostümfilm, der vor dem Hintergrund der französischen Revolution in den Jahren 1787 bis 1802 spielt, beruht größtenteils auf überlieferten Briefen, auch wenn sich Graf die kreative Freiheit zu eigenen szenischen Neuerungen genommen hat. Dadurch ist diese filmische Reflexion über eine romantische Utopie insgesamt recht wortlastig geworden, was jedoch bei einem literarischen Thema nicht stört, zumal die Kamera vor allem in der ersten Hälfte wundervolle Landschaftspanoramen eingefangen hat. Das Schauspieler-Ensemble mit Florian Stetter als sprunghaftem, keineswegs heroisiertem Schiller, Henriette Confurius als liebreizende Gattin und Hannah Herzsprung als temperamentvoll-unstete Schwester und Geliebte, läuft zwischendurch zu Hochform auf. Das einzige störende Element ist der einschläfernde Off-Kommentar, vom Regisseur selbst gesprochen.
01.09.2014
Die große Versuchung
Filmzettel – Nummer 1061 (drucken)
Regie: Don McCellar; Kamera: Douglas Koch; Musik: Maxime Barzel, Paul-Etienne Coté, Francois-Pierre Lue; Darsteller: Brendon Gleeson (Murray French), Taylor Kitsch (Dr.Paul Lewis), Liane Balaban (Kathleen), Gordon Pinsent (Simon); Länge: 113 min; Spielfilm; Kanada 2013

Inhalt

In dem kleinen kanadischen Küstenstädtchen Tickle Cove fehlen jede Menge Arbeitsplätze, denn die Fischerei kann die Menschen nicht mehr ernähren. Als eine Ölfirma ankündigt , in dem beschaulichen Ort eine Fabrik zu bauen, keimt plötzlich Hoffnung auf. Allerdings macht das Unternehmen die Investition davon abhängig, dass sich im Ort ein Arzt dauerhaft niedergelassen hat. Die Hoffnungen
ruhen auf dem jungen Dr.Lewis, der jedoch nicht langfristig bleiben will. Also versuchen die Dorfbewohner nun, dem Doktor das Leben an der Küste so angenehm wie möglich zu machen. Sie lügen, dass sich die Balken biegen, und versuchen sogar, ihn mit der hübschen Kathleen zu verkuppeln.

Kommentar

Die Geschichte ist praktisch ein Remake des franko-kanadischen Films "Die große Verführung" aus dem Jahr 2003, mit demselben trockenen Humor und denselben Typen. Der schroffe, leicht kauzige Anführer und die ihn umgebende Münchhausen-Truppe wärmen das Herz des Zuschauers und obwohl dieser praktisch von Beginn an weiß, dass die Sache ein gutes Ende nehmen wird, schmälert das den hohen Unterhaltungswert keineswegs. Obwohl der Film mit dem wirtschaftlichen Niedergang vieler ländlicher Regionen einen durchaus ernsten Hintergrund besitzt, ist er denkbar weit entfernt vom sozialkritischen Betroffenheitskino. Stattdessen wird hier das bekannte Komödien-Thema "gebildeter Städter trifft auf verschrobene Landeier" zeitlos in Szene gesetzt.
25.08.2014
Gott verhüte
Filmzettel – Nummer 1060 (drucken)
Regie: Vinko Bresan; Kamera: Mirko Pivcevic; Musik: Mate Matisic; Darsteller: Kresimir Mitic (Fabian), Niksa Butijer (Petar), Marija Skaricic (Marikaja), Lazar Ristovski (Biskup); Länge: 93 min; Spielfilm; Kroatien 2014

Inhalt

Der junge Geistliche Fabian soll auf einer kleinen dalmatinischen Insel die Nachfolge des beliebten alten Dorfpriesters antreten. Der spielte Fußball und Boule, sang im Chor und bei der Beichte standen die Leute Schlange. Doch auch Fabian will Gutes tun. Als ihm die geringe Geburtenrate der Insel auffällt, hat er seine Aufgabe gefunden : Vermehrung der Gläubigen statt Beerdigungsalltag. Mit Hilfe des Kioskbesitzers Petar, der auch Kondome verkauft, greift er zu unorthodoxen Methoden. Als dann die Anzahl der Schwangerschaften dramatisch ansteigt, kommt es zu heftigen Problemen.

Kommentar

Ein Film, der als Schenkelklopfer-Komödie beginnt und der dann immer mehr zur Tragödie wird. Während es zunächst fast ausschließlich um die üblichen Balkan-Klischees geht, werden im Verlauf der Handlung immer mehr ernste Themen aufgegriffen. Dabei geht es um Erinnerungen an den Jugoslawienkrieg, um dekadente katholische Geistliche und am Ende gar um Verhängnis und Tod. Schade nur, dass sich der Film mit seiner permanent eingesetzten Balkanmusik, welche die rhythmischen Sequenzen untermalt, stilistisch selbst ein Bein stellt.
18.08.2014
Boyhood
Filmzettel – Nummer 1059 (drucken)
Regie: Richard Linklater; Kamera: Lee Daniel; Musik: Randall Poster; Darsteller: Ellar Coltrane (Mason), Patricia Arquette (Olivia), Ethan Hawke (Mason Sr.), Lorelei Linklater (Samantha); Länge: 163 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Das Leben des sechsjährigen Mason ändert sich total, als seine Mutter Olivia mit ihm und seiner Schwester Samantha in ihre Heimat Texas zurückkehrt, um noch einmal das College zu besuchen. Dort bekommen die Kinder auch ihren Vater, einen Taugenichts, der nach der Scheidung allein lebt, wieder öfter zu Gesicht. Die Männergeschichten der Mutter sorgen dabei ständig für Probleme. Der Junge muss sich mit seiner neuen Lebenssituation arrangieren und der Film begleitet ihn dabei die nächsten zwölf Jahre lang in Echtzeit, d.h. , die Darsteller werden parallel zur Geschichte auch real älter.

Kommentar

Der Dreh dieses Films erstreckte sich ebenfalls über 12 Jahre. Richard Linklater versammelte seine Darsteller jedes Jahr für ein paar Wochen, um so den Alterungsprozess des Jungen realistisch zu schildern und die Rolle nicht neu besetzen zu müssen. Drehbeginn war im Sommer 2002, der Film kam drei Monate nach seinem Berlinale-Auftritt im Juni dieses Jahres in die Kinos. Es geht um eine grandiose Schilderung der Höhen und Tiefen der Pubertät, mit allem, was dazugehört. Auch die körperliche Entwicklung des Jungen wird gezeigt, wie es kein Maskenbildner so vermöchte: das Kinn wird kantiger, die Stimme tiefer, die Haut picklig , dann wieder rein und mit Flaumbart. Und natürlich reift zusehends auch das Bewusstsein des jungen Helden. Man sieht einer Patchwork-Familie in deren Alltag und einem Jungen beim Erwachsenwerden zu, eigentlich völlig umspektakulär. Und doch irgendwie sensationell, weil alles authentisch und wahrhaftig wirkt und damit auch zum Erinnern an das Fotoalbum im eigenen Kopf motiviert.
11.08.2014
Die zwei Gesichter des Januars
Filmzettel – Nummer 1058 (drucken)
Regie: Hossein Amini; Kamera: Marcel Zyskind; Musik: Alberto Iglesias; Darsteller: Viggo Mortensen (Chester MacFarland), Kirsten Dunst (Colette MacFarland) Oscar Isaac (Rydal), Daisy Bevan (Lauren); Länge: 96 min; Spielfilm; USA 2014

Inhalt

Athen 1962. Der Amerikaner Rydal hält sich in der griechischen Hauptstadt als Stadtführer über Wasser und trifft eines Tages auf Colette und Chester MacFarland. Rydal ist auf Anhieb von dem amerikanischen Pärchen fasziniert. Er fühlt sich angezogen von ihrer kultivierten Art und dem damit einhergehenden sorgenfreien Lebensstil. Doch der Eindruck trügt und bald findet sich Rydal in einem dunklen Netz aus Mord, Eifersucht und Intrigen wieder. Er soll dem Paar falsche Papiere besorgen und schlägt sich dann mit den beiden, auf der Flucht vor der Polizei, quer durch Kreta.

Kommentar

Amerikanische Touristen Anfang der 60er Jahre irgendwo im Mittelmeerraum - dieses Szenario gibt es in zahlreichen bekannten Filmen. Und auch hier liefert es die Hauptattraktion: Virtuos fotografiert, mit nostalgischen Schauwerten und Kostümen, untermalt von einem prickelnden Soundtrack. Der Hauptdarsteller Viggo "Aragorn" Mortensen spielt einen waschechten Dandy, was er deswegen besonders interessant fand, "weil ich privat damit nicht viel am Hut habe". Kirsten Dunst gibt - anders als in der Romanvorlage - weniger die unterbelichtete Sexbombe, sondern eher eine Art Idealfrau. Das führt dazu, dass der Film letzten Endes eher als großes Ausstattungskino und weniger als ein Highsmith'sches Psychodrama rüberkommt. Der Regisseur betonte, dass ihn an der Romanvorlage das Hervortreten der schwächeren Seiten der menschlichen Natur gereizt hätte, während sonst eher deren dunkle Seiten beleuchtet werden.
04.08.2014
Zeit der Kannibalen
Filmzettel – Nummer 1057 (drucken)
Regie: Johannes Naber; Kamera: Pascal Schmit; Darsteller: Devid Striesow (Frank Öllers), Sebastian Blomberg (Kai Niederländer), Katharina Schüttler (Bianca März), Romesh Ranganthan (Singh), Steve Ellery (John Schernikau), Jaymes Butler (Vincent Akume); Länge: 93 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Seit Jahren reisen die Unternehmensberater Frank und Kai um die Welt, treffen in den immer gleichen Konferenzräumen auf Kunden, denen sie die immer gleichen Vorschläge machen: Umstrukturieren, Personal sparen, die Produktion in noch billigere Länder verlegen. Die Abende verbringen sie in klimatisierten Hotelzimmern, weit weg vom Elend der verkommenen Hauptstädte in der sogenannten Dritten Welt. Privatleben findet - wenn überhaupt - nur am Telefon statt. Kai hat überhaupt keins, er lebt nur für den Job, Franks Karriere hat ihren Höhepunkt längst überschritten. In diese Welt tritt Bianca, eine junge Kollegin, die noch so etwas wie Ideale hat und die glaubt, mit ihrer Arbeit die Welt verbessern zu können. Doch angesichts des unglaublichen Zynismus ihrer Mitarbeiter stockt ihr schier der Atem. Dann kommt die Nachricht, dass ihre Firma von einer noch größeren geschluckt werden soll und der neue Boss bietet ihnen an Partner zu werden. Es beginnt die Zeit der Kannibalen.

Kommentar

Nicht ein einziges Mal verlässt der Film die Hotelräume, künstliche Welten, in denen nur die Hautfarbe der Angestellten verrät, in welcher Region man sich gerade befindet. Blicke aus dem Fenster gibt es kaum und wenn doch, dann sieht man nur angedeutete Hochhäuser. Und ebenso stilisiert wie die Kulissen sind auch die Charaktere, die hier aufeinander treffen. sie sind zum Teil derartig überzeichnet, dass sie schon wieder Spaß machen. Böseste Dialogsätze werden genussvoll in den Raum gestellt, auf brilliante Weise seziert das Drehbuch die Abgründe des modernen Kapitalismus, legt den Finger nicht auf die Wunden, sondern stochert genüsslich darin herum. Der studierte Dokumentarfilmer Johannes Naber hat mit ZEIT DER KANNIBALEN eine äußerst schwarzgallige Studie über die Globalisierung und den damit zusammenhängenden Finanzkapitalismus inszeniert, die in ihrer verspielten Radikalität einen neuen Ansatz zu diesem Thema bietet.
28.07.2014
Eine ganz ruhige Kugel
Filmzettel – Nummer 1056 (drucken)
Regie: Fédéric Berthe; Kamera: David Quesemand; Musik: Evueni Galperine, Sacha Galperine; Darsteller: Gérard Depardieu (Jacky), Atmen Kélif (Momo), Virginie Efira (Caroline Feret), Daniel Prévost (René Martinez), Edouard Baer (Stéphane Darcy), Bruno Lochet (Zézé), Carole Franck (Isa), Michel Galabru (Louis Cabanel); Länge: 99 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Jacky und Momo sind Rumtreiber aus der französischen Provinz, die ihr karges Einkommen damit aufbessern, beim Petanque - Spiel schlechtere Spieler auszunehmen. Seine Spielernatur hat Jacky jedoch an den Rand des Ruins gebracht, hohe Schulden bei der Mafia plagen den beleibten Mann. Der aus Algerien stammende Momo wird immer noch von seiner resoluten Mutter herumkommandiert, mit der er zusammenlebt. Eine goldene Gelegenheit scheint die Ankündigung des windigen Geschäftsmannes Stéphane Darcy zu sein, ein hoch dotiertes Petanque-Turnier auszurichten. Besonders Jacky wittert die Chance auf viel Geld und trainiert den höchst talentierten Momo so lange, bis dieser Teil des französischen Nationalteams wird. Doch mit dem Erfolg beginnt die Beziehung zwischen den beiden schwierig zu werden.

Kommentar

Auch wenn das Ansehen des Superstars Gérard Depardieu wegen der Annahme der russischen Staatsbürgerschaft und einer Trunkenheitsfahrt erheblich gelitten hat, so hat dieses Urgestein des französischen Kinos in seiner Heimat noch immer genug Gewicht, um einem Filmprojekt den entscheidenden Anstoß zu geben. Davon profitiert auch "Eine ganz ruhige Kugel", die etwas dialoglastige Integrationskomödie des algerischstämmigen Comedy-Stars Atmen Kélif, der für seine Filmidee gleich fünf Drehbuchautoren engagierte. Die Inszenierung vertraute er dem versierten TV-Regisseur Frédéric Berthe an, mit dem er 80 Episoden für eine Sketch-Serie auf Canal+ gedreht hat. Der Film versucht die verschiedensten Genres unter einen Hut zu bringen: da ist zum einen der klassische Sportfilm, bei dem der Underdog einen großen Sieg erringt. Gleichzeitig handelt es sich um eine Milieustudie der französischen Unterschicht. Vor allem aber beschäftigt sich der Film mit dem Thema, welches seit "Ziemlich beste Freunde" im Mittelpunkt des französischen Filmschaffens steht: den alltäglichen Rassismus. Denn Hauptdarsteller Atmen Kélif, der auch die Idee zu diesem Film hatte, ist nicht der erste Schauspieler aus dem Maghreb,der eigene Erfahrungen in einer Komödie verarbeitet.
21.07.2014
Monsieur Claude und seine Töchter
Filmzettel – Nummer 1055 (drucken)
Regie: Philippe de Chauveron; Kamera: Vincent Mathias; Musik: Alain Bignet; Darsteller: Christian Clavier (Claude Verneuil), Chantal Lauby (Marie Verneuil), Ary Abittan (David Benichou), Medi Sadoun (Rachid Benassem), Frédéric Chau (Chao Ling), Noom diawara (Charles Koffi), Elodie Fontan (Laure Verneuil), Frédérique Bel (Isabelle Verneu; Länge: 97 min; Spielfilm; Frankreich 2014

Inhalt

Claude und Marie Verneuil sind ein wohlhabendes, leicht konservatives katholisches Ehepaar in der französischen Provinz mit vier attraktiven Töchtern. Für die jungen Frauen können sich die Verneuils nichts Schöneres vorstellen, als dass diese von Männern mit den Attributen "attraktiv, französisch, männlich" geehelicht werden. Doch Tochter Ségolène heirate den Chinesen Chao, Isabelle den Muslim Rachid und Odile den Juden David. Schon da hängt der Haussegen gewaltig schief. Wenigstens ihre jüngste Tochter Laure ist mit einem französischen Katholiken zusammen. Doch als dieser sich bei einem gemeinsamen Abendessen vorstellt, geht den besorgten Eltern die Toleranzpuste aus: Charles ist schwarz. Daraufhin fangen Charles und Marie an, bei den Hochzeitsvorbereitungen die unerwünschten Beziehungen zu sabotieren.

Kommentar

Einen Film wie diesen nennt man heutzutage "Culture-Clash-Komödie". Am elften Wochenende nach seinem Start ist dieses Multi-Kulti-Lustspiel in seinem Herkunftsland von 9,8 Millionen Zuschauern gesehen worden und gehört damit zu den erfolgreichsten französischen Filmen aller Zeiten. Für die Medien unseres Nachbarlandes ist der Film ein Phänomen, vor allem vor dem Hintergrund der Europawahl-
ergebnisse. Und so wird er dort auch kontrovers diskutiert: Er sei verharmlosend in seiner die Verhältnisse beschönigenden Art und am Ende allzu sehr "Friede - Freude - Eierkuchen". Doch der Film punktet vor allem mit einem Feuerwerk an Gags und Situationskomik. Dabei lässt er natürlich kein denkbares Klischee zu dieser Thematik aus. Christian Javier, bekannt geworden in seiner Rolle als Asterix, legt seinen Claude Verneuil als einen Europäer alter Schule an, als Franzosen mit Nationalstolz und Lebensart, der die Globalisierung nicht gutheißt und dem dann im Laufe der Handlung die Felle davonschwimmen.
14.07.2014
Wir sind die Neuen
Filmzettel – Nummer 1054 (drucken)
Regie: Ralf Westhoff; Kamera: Jan Blumers; Musik: Oliver Thiede; Darsteller: Gisela Schneeberger (Anne), Heiner Lauterbach (Eddi), Michael Wittenborn (Johannes), Claudia Eisinger (Katharina), Karoline Schuch (Barbara), Patrick Güldenberg (Thorsten), Katharina Marie Schubert (Lena), Gustav Peter Wöhler (Günther); Länge: 91 min; Spielfilm; Deutschand 2014

Inhalt

Mit 60 ist das Leben nicht mehr ganz so aufregend wie vielleicht mit 20. Zumal wenn man keine Karriere oder das große Geld gemacht hat, die Ehe geschieden ist und die Wohnungen in München viel zu teuer geworden sind.Daher lassen Anne, Eddi und Johannes ihre alte Wohngemeinschaft aus Studentenzeiten wieder aufleben. Bald fühlen sie sich in ihre Vergangenheit zurückversetzt: Bis spät in die Nacht in der Küche sitzen und Wein trinken, über Gott und die Welt philosophieren und öfter mal eine zünftige Party feiern. Dass sie damit ausgerechnet drei Studenten von heute, die im selben Wohnhaus ebenfalls in einer WG leben, auf den Schlips treten, überrascht die Oldies doch sehr. Ist die Jugend von heute etwa total spießig geworden ? Oder sind Katharina, Barbara und Thorsten lediglich humorlose und streberhafte Ausnahmen ihrer Altersklasse ? Wilde Senioren-Partys treffen auf nervenaufreibenden Prüfungsstress, der Generationenkonflikt scheint vorprogrammiert ...

Kommentar

In dieser intelligenten Komödie über das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Generationen geht es vor allem um Wortwitz und scharfzüngige Dialoge. Dabei werden die jeweiligen Vorstellungen vom Leben gehörig durch die Mangel gedreht. Die Alten müssen sich fragen lassen, ob das angebliche Paradies ihrer Jugend vielleicht doch nur in der Erinnerung so paradiesisch war. Und die Jungen erleben, dass Karriereplanung noch lange keine Lebensplanung ist. Inszeniert ist das Ganze recht gesellschaftskritisch, doch ohne ideologisches Lamentieren, sondern flüssig und locker auf den Punkt gebracht. Und wie nebenbei sind herrliche Gags eingestreut, über die der Zuschauer herzhaft lachen kann. Und auch die Darsteller sind so ausgewählt, dass man ihnen den lebensechten Menschen mit Herz und Charakter
ohne Weiteres abnimmt.
07.07.2014
Die Karte meiner Träume
Filmzettel – Nummer 1053 (drucken)
Regie: Jean-Pierre Jeunet; Kamera: Thomas Hardmeier; Musik: Denis Sanacore; Darsteller: Kyle Catlett (T.S.Spivet), Helena Bonham Carter (Dr.Clair), robert Maillet (Giant Hobo), Gallum Keith Rennie (Father), Judy Davis (G.H.Jibsen), Julian Richings (Ricky), Niamh Wilson (Gracie), Dominique Pinon (Two Clouds); Länge: 105 min; Spielfilm; Frankreich 2013

Inhalt

T.S.Spivet ist hochbegabt, erfinderisch, zeichnet gerne Karten und ist für sein Alter viel zu klein. Mit seiner Familie lebt er auf einer Farm in Montana. Seine Mutter, eine berühmte Insektenforscherin, fördert die Begabung ihres Sohnes, während der eher bodenständige Vater nicht viel mit ihm anfangen kann. Die Dinge ändern sich, als T.S. den Baird Award der Smithonian Institution gewinnt, einer 1846 gegründeten, staatlichen Organisation, die den größten Museumskomplex der Welr umfasst. Dort weiß aber niemand, dass der Junge erst 10 Jahre alt ist. Dieser begibt sich mit einem riesigen Koffer heimlich auf den Weg nach Washington D.C., quer durch die Vereinigten Staaten.

Kommentar

Der Regisseur von DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIÉ hat wieder einmal tief in der Kindheit geschürft und ist bei einer Romanvorlage des jungen amerikanischen Autors Reif Larsen fündig geworden. In einem poetischen, etwas verschrobenen, gleichzeitig naiven und philosophischen Film zeichnet der Regisseur mit unglaublicher Detailverliebtheit die Innenwelt eines kleinen, hochbegabten Jungen nach, der in einer alles andere als normalen Familie aufwächst. Die großen Lebensthemen Abschied und Trauer, Schmerz und Glück werden mit großer filmischer Eleganz in die Handlung quasi hineingewoben. Ein wunderbares kleines Schauspielerensemble verschreibt sich den eigenwilligen Charakteren mit Hingabe, wofür Jeunet zum ersten Mal die 3D-Technik benutzt - in symphatischer Unvollkommenheit.
30.06.2014
Lauf Junge lauf
Filmzettel – Nummer 1052 (drucken)
Regie: Pepe Danquart; Kamera: Daniel Gottschalk; Musik: Stéphane Moucha; Darsteller: Andrzej und Kamil Tkacz (Srulik/Jurek), Jeanette Hain (Frau Herman), Rainer Bock (SS-Offizier), Itay Tiran (Mosche), Elisabeth Duda (Magda Janczyk), Zbigniew Zamachowski (Hersch Fridman), Sebastian Hülk (Janczyk Village), Grazyna Szapolowska (Ewa Sta; Länge: 112 min; Spielfilm; Deutschland/Polen 2013

Inhalt

Der neunjährige Srulik kann im Zweiten Weltkrieg dem Warschauer Ghetto entfliehen. Um den deutschen Soldaten zu entkommen, flieht er in das riesige, unwegsame Waldgebiet Kampinoski und muss dort lernen, wie es ist, ganz auf sich allein gestellt in der Wildnis zu überleben. Wie man auf Bäumen schläft, Kleintiere jagt und sich von Beeren ernährt. Erst die eisige Kälte des Winters und die unerträgliche Einsamkeit treiben den Jungen in die Zivilisation zurück. Dabei steht er vor der Frage, wem er vertrauen kann und wer ihm Böses will. Auf der Suche nach einem Unterschlupf trifft er auf die Bäuerin Magda. Sie nimmt ihn bei sich auf und bringt ihm bei, sowohl seine Religion als auch seine Identität zu verleugnen. Fortan versucht er sich als katholischer Waisenjunge Jurek durchzuschlagen.

Kommentar

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Uri Orlev, der seinerseits auf einer wahren Geschichte beruht. Der Regisseur hat dabei eine gute Balance gefunden zwischen spannenden und bedrohlichen Szenen einerseits und Momenten, in denen man sich keine Sorgen um den Jungen machen muss und dieser einfach auch mal unbeschwert ein Kind sein kann. Rückblenden sorgen dafür, seine Erinnerung an die Zeit mir seiner Familie wachzuhalten. Raffiniert ist die Aufteilung der Hauptrolle auf die Zwillinge Andrzej und Kamin Tkacz. Sie werden so eingesetzt, wie es für die glaubhafte Darstellung der je nach Szene notwendigen Stimmungen und Anforderungen sowohl physischer als auch psychischer Natur sowie für den schleichenden Prozess des Identitätsverlustes erforderlich war. Trotz der dramatischen Ereignisse voller Zerstörung und Gewalt wirkt der stets auch von Hoffnung getragene Film - bis auf die manchmal störende Filmmusik - nicht überdramatisiert.
23.06.2014
Kreuzweg
Filmzettel – Nummer 1051 (drucken)
Regie: Dietrich Brüggemann; Kamera: Alexander Sass; Darsteller: Lea van Acken (Maria), Franziska Weisz (Mutter), Florian Stetter (Pater Weber), Hanns Zischler (Bestatter), Lucie Aron (Bernadette), Moritz Knapp (Christian); Länge: 107 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Die 14jährige Maria wächst in einer streng katholischen Familie auf und steht kurz vor ihrer Firmung. Die Familie ist Mitglied einer fiktiven Priesterbruderschaft, in deren Veranstaltungen die Grundsätze von Kontrolle und Disziplin vermittelt werden, nach denen sich auch Maria richtet. Eine wichtige Rolle bei der Beeinflussung des Mädchens spielt der junge Pater Weber, dessen Lehre fundamentalistisch und ultra-konservativ ist, alles Moderne wird abgelehnt, der Mensch soll sich vollständig in den Dienst Gottes stellen. Doch Marias Glaube steht in einem krassen Gegensatz zu ihrem Schulalltag. Dort ist sie die große Außenseiterin, die von ihren Mitschülern belächelt wird. Nur ihr Klassenkamerad Christian ist fasziniert von der Konsequenz, mit der Maria ihren Glauben lebt. Um ihren kranken 4jährigen Bruder zu retten, steigert sich Maria immer mehr in eine bedrohliche Opferrolle hinein.

Kommentar

Der Film bekam auf der diesjährigen Berlinale den Silbernen Bären für das Drehbuch. Dabei beschränkt sich die gesamte Handlung auf genau 14 ungeschnittene Einstellungen, bei denen die Kamera nicht bewegt wird. Dahinter steht der Gedanke, Maria alle 14 Stationen des Kreuzweges Jesu durchlaufen zu lassen, bis zu ihrem Tod. Dabei werden die festgelegten Stationen sanft an des alltägliche Leben angepasst, so reicht beispielsweise statt Veronika das französische Au pair - Mädchen Bernadette der weinenden Maria ein Taschen- und kein Schweißtuch. Der Film prangert jede Art von Fundamentalismus an, indem er die zerstörerischen Elemente derartiger Ideologien vor Augen führt. Die Frage ist, ob es sich hier noch um ein echtes gesellschaftliches Problem in der westlichen Welt handelt. Sollte man nicht vielmehr die Energie, die das Geschwisterpaar Brüggemann in dieses Werk gesteckt hat, verwenden, um die viel subtileren Totalitarismen unserer Zeit aufzudecken ? Man frage mal einen heutigen 14jährigen, warum er um jeden Preis bei Facebook angemeldet sein muss ! Und schließlich bleibt die Frage, warum man das Ganze nicht in Form eines Theaterstückes abgehandelt hat ! Vielleicht hätte ja sogar ein Hörspiel ausgereicht.
16.06.2014
Her
Filmzettel – Nummer 1050 (drucken)
Regie: Spike Jonze; Kamera: Hoyte Van Hoytema; Musik: Ren Klyce; Darsteller: Joaquin Phoenix (Theodore Twombly), Amy Addams (Amy), Rooney Mara (Catherine), Olivia Wilde (Blind Date), chris Pratt (Paul), Matt Letscher (Charles), Portia Doubleday (Isabella), Sam Jaeger (Dr.Johnson); Länge: 126 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Theodore Twombly arbeitet im Los Angeles der Zukunft als Autor persönlicher Briefe, die mittlerweile eine Seltenheit geworden sind. Während er also sein Geld damit verdient, wildfremden Auftraggebern zu deren persönlichem Glück zu verhelfen, fühlt dich Theodore nach der Scheidung von seiner Frau Catherine selbst allein und einsam. Beeindruckt von einer Werbung kauft er sich ein neues Betriebssystem, das mit einer künstlichen Intelligenz ausgestattet ist und ihn von nun an in seiner digitalen Welt begleitet. Nachdem er einige persönliche Fragen beantwortet hat, bekommt das Programm einen Namen (Samantha) und eine Stimme. Die charmante Samantha ordnet nicht nur Theodores Mails und sucht zu seiner Stimmung passende Songs heraus, sondern entpuppt sich auch als perfekte Gesprächspartnerin , mit der er über Gott und die Welt reden kann. Dadurch beginnt der sensible, deprimierte Mann langsam wieder Freude am Leben zu empfinden - und verliebt sich in das Programm.

Kommentar

Mit der Sprachsoftware Siri ging Apple den nächsten Schritt: Das iPhone spricht mit seinem Benutzer. Doch in der Realität funktioniert das alles andere als gut. Von einer solchen "Freundin" wäre man sehr schnell genervt, sie versteht einen so gut wie nie auf Anhieb und ihre Gesprächspalette ist äußerst beschränkt. Doch der Regisseur Spike Jonze denkt dieses Szenario einfach konsequent in die Zukunft. Was wäre, wenn Siri unser ganzes Leben organisieren würde, uns dabei nicht nur perfekt versteht, sondern sogar über ein eigenes, sich immer weiter entwickelndes Bewusstsein verfügt, frei fühlen und denken kann ? Der Film handelt auch von den zwei Ebenen, auf denen sich das Leben von immer mehr Menschen bereits heute und mehr noch in nicht allzu entfernter Zukunft abspielt. Hier das niemals ganz perfekte Leben voller Körperlichkeit, mit Gerüchen, nervigen Mitmenschen und dem Tod als finale Aussicht, auf der anderen Ebene das ideale digitale Konstrukt, das der Realität scheinbar immer besser angepasst wird. Im Endeffekt erreicht damit die Manipulation des Menschen zu einem seelenlosen, amoralischen Konsumenten ihren Höhepunkt. Wenn wir erstmal alle unsere persönlichen Daten an sog. soziale Netzwerke preisgegeben haben, dann wird es nur noch für eine bewusste Minderheit ein echtes menschliches Dasein geben - und das wird immer fragil, unperfekt und unerklärlich bleiben !
09.06.2014
Die Bücherdiebin
Filmzettel – Nummer 1049 (drucken)
Regie: Brian Terival; Kamera: Florian Ballhaus; Musik: John Williams; Darsteller: Geoffrey Rush (Hans Hubermann), Emily Watson (Rosa Hubermann), Sophie Nélisse (Liesel Meminger), Ben Schnetzer (Max Vanderburg), Nico Liersch (Rudy Steiner), Heike Makatsch (Liesels Mutter), Rainer Reiners (Priester), Kirsten Block (Frau Heinrich); Länge: 131 min; Spielfilm; USA/Deutschland 2013

Inhalt

Als die verarmte Mutter der 11jährigen Liesel im Dritten Reich als Kommunistin verdächtigt wird, muss sie ihr Kind zur Adoption freigeben. In München wird das junge Mädchen von den Pflegeeltern Hans und Rosa Hubermann aufgenommen, die außerdem den Juden Max bei sich versteckt halten. Sowohl Hans als auch Max bringen Liesel das Lesen bei und wecken ihre Begeisterung für die Literatur. Als der Krieg um sie herum immer schlimmere Ausmaße annimmt, flüchtet sie sich zusehends in die Phantasiewelten ihrer Bücher. Da ihr bald der Nachschub ausgeht, fängt sie an Bücher zu stehlen und bei Bücherverbrennungen heimlich dem Feuer zu entreißen. Doch dadurch bringt sie ihre Familie in immer größere Gefahr.

Kommentar

Mit seinem Roman "Die Bücherdiebin" hatte der österreichische Schriftsteller Markus Zusah auf der ganzen Welt Erfolg, so dass eine Kinoadaption seines Werkes praktisch nur eine Frage der Zeit war. In der deutsch- amerikanischen Koproduktion dominiert die US-Sichtweise, was z.B. im Einsatz der beteiligten Darsteller zum Ausdruck kommt. Die Figuren werden allzu sorgfältig in gut und böse unterteilt, so dass die Handlung an einigen Stellen schon fast ahistorisch wirkt. Dahinter steckt jedoch die Absicht, die damalige Atmosphäre aus der Sicht einer Heranwachsenden zu erzählen, das emotionale Kinoerlebnis steht im Vordergrund. Allerdings gerät die fiktive Geschichte dadurch gelegentlich an den Rand des Edelkitsches.
02.06.2014
Deutschboden
Filmzettel – Nummer 1048 (drucken)
Regie: André Schäfer; Kamera: Andy Lehmann, Sebastian Woithe; Musik: 5 Teeth Less; Länge: 90 min; Dokumentarfilm; Deutschand 2013

Inhalt

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman des Autors Moritz von Uslar, der auch als Hauptfigur in demselben auftritt. Er hatte sich seinerzeit eine Kleinstadt in der brandenburgischen Provinz ausgesucht, um den prolligen Ossi vor Ort zu studieren - zu weit von Berlin entfernt um als Schlafstadt zu dienen, zu klein um relevante Industrien zu beherbergen, dazu verurteilt, seine Bewohner von Hartz IV zu ernähren und auf bessere Zeiten zu hoffen, die nie kommen werden. Fündig geworden ist er in dem 13.500 - Seelen Ort Zehdenick an der Oberhavel. Dort gibt es jede Menge trostlose Straßen, heruntergekommene Geschäfte, verlassene Gebäude und vermeintliche Neonazis, die an Tankstellen herumlungern und Bier aus Dosen trinken, wie sich das der Bürger aus dem Westen so vorstellt. Doch darüber hinaus hat er auch Anderes gefunden: Grillfeste, 0,3 Liter Pils am Tresen, den Geschmack von Mettbrötchen und ehrlichen Humor.

Kommentar

Der hier in einem Dokumentarfilm quasi nachgestellte Roman besticht durch seine Authentizität, nichts wird beschönigt, Vorurteile spielen keine Rolle, die geschilderten jungen Männer treten als Teil der deutschen Wirklichkeit in Erscheinung. Der Autor nennt sein Werk "Eine teilnehmende Beobachtung", er empfindet sich als Reporter, der über eine Welt berichtet, die ihm vorher völlig fremd gewesen ist. Im Film wandelt er gemeinsam mit dem Regisseur auf den Spuren der Orte und der Personen aus seinem Buch, wo er zu den Filmszenen passende Passagen vorliest. Natürlich bekommt das Werk in den einschlägigen Feuilletons der bürgerlichen Zeitungen sein Fett weg. Zu viele Doppelungen bei Ton und Bild, zu sehr an der Oberfläche, letztlich die Schlacht eines Reporters mit seinem Material, die ihn am Ende völlig interessenlos zurücklässt.
26.05.2014
A long way down
Filmzettel – Nummer 1047 (drucken)
Regie: Pascal Chaumeil; Kamera: Ben Davis; Musik: Dario Marianelli; Darsteller: Pierce Brosnan (Martin Sharp), Toni Colette (Maureen), Aaron Paul (J.J.), Imogen Poots (Jess Crichton), Sam Neill (Chris Chrichton), Rosamund Pike (Penny), Tuppence Middleton (Kathy), Joe Cole (Chas); Länge: 96 min; Spielfilm; Großbritannien 2014

Inhalt

Silvesternacht auf einem Hochhaus im Londoner Norden. "Entschuldigung, brauchen sie noch lange ?", will die 51jährige Maureen wissen. Schüchtern nähert sich die alleinerziehende Mutter eines behinderten Sohnes dem Mann, der sich gerade in die Tiefe stürzen wollte. Dieser, ein abservierter Frühstücksradio-Moderator, ist entnervt. Nach einer Affäre mit einer Minderjährigen, durch die er Job, Ehefrau und Freiheit verlor, bleibt ihm wenig Hoffnung. "Der beliebteste Ort in London für Selbstmorde, am beliebtesten Tag dafür, ich hätte es wissen können, klar bin ich nicht allein." Tatsächlich tauchen auch noch der erfolglose 31jährige Rockmusiker J.J. und die 18jährige Jess, eine unberechenbare Politikertochter, auf. Doch das unerwartete Aufeinandertreffen vereitelt den Plan aller vier Selbstmordkandidaten.

Kommentar

Schwarz, schwärzer, Nick Hornby - der britische Kultautor gilt als Meister des bissigen, aber niemals bösartigen englischen Humors. Die Verfilmung seines Romans " A long way down" verschiebt den Fokus der Aussage noch ein wenig in Richtung Gute-Laune-Kino und liefert gemeinsam mit ihrem hervorragenden Darsteller-Quartett -allen voran Pierce Brosnan - eine charmant-makabre Komödie, garniert mit diversen Spitzen gegen zeitgenössische Erscheinungen, wie z.B. die Sensationsgier der Boulevardpresse.
19.05.2014
Snowpiercer
Filmzettel – Nummer 1046 (drucken)
Regie: Joon-ho Bong; Kamera: Alex Hong Kyung-Pyp; Musik: Marco Beltrami; Darsteller: Chris Evans (Curtis), Jamie Bell (Edgar), Tilda Swinton (Mason), Ed Harris (Wilford), John Hurt (Gilliam); Länge: 126 min; Spielfilm; Südkorea 2013

Inhalt

Nach einem missglückten Versuch, die globale Erwärmung zu stoppen, versinkt die Erde in der nahen Zukunft in einer neuen Eiszeit. Die wenigen Überlebenden sammeln sich in einem 650 Meter langen Zug, der durch die planetare Eiswüste rast, ohne je anzuhalten. Innerhalb des Zuges herrscht eine strikte Trennung nach gesellschaftlichen Klassen. Die große Masse lebt in elenden Verhältnissen im hinteren Teil des Zuges, während eine kleine reiche Minderheit in den vorderen Waggons ihren Luxus genießt. Doch unter den Passagieren des Prekariats macht sich eine revolutionäre Stimmung breit. Der junge Anführer Curtis und sein Freund Edgar wollen Wilford, den Erfinder und Herrscher des Zuges, beseitigen. Mit Hilfe eines koreanischen Sicherheitsspezialisten versuchen sie, sich in den vorderen Teil des Zuges durchzukämpfen.

Kommentar

Bei SNOWPIERCER handelt es sich um eine recht freie Adaption des Comics "Schneekreuzer" von Jacques Lob und Jean-Marc Rochette. Die gleichnishaft angelegte Handlung lebt von zahlreichen innovativen Elementen, gewaltigen und symbolträchtigen Bildern sowie einer genauen Zeichnung der beteiligten Charaktere. Da das Geschehen an einigen Stellen nicht immer plausibel wirkt, kommt es darauf an, ob sich der Betrachter auf die Grundidee einlässt oder nicht. Wenn ja, dann lässt sich diese Mixtur aus Klassenkampf-Dynamik, Gesellschaftssatire, absurdem Theater und Action-Spektakel durchaus genießen.
12.05.2014
Alles inklusive
Filmzettel – Nummer 1045 (drucken)
Regie: Doris Dörrie; Kamera: Hanno Lentz; Darsteller: Hannelore Elsner (Ingrid), Nadja Uhl (Apple), Hinnerk Schönemann (Tim/Tina), Axel Prahl (Helmut), Peter Striebeck (Karl), Fabian Hinrichs (Dr.Fellborn), Robert Stadlober (Junger Karl), Natalie Avelon (junge Ingrid); Länge: 109 min; Spielfilm; Deutschland 2014

Inhalt

Ingrid traut ihren Augen nicht: Aus dem Paradies ihrer Jugend ist eine betongewaltige Touristenhochburg geworden. In dem ehemaligen Fischerdorf Torremolinos hatte sie 1967 einen schicksalhaften Hippie-Sommer am Strand der spanischen Costa del Sol verbracht. Dreißig Jahre später kehrt sie als All-inclusive-Touristin zurück und trifft auf die Schatten der Vergangenheit. Als ihre Tochter, der sie seinerzeit den Vornamen Apple verpasst hatte, in Spanien eintrudelt, um die Mama zu besuchen, überschlagen sich die Ereignisse. Apple hat es nämlich immer noch nicht geschafft ein geregeltes Leben zu führen. Der einzige, dem sie vertraut, ist ihr Mops "Dr.Sigmund Freud".

Kommentar

Allroundtalent Doris Dörrie verfilmte mit "Alles inklusive" ihren gleichnamigen Roman und Bestseller. Den Schnitt besorgte ihre "Königin des Schnitts " Inez Regnier, die dafür extra aus der Pensionierung zurückgekommen war. Beide Frauen vertreten die These "Das sogenannte Schräge ist das Normale" und suhlen sich damit förmlich im sogenannten Zeitgeist. Transvestiten, Sado-Maso-Praktiken und als Höhepunkt die auf Axel Prahl sitzende Hannelore Elster, die gleichzeitig auf der Gitarre "House of the rising sun" spielt. Da braucht es natürlich auch kritische Momente, denn man gehört ja zur sogenannten 68er-Generation: afrikanische Flüchtlinge, die vor den Betonburgen stranden, eine bayerische Maklerin, die mit fröhlichem Sarkasmus die Folgen der spanischen Immobilien-Blase referiert und - vor allem - der Blick auf die Nach-Hippie-Generation, alles Kinder, die durch fehlendes kindliches Vertrauen und ein nicht vorhandenes normales familiäres Umfeld zu sozialen Krüppeln geworden sind. Doris Dörre vermittelt all das mit sehr viel Humor und vor allem mit wunderbaren Schauspielern. Auf die Frage "Ist Scheitern nicht das Realistische ?" antwortet sie: " Vielleicht. Aber Scheitern ist einfach. Ist halt scheiße gelaufen, und am Ende war alles nur scheiße. Ja, am Ende ist unser Leben nur scheiße. Wir werden alt, krank und wir sterben. Alles nur scheiße. Aber die große chance ist doch, jedem Moment die Möglichkeit zu etwas anderem zu geben."
05.05.2014
Auf dem Weg zur Schule
Filmzettel – Nummer 1044 (drucken)
Regie: Pascal Plisson; Kamera: Pascal Plisson; Simon Watel; Musik: Lurent Ferlet; Darsteller: Zahira Badi, Carlito Janez, Samuel J.Esther, Jackson Jaikong, Salome Saikong, Micaela Janez; Länge: 77 min; Dokumentarfilm; Frankreich 2013

Inhalt

Was für die meisten Kinder eher langweilige Routine darstellt, ist für andere ein richtiges Abenteuer: der Weg zur Schule. Zum Beispiel kann es bedeuten auf eine Herde Elefanten zu treffen, sich den Weg über steinige Gebirgspfade oder durch unwegsame Flusstäler zu bahnen, bzw. auf einem Pferd durch die weite Steppe Patagoniens zu reiten. Jackson (11) aus Kenia, Zahira (12) aus Marokko, Samuel (13) aus Indien und Carlito (11) aus Argentinien haben allesamt einen aufregenden, nicht ganz ungefährlichen Schulweg. Nichtsdestotrotz scheuen sie keine Gefahren, um ihre Ausbildung zu vollenden. Regisseur Plisson begleitet diese vier Kinder sowie ihre Freunde und Geschwister auf ihrem alltäglichen, beschwerlichen Weg und gibt so dem Zuschauer die Möglichkeit, den universellen Wert von Schule zu erkennen.

Kommentar

Während hierzulande die Schule nach und nach durch nicht enden wollende überwiegend unausgegorene Reformen und steigenden Druck auf die falschen Ziele ruiniert wird, zeigt der Film, dass Schule auch etwas Kostbares sein kann, für das jede Anstrengung lohnt. Die vier porträtierten Kinder kommen aus abgelegenen Regionen mit ungemein schlechter Infrastruktur. täglich müssen die Protagonisten bis zu 20 km zurücklegen, um zum Unterricht zu gelangen. Doch auch wenn sie aus völlig unterschiedlichen Weltgegenden stammen, so verbindet sie mehr als ihr langer Weg. Alle gehören zu den Klassenbesten und drei von ihnen wollen später einmal Arzt werden. So zeigt der Film, der an einigen Stellen kommentarmäßig überfrachtet ist, dass die Lösung des "Lampedusa - Problems" nicht darin bestehen kann, immer mehr Armutsflüchtlinge aufzunehmen , sondern eher darin, die Menschen vor Ort so zu unterstützen, dass sie ihr Leben erfolgreich selbst in die Hand nehmen können. Und genau wie im Deutschland des 19.Jahrhunderts führt dieser Weg nur über Bildung !
28.04.2014
Le Passé - das Vergangene
Filmzettel – Nummer 1043 (drucken)
Regie: Asghar Farhadi; Kamera: Mahmoud Kalari; Musik: Evgueni Galperine, Youli Galperine; Darsteller: Bérénice Bejo (Marie Brisson), Tahar Rahim (Samir), Ali Mossafa (Ahmad), Pauline Burlet (Lucie), Elyes Aguis (Fouad); Länge: 130 min; Spielfilm; Frankreich 2013

Inhalt

Nach vier Jahren kehrt der Iraner Ahmad aus seinem Heimatland nach Paris zurück, weil seine iranische Noch-Ehefrau die Scheidung eingereicht hat. Sie hat inzwischen einen anderen Mann kennengelernt: Samir, von dem sie ein Kind erwartet. Samir ist mit seinem Sohn bereits in das Haus von Marie und ihren beiden Töchtern eingezogen. Doch als Ahmad ankommt, spürt er schnell, dass die Beziehung zwischen Marie und der älteren Tochter Lucie aus dem Ruder zu laufen scheint. Das Vergangene bahnt sich mit Macht den Weg an die Oberfläche.

Kommentar

Nach seinem Oscar für NADER UND SIMIN hat der Regisseur für seinen neuen Film erstmals außerhalb seines Heimatlandes Iran gedreht. Sein Drama handelt von der Zerreißprobe innerhalb einer Patchwork-Familie, das in der Vergangenheit dieser Menschen angelegt ist. Ignoranz, Betrug und Schuld haben dazu geführt, dass die Beteiligten in eine schier ausweglose Situation geraten sind, die sogar tragische Dimensionen aufweist. Mit viel Menschenkenntnis gewährt Asghar Farhadi einen Blick in verwundete menschliche Seelen. Obwohl teilweise sehr dialoglastig, kann der Film atmosphärisch und emotional überzeugen.
21.04.2014
Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht
Filmzettel – Nummer 1042 (drucken)
Regie: Edgar Reitz; Kamera: Gernot Roll; Musik: Michael Riessler; Darsteller: Jan Dieter Schneider (Jakob Simon), Antonia Bill (Jettchen), Maximilian Scheidt (Gustav Simon), Marita Breuer (Margarethe Simon), Rüdiger Kriese (Johann Simon), Philine Lembeck (Florinchen), Mélanie Fouché (Lena), Eva Zeidler (Großmutter), Reinhard P; Länge: 230 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Jakob Simon ist ein romantisch veranlagter Bauernjunge, der um die Mitte des 19.Jahrhundersts im Hunsrück-Dorf Schwabbach wohnt. Er träumt von einem neuen Leben weit , weit weg in den Urwäldern Brasiliens. Vorbild sind ihm die vielen Auswanderer seiner Zeit, die Deutschland in Richtung Amerika verlassen. Gemeinsam mit seiner großen Liebe Jettchen schmiedet er seinen neuen Lebensplan. Als aber Jakobs Bruder Gustav aus dem preußischen Militärdienst zurückkehrt, wird die Liebe zwischen Jakob und Jettchen erschüttert, und Jakobs Lebensweg entwickelt sich völlig anders, als er es geplant hatte.

Kommentar

Nach seiner dreiteiligen Heimat-Saga wollte der mittlerweile 81jährige Edgar Seitz eine weitere Hunsrück-Geschichte verfilmen und entschied sich für die Zeit der Auswanderungswelle um 1850. Als konkreten Auslöser für den neuen Film nannte er den Brief einer Krankenschwester aus Brasilien, den er während der Dreharbeiten zu "Heimat 3" bekam und in dem ihm die Frau mitteilte, sie habe ihn im Fernsehen gesehen und er habe große Ähnlichkeit mit ihrem Chef, der ebenfalls Reitz heiße. Daraus habe sich dann ein längerer Kontakt ergeben, der schließlich zur Filmidee führte. "Die andere Heimat" ist nur ansatzweise die Vorgeschichte zu den anderen Heimat-Filmen, da viele Orte und Plätze, die aus der Heimat-Trilogie bekannt sind und damals im Nachbardorf Woppenroth gedreht wurden, im Film nicht mehr auftauchen.Als Drehort wählte der Regisseur die Schmiede im Hunsrück-Dorf Gehlweiler, also wieder für einen echten Ort und nicht für eine reine Kulisse. Er wollte eine historisch gewachsene Ortsstruktur und keine künstlich entstandene. die Einwohner von Gehlweiler wurden vor Drehbeginn in den Entstehungsprozess des Films mit einbezogen und stimmten mit großer Mehrheit für die Umgestaltung ihres Dorfes zu einem Drehort.
14.04.2014
Grand Budapest Hotel
Filmzettel – Nummer 1041 (drucken)
Regie: Wes Anderson; Kamera: Robert D. Yeoman; Musik: Alexandre Desplat; Darsteller: Ralph Fiennes (Gustave H.), Tony Revolori (Zero), F.Murray Abraham (Mr.Moustafa), Mathieu Amalric (Serge X.), Adrien Brody (Dmitri), Willem Dafoe (Jopling), Jeff Goldblum (Kovacs), Harvey Keitel (Ludwig), Jude Law (Junger Autor), Bill Murray (M.Ivan); Länge: 100 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Gustave H. ist der legendäre Concierge des Grand Budapest Hotel im fiktiven Alpenstaat Zubrowka. In den 30er Jahren des 20.Jahrhunderst baut er eine enge Freundschaft zu einem Hotelboy namens Zero Mustafa auf, der sein engster Vertrauter und Protegé wird. Als Gustaves Geliebte, die reiche 84jährige Madame D. , in der Luxusherberge stirbt und ihm ein wertvolles Renaissance-Gemälde hinterlässt, wird dem Concierge Mord unterstellt. Er weiß sich schließlich nicht mehr anders zu helfen und flieht mitsamt dem Bild. Nun verfolgen ihn nicht nur die Verwandten der Toten - an ihrer Spitze der hinterlistige Dmitri - sondern auch Polizist Henckels und seine Leute, ganz zu schweigen von Monsieur Ivan, dem Manager des Konkurrenzhotels Excelsior Palace.

Kommentar

Seit MOONRISE KINGDOM wird mit dem Namen Wes Anderson ein unverwechselbar skurriler Regiestil verbunden, der mit diesem Film einen weiteren Höhepunkt erlebt. Mit einer kaum noch zu toppenden Star-Dichte, atemberaubenden Dekors und kunstvollen Wortgirlanden in den Dialogen wird dem Zuschauer ein staunenswerter, amüsanter, schräger und origineller Film serviert, weniger für Freunde des grenzenlosen Klamauks als eher für stille Genießer. Denn über der ganzen Handlung liegt eine feine Melancholie, der düstere Schatten des Zweiten Weltkrieges ist bereits zu spüren. Inspiriert vom literarischen Werk Stefan Zweigs geht es trotz aller vordergründigen Heiterkeit vor allem um die Tragik der menschlichen Existenz. Auch Andersens Märchen und Thomas Manns "Zauberberg" fallen einem unwillkürlich ein.Gedreht wurde der Film größtenteils in Görlitz und in den Babelsberger Studios.
07.04.2014
Das radikal Böse
Filmzettel – Nummer 1040 (drucken)
Regie: Stefan Ruzowitzky; Kamera: Patrick Pulsinger; Musik: Benedict Neuenfelds; Darsteller: Sprecher: Devid Striesow, Benno führmann, Alexander Fehling, Sebastian Urzendowsky, Nicolette Krebitz, u.a.; Länge: 96 min; Dokumentarfilm; Deutschland/Österreich 2013

Inhalt

Der österreichische Filmemacher beschäftigt sich in seinem Film-Essay mit der Frage: "Wie können aus normalen deutschen Polizisten und Soldaten Massenmörder werden, die im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront zwei Millionen jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen haben und die danach aus dem Krieg heimkehren und mit ihren eigenen Frauen und Familien weiterleben, als wäre nichts gewesen ?" Der Film basiert auf dem Buch "Ganz normale Männer" von Christopher Brown und kombiniert Elemente aus Dokumentation und Fiktion. Neben Zitaten aus Tagebüchern und Briefen der Täter werden die Stellungnahmen von Historikern und Psychologen eingeblendet und nachgestellte, kommentierte Aufnahmen verwendet.

Kommentar

In einer Zeit, in der die letzten bewussten Zeugen der Ereignisse aus der Nazi-Zeit allmählich wegsterben, wird es immer schwerer, das Thema der deutschen Gräueltaten und Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges authentisch aufzubereiten. Zu seinem Oscar-prämierten Spielfilm "Die Fälscher" aus dem Jahr 2007 gab es noch Zeitzeugen, deren Schicksal in diesem Streifen Gestalt annahm. In "Das radikal Böse" arbeitet der Regisseur überwiegend mit schriftlichen Quellen. Einzige Ausnahme ist der Besuch im ukrainischen Dorf Bibrka, wo drei überlebende Männer von der Ausrottung der gesamten jüdischen Bevölkerung berichten. Die Dokumente werden aus dem Off von versierten und z.T. bekannten Schauspielern vorgetragen. Sie sind fiktiven Spielszenen unterlegt, wo Statisten beim Baden, Fußballspielen oder Ausruhen aus sommerlichen Wiesen gezeigt werden. Genau an diesen Stellen fragt man sich, ob und warum diese harmlosen Jungmänner - im Prinzip unsere Väter und Großväter - zu all den aufgezeigten Grausamkeiten fähig waren. Vor allem den jüngeren Zuschauern soll vermittelt werden, dass wir die Verpflichtung haben dafür zu sorgen, dass sich derartige Verbrechen niemals wiederholen können.
31.03.2014
Die schöne Krista
Filmzettel – Nummer 1039 (drucken)
Regie: Antje Schneider, Carsten Waldbauer; Kamera: Carsten Waldbauer; Musik: Rainer Brüningshaus; Darsteller: Krista, die schönste Kuh Deutschlands; Länge: 93 min; Dokumentarfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Der Gewinn des Titels "Die schönste Kuh Deutschlands" verändert sowohl des Leben ihres Besitzers Jörg als auch das der Preisträgerin Krista selbst. Von nun an muss sie sich den Stall nicht mehr mit anderen Kühen teilen, sondern erhält ein Separée. Allerdings ist Krista von nun an ohnehin selten zu Hause, sondern bereits mit ihrem Besitzer Wettbewerbe in aller Welt. Das langfristige Ziel für Krista lautet: Befruchtung mit Samen allerfeinster Qualität, auf dass ein Kalb von Weltruhm entstehe. Allerdings folgt bei Krista eine Erkrankung auf die nächste, nach endlosen Arztbesuchen beginnt Jörgs Hoffnung auf Nachwuchs langsam zu schwinden. Der Film begleitet Krista und ihre Besitzer auf ihrem Weg zum perfekten Kalb und zeigt neben dem idyllischen Bauernhofidyll in Oldenburg in Holstein auch die Maschinerie, die hinter dem Geschäft mit der Zucht steht.

Kommentar

Die Filmemacher Antje Schneider und Carsten Waldbauer porträtieren das Leben der Kuh Krista über Jahre hinweg. Den Titel "Miss Holstein of Germany" bekommt Krista auf einer Veranstaltung in der Weser-Ems-Halle im niedersächsischen Oldenburg. Die Preisrichter attestieren ihr "Gut im Fundament, scharf gebaut, eine großrahmige Hoch-leistungskuh." Damit ist Kristas Nachwuchs nun weltweit gefragt, ganz gleich, ob in Form von Eizellen, Embryonen oder Kälbern, für die auf den großen Auktionen fünfstellige Summen gezahlt werden. doch irgendetwas stimmt mit Krista nicht, der Tierarzt muss kommen, es gibt Probleme, sie wird operiert und als sie endlich wieder schwanger wird, sind alle erst einmal erleichtert. Der Realismus der Darstellung - Tierarzt bei der Arbeit, Kuh beim Kalben, Alltag auf dem Bauernhof - ist ebenso faszinierend wie die beinahe familiäre Beziehung zwischen dem Viehzüchter Jörg und seinem Star. Hier geht es aber nicht um ökologische Landwirtschaft oder um subjektive Ernährungsfragen, sondern um das Überleben eines Bauern, der seine Arbeit so gut wie möglich machen möchte. Ein bisschen ländliche Idylle im Holsteinischen ist trotzdem dabei und schnell wird klar, dass Jörg seinen Hof mit Leidenschaft und Können bewirtschaftet. Dennoch reicht es kaum aus um im knallharten Business zu bestehen. Um so wichtiger ist es daher, dass Krista erfolgreich ist.
24.03.2014
Filmstadt
Filmzettel – Nummer 1038 (drucken)
Regie: Dennis Albrecht; Kamera: Guido Möller, Oliver Eckert; Musik: Georg Monninger, The Antikaroshi, Holger Naust, Florian Linckus; Darsteller: Stephanie Charlotta Kroetz (Melinda), Martin Reese (George) u.v.a.m.; Länge: 94 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

"Filmstadt" ist ein serienartig angelegter Episodenfilm über Menschen, die irgendetwas mit Medien zu tun haben. Im Mittelpunkt stehen die Schauspielerin Melinda und der Ex-Filmstudent George, die übergangslos von der "Generation Praktikum" in der "Generation Existenzangst" gelandet sind. Melinda hat ihr WG-Zimmer in Hamburg gekündigt und bricht nach Berlin auf, schafft es aber gerade mal bis zu ihrer Schwester auf dem Land. George hat keine Aufträge, jobbt in einer Videothek und trauert seiner coolen Studentenzeit hinterher. In vier Episoden kämpfen sich die beiden durch Hamburgs Film- und Fernsehwelt - ein komischer, manchmal aber auch dramatischer Parforceritt durch Friedensallee, Drogeriekettenkinos und die Soul Kitchens dieser Welt.

Kommentar

Gemäß dem Motto "Mehr gute deutsche Serien" hat der 41jährige Regisseur Dennis Albrecht auf eigene Faust einen Film produziert und gestaltet, der sich mit der heutigen Medienwelt befasst und in den er viel Biographisches aus 17 Jahren Filmgeschäft hat einfließen lassen. Er kennt selber zahlreiche talentierte junge Leute, die in der Glitzerwelt der Medien gestrandet sind und dann von der Unterhaltungsindustrie wie lästige Kerne einer Wassermelone ausgespuckt worden sind. Nach Verlegenheitsjobs, wie sie auch im Film vorkommen, arbeitet er mittlerweile als Chefbeleuchter beim NDR, wo er u.a. die Tagesshow ins richtige Licht setzt. Zahlreiche Mimen aus bekannten deutschen TV-Serien erklärten sich bereit, in "Filmstadt" mitzuwirken, wodurch das Budget in Grenzen gehalten werden konnte. Die meisten Szenen des Films wurden in Hamburg gedreht, dort, wo das Leben der Protagonisten angesiedelt ist. Und falls das Fernsehen den Plot ablehnt, gibt es ja heutzutage immer noch das Internet. Oder den Filmclub.
17.03.2014
Der Hundertjährige, ...
Filmzettel – Nummer 1037 (drucken)
Regie: Felix Herngren; Kamera: Göran Hallberg; Musik: Matti Bye; Darsteller: Robert Gustafsson (Allan Karlsson), Iwar Wiklander (Julius), David Wiberg (Benny), Mia Skäringer (Gunilla), Jens Hultén (Per-Gunnar), Lateef Lovejoy (Douglas Freeman), Donald Högberg (Professor Lundborg), Alan Ford (Pim); Länge: 114 min; Spielfilm; Schweden 2014

Inhalt

Nach einem langen und ereignisreichen Leben landet Allan Karlsson im Altenheim - wo er glaubt, dass seine Tage gezählt sind. Doch Karlsson ist immer noch bei bester Gesundheit und langweilt sich zu Tode.An seinem 100. Geburtstag beschließt er, der Ödnis des Heims zu entkommen und klettert kurzerhand aus dem Fenster. Was nun folgt, ist eine Kette unerwarteter Ereignisse, die ihn auf eine lange Reise führen. Auf dieser trifft er eine Gruppe Schwerkrimineller, findet einen Koffer voller Geld, begegnet einem Elefanten und macht Bekanntschaft mit einem absolut inkompetenten Polizisten. Dabei stellt sich heraus, dass er an einem Großteil der bedeutendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts mehr oder weniger direkt beteiligt war. Trotz seines völligen Desinteresses an Politik und Religion spielte er zum Teil tragende Rollen in Geschehnissen, welche die Welt veränderten.

Kommentar

Ganz im Sinne der gleichnamigen Romanvorlage von Jonas Jonasson, die in 38 sprachen übersetzt wurde und die sich allein in Deutschland über zwei Millionen Mal verkaufte, bringt der ellenlange Titel dieser aberwitzigen Verfilmung lediglich die Prämisse der Handlung auf den Punkt. Mit ihr beginnt eine Odyssee des dezenten Wahnsinns, bei der ein Altenheimbewohner quasi wie ein schwedischer "Forrest Gump" durch die Weltgeschichte irrlichtert. Allan Karlsson ist ein lupenreiner Pragmatiker, der immer nach der Devise handelt "Es ist, wie es ist". Der Film spielt in der Jetztzeit, doch nehmen die Rückblenden, die Allans Lebensgeschichte erzählen, einen ebenso großen Raum ein. Sie machen die gelungensten Szenen des Films aus, ein in Filmbildern daher kommender Schelmenroman. Aus der Naivität und der Unschuld seines Helden wider Willen schlägt der Film sein größtes komisches Potential. Dazu trägt ganz entscheidend Schwedens Kultkomiker Robert Gustafsson in der Titelrolle bei.
10.03.2014
Das Geheimnis der Bäume
Filmzettel – Nummer 1036 (drucken)
Regie: Luc Jacquet; Kamera: Jérome Bouvier; Musik: Eric Neveux; Darsteller: Deutscher Synchronsprecher: Bruno Ganz; Länge: 78 min; Dokumentarfilm; Frankreich 2013

Inhalt

Nicht umsonst werden die gewaltigen Ur- und Regenwälder die grüne Lunge unseres Planeten genannt. Der Film nimmt uns mit auf eine Reise zu diesem Ursprung des Daseins. Wir begleiten den Botaniker Francis Hallé und sehen, wie Bäume geboren werden, wie sie leben und wie sie sterben. Wer glaubt, Bäume seien reglos, wortlos, harmlos - der wird von diesem beeindruckenden Film überrascht sein. Auf einer nachgerade poetischen Reise werden wir auch für die Gefährdung dieses Ökosystems sensibilisiert: Sterben die Bäume, dann stirbt das gesamte Leben auf unserer Erde. Vom ersten Wachsen des Urwaldes bis hin zur einzigartigen Verbindung zwischen Pflanzen und Tieren entfalten sich nicht weniger als sieben Jahrhunderte vor den Augen des Betrachters, der Zeuge eines der größten Naturwunder wird.

Kommentar

Nach DIE REISE DER PINGUINE zeigt Oscar-Preisträger Luc Jacquet in seinem neuesten Film eine weitere faszinierende Facette der Natur. Inspiriert wurde er von dem renommierten Botaniker Francis Hallé, der zeichnend, beobachtend und staunend durch die Wälder von Peru, Gabun und Frankreich streift.Mit imposanten Kamerafahrten aus der Vogelperspektive bis in mikroskopische Details und faszinierenden Zeitrafferaufnahmen präsentiert der Film bildgewaltig und eindrucksvoll den Gesamtorganismus Wald.
03.03.2014
Twelve Years a slave
Filmzettel – Nummer 1035 (drucken)
Regie: Steve McQueen; Kamera: Scan Bobbit; Musik: Hans Zimmer; Darsteller: Chiwetel Ejiofor (Solomon Northup), Michael Faßbender (Edwin Epps), Benedict Cumberbatch (William Ford), Paul Dano (John Tibeats), Paul Giamatti (Theophilus Freeman), Brad Pitt (Samuel Bass), Kelsey Scott (Anne Northup), Lupita Nyong'o (Patsey); Länge: 134 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Saratoga, New York, um 1840. Der freie Afro-Amerikaner Solomon Northup lebt ein einfaches, aber glückliches Leben. Sein Geld verdient er als Geigenspieler. Zwei Fremde engagieren den Musiker für einen abendlichen Auftritt und laden ihn danach auf einen Drink ein. Als Solomon am nächsten Morgen erwacht, wird er in Ketten auf einem Sklavenschiff nach Louisiana verfrachtet. Er wird verkauft und muss fortan unter menschenunwürdigen Bedingungen als Sklave für mehrere "Master" arbeiten. Vor allem der grausame Plantagenbesitzer Edwin Epps macht ihm das Leben zur Hölle. Doch im zwölften Jahr seines Martyriums nimmt sein Leben noch einmal eine dramatische Wende.

Kommentar

Der ehemalige Fotograf und Video-Installationskünstler Steve McQueen (nicht zu verwechseln mit dem weißen Actionfilm-Darsteller) beschäftigt sich in seinem dritten Spielfilm mit einer auf Tatsachen beruhenden Geschichte.
Die Dreharbeiten fanden auf einer Antebellum-Plantage im Großraum New Orleans statt, wo Solomon Northup wirklich versklavt worden war. Zusätzlich wurden auch Gebäude im französischen Stadtteil von New Orleans als Drehorte benutzt. Die Filmkritik wirft dem Regisseur einerseits eine gewisse Sterilität und Emotionslosigkeit vor, andererseits wird gelobt, dass der Film mit seiner Schnörkellosigkeit das amerikanische Selbstbild als das einer Nation der Freiheit und Demokratie in Frage stelle. Die Geschichte werde so pragmatisch erzählt, dass dem Zuschauer kaum Raum für sentimentales Nachfühlen bleibe. Außerdem werde der Rahmen einer historischen Erzählung verlassen, so dass eine allgemeingültige Reflexion über den Wert von Freiheit entstehen könne.
24.02.2014
Philomena
Filmzettel – Nummer 1034 (drucken)
Regie: Stephen Frears; Kamera: Robbie Ryan; Musik: Alexandre Desplat; Darsteller: Judi Dench (Philomena), Steve Coogan (Martin Sixsmith), Sophie Kennedy Clark (die junge Philomena), Anna Maxwell Martin (Jane), Peter Hermann (Pete Olsson), Michelle Fairley (Sally Mitchell), Barbara Jefford (Schwester Hildegard), Ruth McCabe (Mutter; Länge: 98 min; Spielfilm; Großbritannien 2014

Inhalt

Die junge Philomena wuchs in den 50er Jahren in einem irischen Kloster auf. Nachdem sie infolge einer kurzen Liebelei schwanger wurde, nahmen ihr die Nonnen das Kind weg und hielten sie im Kloster als billige Arbeitskraft gefangen. Erst 50 Jahre später vertraut sie diese Geschichte ihrer deutlich später geborenen Tochter an. Diese lernt auf einer Party den arbeitslosen ehemaligen BBC-Reporter Martin kennen, der sich mit einem eigenen Buch aus seiner Lebenskrise quasi herausschreiben will. Doch zunächst interessiert ihn Philomenas Geschichte überhaupt nicht, dennoch trifft er sich mit ihr. Durch ihre persönliche Schilderung der Ereignisse ist er gerührt und begibt sich mit ihr in besagtes Kloster. Doch dort erhalten sie keinerlei Hinweise, erst im örtlichen Pub bekommen sie eine Information, die alles verändert und die sie auf der Suche nach Philomenas Sohn in die USA führt.

Kommentar

Die erschütternde Filmstory beruht auf einer wahren Begebenheit, wird aber vom Regisseur geradezu leichtfüßig und voller Humor erzählt. Da die Geschichte viel Empörungspotential in Bezug auf die katholische Kirche aufweist, geriet der Film auch sehr schnell in die entsprechende Diskussion. Während sich die eine Seite vor dem Hintergrund zahlreicher aktueller Skandale in ihrer Ablehnung der katholischen Sexualmoral bestätigt sieht, werfen die konservativen Kräfte dem Regisseur plumpen Antikatholizismus vor. Beide Sichtweisen gehen zu weit. Die eine, weil sie die die besonderen Umstände der streng katholischen irischen Nachkriegsgesellschaft vernachlässigt.
Die andere, weil sie übersieht, dass ein urchristliches Motiv am Ende die Hauptrolle spielt, das der Vergebung. Es fällt einem schwer zu entscheiden, ob man Philomena bewundern oder bemitleiden soll, aber für diese standhafte Frau, die alle Gründe zum Groll hätte, steht Vergebung an erster Stelle.
17.02.2014
Sing, Inge, sing !
Filmzettel – Nummer 1033 (drucken)
Regie: Marc Boettcher; Kamera: Oliver Staack, Manuel Piper; Musik: Inge Brandenburg u.v.a.; Darsteller: Albert Mangelsdorff, Klaus Doldinger, Max Greger, Fritz Rau, Udo Jürgens, Joy Fleming, Dusko Goykovich, Charlie Antolini, Peter Herbolzheimer, Siegfried Schmidt-Joost; Länge: 118 min; Dokumentarfilm; Deutschand 2011

Inhalt

Der Jazz in Deutschland hatte eine Stimme: Inge Brandenburg. Aufgewachsen in schwierigen Verhältnissen war sie es frühzeitig gewohnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Ende der 1950er-Jahre wurde Inge Brandenburg plötzlich als beste europäische Jazzsängerin gefeiert, vom “Time Magazine” mit Billie Holiday verglichen, von den Musikern auf Händen getragen – und ignoriert, und von der deutschen Plattenindustrie (erfolglos) auf Schlager reduziert. Inge Brandenburg: ein Frauenschicksal der 1950er- und 1960er-Jahre, in einer Zeit, in der es in Deutschland keinen Platz gab für selbstbewusste Frauen mit überregionalen Träumen, mit dramatischem Interpretationsstil und einer emanzipierten Erotik.

Kommentar

Durch den Film von Marc Boettcher wird es möglich eine große deutsche Künstlerin zu entdecken, die dem größten Teil des Publikums bis heute unbekannt geblieben ist. Ausgelöst wurde das Ganze durch den Grafikdesigner Thomas Rautenberg, der auf einem Münchner Flohmarkt ein Fotoalbum mit Bildern von Inge Brandenburg aufstöberte. Anschließend sammelte er alles über sie, was er in die Finger bekam und wandte sich schließlich an den Biopic-Produzenten Marc Boettcher, der gerade mit einer Bert-Kaempfert-Story erfolgreich gewesen war. Zusammen trugen die beiden innerhalb von vier Jahren weitere Mosaiksteine zusammen, bis das Grundkonzept des Films fertig war. Herausgekommen ist eine aufregende Collage von Interviews mit zahlreichen prominenten Künstlern und Personen der Musikszene, Wochenschau-Aufnahmen aus vier Jahrzehnten, Konzertmitschnitten und immer wieder Fotos der Inge Brandenburg ,deren besonderes und schwieriges Schicksal ganz nahe an den Betrachter herangerückt wird.
10.02.2014
Winternomaden
Filmzettel – Nummer 1032 (drucken)
Regie: Manuel von Stürler; Kamera: Camille Cottagnoud; Musik: Olivia Pedroli; Länge: 90 min; Dokumentarfilm; Schweiz 2012

Inhalt

Pascal, 53, und Carole, 28, sind Schäfer. Im November 2010 bereiten sie sich auf eine lange, winterliche Schafwanderung vor: vier Monate und 600 km durch die Westschweiz, begleitet von drei Eseln, vier Hunden und 800 Schafen. Es beginnt ein außergewöhnliches Abenteuer : tagein, tagaus Kälte und Unwetter trotzend, einzig eine Plane und Schaffelle als Schutz in den Nächten. Es ist ein Metier, das uneingeschränkte Aufmerksamkeit gegenüber der Natur, den Tieren und dem Kosmos einfordert. Auf ihrer Odyssee durch eine Region im Wandel, in welcher das Nomadenleben mit der Herde von Jahr zu Jahr schwieriger wird, gilt es vor allem das nötige Grünfutter zwischen Villen, Straßen, Geleisen und Industrieansiedlungen aufzuspüren. WINTERNOMADEN ist ein zeitgenössisches Roadmovie, das der heutigen Welt den Spiegel vorhält, uns unseren Wurzeln näher bringt und dabei grundlegende Fragen aufwirft.

Kommentar

Der 45jährige Regisseur hörte nach einer langen Reise um die halbe Welt, dass während seiner Abwesenheit eine große Schafherde vor seinem Haus am Rande einer urbanen Siedlung vorbeigezogen war. Im darauf folgenden Winter legte er sich quasi auf die Lauer und fand sie schließlich in der Nähe eines benachbarten Städtchens. In ihm stiegen die gleichen Gefühle auf, die er während seiner Reisen verspürt hatte. Mit den Schäfern entdeckte er seine Region neu und sah die in die Landschaft eindringenden Villenviertel mit andern Augen. Vor vielen Jahren erlernte sein Protagonist Pascal die Schäferei von italienischen Kollegen. Nun möchte er sein biblisches Handwerk an die junge Carola weitergeben, damit die Jahrtausende alte Tradition weitergeführt werden kann. In ganz Europa gibt es nur noch ganz wenige Menschen, welche die klassische Schäferei alter Schule beherrschen. Einer davon stammt aus Ratzeburg und lebt mit seinen Schafen nicht weit davon im mecklenburgischen Klein-Salitz.
03.02.2014
La Grande Belleza
Filmzettel – Nummer 1031 (drucken)
Regie: Paolo Sorrentino; Kamera: Luca Bigazzi; Musik: Lele Marchitelli; Darsteller: Toni Servillo (Jep Gambardella), Carlo Verdone (Romano), Sabrina Ferilli (Ramona),Iaia Forte (Trumeau), Isabella Ferrari (Orietta), Vernon Dobtcheff (Arturo), Giorgio Pasotti (Stefano),Luca Marinelli (Andrea); Länge: 142 min; Spielfilm; Italien 2013

Inhalt

Obwohl er vor mittlerweile fast 40 Jahren einen gefeierten Roman geschrieben hat, ließ der hoch angesehene Autor Jep Gambardella diesem großen Erfolg nie ein Zweitwerk folgen. Stattdessen arbeitete er als anerkannter Journalist, ließ es sich gutgehen und philosophierte vor sich hin. Doch hinter der Fassade des Lebemannes, der mit schönen Frauen schläft und auf teuren Partys feiert, steckt ein höchst desillusionierter Mann, dem die Oberflächlichkeit Roms mehr und mehr zusetzt. An seinem 65.Geburtstag, den Jep mit einer ausschweifenden Feier begeht, blickt er zurück auf sein Leben. Obwohl es ihm nie an weiblicher Gesellschaft mangelte, schweifen seine Gedanken immer wieder zurück zu seiner ersten großen Liebe, die er niemals haben konnte. Als er erfährt, dass diese Frau gerade im Sterben liegt, wird seine Wehmut noch größer. Gerne würde er wieder schreiben, um seinem Leben einen Sinn zu geben, denn ihm wird klar, dass alles vergänglich ist und dass auch er nicht ewig leben wird.

Kommentar

Ein Gesellschaftsdrama über die Wichtigkeit der Nichtigkeit - so könnte man dieses Porträt heutiger römischer Befindlichkeiten bezeichnen. Auf den Spuren seines großen Landsmannes Federico Fellini und dessen Klassikern LA DOLCE VITA und ROMA wirft Sorrentino einen tiefen Blick in die Seele der ewigen Stadt. Die Kamera schwebt und fliegt durch die Straßen von Rom, in allen möglichen und unmöglichen Perspektiven wird die Stadt von ihrer schönsten Seite eingefangen, fast schon wie in einem Werbeclip der Tourismuszentrale. Doch dahinter wird das Leben der oberen Zehntausend seziert, in Anlehnung an die berühmt-berüchtigten Gelage Silvio Berlusconis, zeitnah und provozierend. Bei aller subtilen Kritik und einer sich durch den ganzen Film ziehenden Melancholie ist LA GRANDE BELLEZA keineswegs düster, sondern eher verspielt und bunt, manchmal etwas bizarr: eine schwelgerische Ode an das Leben und die Stadt Rom.
27.01.2014
Mandela - der lange Weg zur Freiheit
Filmzettel – Nummer 1030 (drucken)
Regie: Justin Chadwick; Kamera: Lol Crawley; Musik: Alex Heffes; Darsteller: Idris Elba (Nelson Mandela), Naomi Harris (Winnie Mandela), Tony Kgoroge (Walter Sisulu), Riaad Moosa (Ahmed Kathrada), Fana Mokoena (Govan Mbeki), Zolani Mkiva (Raymond Mhlaba), Simo Magwaza (Andrew Mlangeni), Thapelo Mokoena (Elias Motsoaledi); Länge: 152 min; Spielfilm; Südafrika 2013

Inhalt

Nelson Mandela wächst in einer ländlichen Region Südafrikas auf. In seinem Land herrscht eine weiße Minderheit mit dem System der Apartheit, das Menschen anderer Hautfarbe entrechtet. Als junger Anwalt in Johannesburg schließt er sich dem ANC an, einer anfangs kleinen Gruppe, die sich dem Widerstand gegen die Apartheit verschrieben hat. In den schwarzen Townships formiert sich dieser Widerstand in den 40er Jahren immer heftiger, es folgt das Verbot des ANC und damit die Arbeit im Untergrund. Aus dem humorvollen und pfiffigen Juristen, auf den die Frauen fliegen, wird ein Verfolgter, der kaum noch Kontakte zu seiner Familie hat. Damit ist endgültig Schluss, als Mandela 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt wird, aus der er dann 1991, nach 27 langen Jahren, wieder entlassen wird. Am Ende
steht der späte Triumph des inzwischen alten Mannes - er erhält den Friedensnobelpreis und wird zum ersten schwarzen Präsidenten von Südafrika gewählt.

Kommentar

In epischer Breite lässt der Film den Zuschauer teilhaben am Leben des Volkshelden Mandela, nicht ohne auch die Schattenseiten seiner Persönlichkeit zu zeigen: die Gewalt gegenüber seiner ersten Frau und sein leichtfertiger Umgang mit der ehelichen Treue. Das wird manchmal etwas schwerfällig und langatmig erzählt, wird aber nie langweilig. Die Geschichte an sich bleibt spannend, allein die Szenen aus den 40er Jahren, wo die Menschen wegen ihrer Hautfarbe brutal unterdrückt werden, sind aufwändig gestaltet und zutiefst berührend. Trotz seiner Länge beeindruckt der Film durch seine historische Genauigkeit und die authentischen Charaktere. Auf jede effekthascherische Action wird bewusst verzichtet, so dass der berühmte Weltveränderer hiermit ein würdiges filmisches Denkmal bekommen hat.
20.01.2014
Blue Jasmine
Filmzettel – Nummer 1029 (drucken)
Regie: Woody Allen; Kamera: Javier Aguirresarobe; Musik: /; Darsteller: Cate Blanchett (Jasmine), Alec Baldwin (Hal), Charlie Tahan (Young Danny), Annie McNamara (Nora), Sally Hawkins (Ginger), Daniel Jenks (Matthew), Max Rutherford (Johnny), Andrew Dice Clay (Augie), Tammy Blanchard (Jane), Kathy Tong (Raylene), Peter S; Länge: 98 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Jasmine hat all das, was eine superreiche Amerikanerin so hat: eine Wohnung in New Yorks Park Avenue, ein Chalet in den Bergen, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Poloturniere, opulente Partys, Kleider, Schmuck - und einen entsprechenden Mann, der sie rund um die Uhr verwöhnt.Doch nachdem dieser sie betrogen hat und selber als Finanzbetrüger auf offener Straße verhaftet wird, hat Jasmine nicht nur Geld und Status verloren, sondern auch den Boden unter den Füßen. Mit blanken Nerven, mittellos und ohne wirkliche Perspektive sucht sie Unterschlupf bei ihrer in eher einfachen Verhältnissen lebenden Schwester in San Francisco. Doch sie bringt nicht nur ihren feinen Koffer mit, sondern auch ihre ganze Vergangenheit, ihre überhöhten Ansprüche, ihre Ressentiments und ihren Hang zu Alkohol und Psychopharmaka.Das kann nicht gut gehen.

Kommentar

Es gibt nur ganz wenige Regisseure, bei denen mit der Nennung ihres Namens schon alles gesagt ist. "Der neue Woody Allen" ist solch ein Effekt. In seiner sage und schreibe 43. Regiearbeit für die große Leinwand hat er wiederum großartige Schauspieler um sich versammelt, allen voran die überragende Cate Blanchett. Ein wenig erinnert der Film an den Tennessee-Williams-Klassiker "Endstation Sehnsucht", dessen Grundstruktur er auf interessante Weise aktualisiert. Auch dort besucht eine sich mondän gebende Schönheit die in einer Beziehung zu einem Proleten festsitzende Schwester und droht nach ihrem Vermögen auch ihren Verstand zu verlieren. Es geht hier wie dort um den tragischen Blues einer Frau, die ihren hysterischen Wettkampf gegen die Realität am Ende verliert.
Solange die Amerikaner die Kehrseiten ihres "way of life" noch dermaßen reflektieren können, ist ihnen unserer Respekt sicher.
13.01.2014
Alphabet
Filmzettel – Nummer 1028 (drucken)
Regie: Erwin Wagenhofer; Kamera: Erwin Wagenhofer; Musik: André Stern; Darsteller: Pablo Pineda, Gerald Hüther, Yakamoz Karakurt, Ken Robinson, Thomas Sattelberger, Andreas Schleicher, André Stern, Arno Stern; Länge: 109 min; Dokumentarfilm; Österreich 2013

Inhalt

Die Elite aus Politik und Wirtschaft hat in der Regel die besten Schulen und Universitäten besucht, doch in schwierigen Situation meist keine Lösungen anzubieten. Ist das moderne Bildungssystem an dieser Misere Schuld ? Erzieht es die Kinder lediglich dazu gut zu funktionieren , anstatt kreativ und selbständig zu denken ? Um diese These zu untersuchen befasst sich der Regisseur mit den Grundlagen des Bildungssystems, indem er Macher und Betroffene zu Wort kommen lässt. Dabei geht es ihm nicht um irgendeine Katastrophen-Dramatik, sondern um die Forderung nach der Verantwortung eines jeden Einzelnen auf diesem Gebiet. Dabei kommt er u.a. zu dem Schluss, dass sich unser Bildungssystem auch heute noch an die Ideenwelt der Industriellen Revolution anlehnt, auch wenn der Drill vielleicht fehlen mag.

Kommentar

Erwin Wagenhofer ist durch seine Dokumentarfilme WE FEED THE WORDL und LET'S MAKE MONEY bekannt geworden, in denen er Entartungserscheinungen unserer heutigen Welt anprangert. Auch das Bildungssystem gehört seiner Meinung nach in diese Kategorie, da es damals wie heute Menschen hervorbringt, die in der arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft gut funktionieren, aber keine Menschen, die einerseits kreativ und andererseits lösungsorientiert arbeiten können. Schuld daran ist laut Wagenheber das Konkurrenzdenken, welches aus der Sphäre der Wirtschaft auf den Bereich der Bildung überragen wird und die reine Erfüllung vorgegebener Normen mit sich bringt. Als Ausgangspunkt dient ihm dabei die Frage, was die Ursache der in seinen vorherigen Dokumentationen aufgezeigten Fehlentwicklungen ist. Seine z.T. erstaunlichen Kenntnisse münden in der Behauptung: " 98% aller Kinder kommen hochbegabt zur Welt. Nach Ablauf der Schulzeit sind es nur noch 2%!"
06.01.2014
Animationen - gemaltes Leben
Filmzettel – Nummer 1027 (drucken)
Regie: Shanghai Animation Film Studio; Musik: Trio Bravo+ (Mark Chaet - Violine; Giorgio Radoja - Piano; Maria Schneider - Marimba, Persussion; Bartek Mlejnek - Kontrabass); Länge: 40 min; Kompilationsfilm; China 1984

Inhalt

Trio Bravo+ präsentiert zwei preisgekrönte Animationen alter chinesischer Meister: "The Boy with three Hairs" und "The three Monks". Die beiden Geschichten genießen in China Kultstatus und werden auf eine sowohl rührende als auch vertraute Weise erzählt. Mit Sinnlichkeit und Witz, mit Tiefe und Leichtigkeit zugleich erreichen sie ihr Publikum. Die Kompositionen von Mark Chaet verleihen den Geschichten eine neue Farbe und bilden dabei ein Art Brückenschlag zwischen zwei sehr unterschiedlichen Kulturen. Die Neuvertonung der genannten Animationsfilme wurde anlässlich des 18.Macao Art Festivals im Mai 2007 von Trio Bravo + in China live uraufgeführt.

Kommentar

Da die Dauer der beiden Animationsfilme insgesamt nur 40 Minuten beträgt, wird zu Beginn ein Vorkonzert der Gruppe stattfinden, das ebenfalls etwa 40 Minuten in Anspruch nehmen wird.
30.12.2013
Lunchbox
Filmzettel – Nummer 1026 (drucken)
Regie: Ritesh Batra; Kamera: Michael Simmonds; Musik: Max Richter; Darsteller: Irrfahn Khan (Saajan Fernandes), Nimrat Kaur (Ila), Nawazuddin Siddiqui (Shaikh), Denzil Smith (Mr.Shroff), Bharati Achrekar (Mrs. Deshpande), Nakui Vaid (Rajeev); Länge: 105 min; Spielfilm; Indien 2013

Inhalt

Der mürrische Witwer Saajan steht nach 35 Jahren Bürotätigkeit im Staatsdienst kurz vor dem Ruhestand. Wie in Indien üblich, lässt er sich sein Mittagessen von einem der unzähligen Lunchbox-Kuriere Mumbais direkt an den Arbeitsplatz liefern. Eines Tages enthält sein Blechnapf anstelle des üblichen faden Menüs kulinarische Köstlichkeiten. Der Grund liegt in einer Verwechslung bei der Zustellung, der eigentliche Empfänger wäre der Ehemann der leidenschaftlichen Köchin Ila gewesen, die mit ihrem raffinierten Lunch etwas mehr Würze in das fade Eheleben bringen möchte, denn ihr Gatte zeigt sich nach Feierabend gelangweilt wie eh und je. Plötzlich gehen zwischen Ila und Saajan Zettelchen per Lunchbox hin und her. Da bahnt sich etwas an !

Kommentar

Es ist ein absolutes Meisterwerk der Logistik: Täglich liefern über 4.500 Kuriere per Rad oder Bahn rund 200.000 Lunchpakete in Mumbai aus. Die Zuverlässigkeit liegt trotz chronischem Verkehrschaos bei unglaublichen 99,99 %. Statistisch gesehen geht also nur einer von 6 Millionen Essensbehältern verloren. Und genau dieser winzige Fehler wird in der deutsch-indischen Koproduktion zum Auslöser einer märchenhaften Lovestory. Anders als in den üblichen Bollywood-Filmen, wo laute Dramen mit viel Tanz und Gesang das indische Publikum begeistern, haben es subtilere Arthouse-Filme in diesem Land immer noch schwer. Ohne entsprechende internationale Kooperation ist es bis heute fast unmöglich solche Werke zu produzieren. Entgegen naheliegender Vermutung wird die Zubereitung der köstlichen Mahlzeiten hier nicht zu einer ausufernden Kochshow. Im Mittelpunkt steht der quirlige Einsatz der Dabbawallas, was auf Hindi soviel bedeutet wie "der, der eine Box trägt".
23.12.2013
Eltern
Filmzettel – Nummer 1025 (drucken)
Regie: Robert Thalheim; Kamera: Henner Besuch; Musik: Anton Feist; Darsteller: Charly Hübner (Konrad), Christiane Paul (Christine), Alex Brendemühl (Volker), Paraschiva Draghus (Käthe), Maren Eggert (Julie), Daniela Holtz (Sigrid), Clara Lago (Isabel), Jannis Niewöhner (Jonas), Emilia Pieske (Emma); Länge: 99 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Konrad ist der scheinbar perfekte Hausmann und Familienvater. Seiner Frau Christine, die kurz vor der Beförderung zur Oberärztin steht, hält er den Rücken frei. Als Konrad eine verlockende Stelle als Theater-Regisseur angeboten bekommt, möchte er wieder ins Berufsleben zurückkehren, doch seine gesamte Familie sträubt sich dagegen. Konrad setzt sich durch und engagiert ein argentinisches Au pair - Mädchen für die beiden Töchter. Doch die sind kaum zu bändigen. Die zehnjährige Käthe ist sowieso äußerst aufsässig, bei der fünf Jahre jüngeren Emma ist gerade der Hamster gestorben. Für die nun beide berufstätigen Eltern ist die neue Situation alles andere als leicht. Als Konrad plötzlich verschwindet, um eine völlige Auszeit von der Familie zu nehmen, wissen alle, dass sich etwas Grundlegendes ändern muss.

Kommentar

Regisseur Robert Thalheim findet in seinem Film genau diesen speziellen Tonfall zwischen Wahrhaftigkeit und Komödie. Konrad und Christine sind Eltern, wie sie einem täglich in Kreuzberg begegnen. Eltern, die es gut meinen mit ihren Kindern und miteinander, deren hohe Ideale von Erziehung, Beziehung und Berufung aber gnadenlos an der Realität scheitern. Die Geschichte dieses Scheiterns und des sich wieder Aufrappelns wird in großer Nähe zu den handelnden Personen und mit ernsthaftem Interesse an ihren Problemen erzählt. Ein weiteres Highlight sind die Kinderdarsteller. Mit ihrer Sturheit und Quengelei rauben sie einem zwar den letzten Nerv, aber mit der Zeit lernt man sie dann doch zu lieben.
16.12.2013
Finsterworld
Filmzettel – Nummer 1024 (drucken)
Regie: Frauke Finsterwalder; Kamera: Markus Förderer; Musik: Michaela Mellán; Darsteller: Ronald Zehrfeld (Tom), Johannes Krisch (Einsiedler), Leonhard Scheicher (Dominik), Carla Juri (Natalie), Margit Carstensen (Frau Sandberg), Corinna Harfouch (Inga Sandberg), Sandra Hüller (Franziska), Michael Maertens (Claude Petersdorf); Länge: 91 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

In einem Deutschland, wo immer die Sonne scheint, dreht eine Dokumentarfilmerin gerade einen Film über einen vor dem Fernseher lebenden Kerl, der sich von Fertiggerichten ernährt. Ihr Mann, der Polizist Tom, fährt in ländlicher Umgebung Streife und trägt in seiner Freizeit gerne flauschige Tierkostüme. Währenddessen besucht ein Geschichts-Leistungskurs ein Konzentrationslager, wo der Lehrer seine Zöglinge mit der deutschen Vergangenheit konfrontieren will. Doch dafür interessieren sich weder der Schnösel Maximilian noch die alternative Natalie, die mit dem Außenseiter Dominik im Bus Comics liest. Als der merkt, dass seine Freundin mit seinem Erzfeind herumknutscht, haut er kurzerhand ab. Nachdem er sich beinahe in endlosen Kornfeldern verlaufen hat, wird er vom Ehepaar Inga und Peter in deren Auto mitgenommen. Die beiden empören sich fortlaufend über den allgemeinen Verfall der Gesellschaft und liefern so den Grundton des Films.

Kommentar

Der Film FINSTERWORLD verfolgt das Ziel, den Zustand der deutschen Gesellschaft auf perfide und zynische Art zu analysieren. Dafür verwendet er doppelbödige Dialoge und verwirrende Anspielungen, um schwarze Abgründe hinter einer schönen Außenfassade zu entlarven. Die episodisch angelegte Handlung, bei der die Fäden gegen Ende zusammenlaufen, versucht dem deutschen Wesen den Spiegel vorzuhalten, was anfangs auch bissig und pointiert funktioniert. Es gelingt der Regisseurin jedoch nicht, diesen Ansatz zu einem prägnanten Ende zu führen. Manche der Figuren drehen durch, andere sterben, schließlich gibt es nur noch Einsamkeit und Leere. Der Grat zwischen hochgejagter Banalität und tieferer Bedeutung ist schmal. Zwar erschafft das Edelensemble szenische Miniaturen, die unter die Haut gehen, doch dann biegt immer wieder das Triviale - oft als Metapher verkleidet - um die Ecke, z.B. als Mann im Bärenfell. Mit solchen Mitteln zu zeigen, dass Deutschland ein Land ist, in dem das Böse nach wie vor Triumphe feiert, misslingt.
09.12.2013
Der Butler
Filmzettel – Nummer 1023 (drucken)
Regie: Lee Daniels; Kamera: Andrew Dunn; Musik: Quincy Jones; Darsteller: Forest Whitaker (Cecil Gaines), Oprah Winfrey (Gloria Gaines), David Oyelowo (Louis Gaines), Mariah Carey (Hattie Pearl), John Cusack (Rcihard Nixon), Jane Fonda (Nancy Reagan), Cuba Gooding Jr. (Carter Wilson), Lenny Krawitz (James Holloway), Vanes; Länge: 130 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Nach dem Tod seiner Eltern wird der junge Schwarze Cecil Gaines vom Plantagenarbeiter zum Hausdiener befördert. Als Butler zeigt er großes Talent und landet auf Umwegen schließlich im Weißen Haus. Von 1952 bis 1986 arbeitet er im persönlichen Dienst des jeweiligen US-Präsidenten. Einige der insgesamt sieben Präsidenten fragen den schwarzen Butler sogar nach seiner Meinung. In der eigenen Familie sind seine Meinungen jedoch weniger gefragt, denn Cecils Sohn Louis lehnt den Diener-Job seines Vaters prinzipiell ab. Der junge Mann engagiert sich in der Bürgerrechtsbewegung und schließt sich später den radikalen "Black Panthers"an. Bei den Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn steht die schwer alkoholkranke Gloria ihrem Mann treu zur Seite.

Kommentar

Es geschah im Jahr 2008, als Barack Obama sich anschickte, der erste farbige Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, als ein Journalist der Washington Post auf der Suche nach einer passenden Story war. Will Haywood fand sie in der Person von Eugene Allen, einem damals 89 Jahre alten ehemaligen Butler, der von den 50er bis in die 80er Jahre im Weißen Haus gedient hatte, als Zeuge einer Zeit, in der sich die Afroamerikaner emanzipierten. Dazu gehören die Entscheidung von Eisenhower, in Little Rock mit staatlichen Mitteln die Aufhebung der Rassentrennung durchzusetzen, das Auftreten von Martin Luther King, des Ku-Klux-Klan und der Black Panther-Bewegung. Von den sieben Präsidenten dieser Zeit kommen bis auf Gerald Ford und Jimmy Carter alle im Film vor. Um bei diesem Hetzen durch die Historie nicht allzu sehr an der Oberfläche zu bleiben, projiziert Regisseur Lee Daniels das große Ganze auf den Mikrokosmos der Familie des Butlers.Der ewige Konflikt zwischen gewaltsamem Aufbegehren und Dialog, Vernunft und Geduld spielt sich zwischen Gaines und seinem Sohn Louis ab. Für diesen ist der Status eines Butlers ein Symbol für Untertänigkeit und nicht etwa für jemanden, der durch seine Präsenz im Zentrum der Macht wie ein steter Tropfen wirkt, der schließlich den Stein der Beharrung in Richtung Aufmerksamkeit und Akzeptanz aushöhlt.
02.12.2013
Exit Marrakesch
Filmzettel – Nummer 1022 (drucken)
Regie: Caroline Link; Kamera: Bella Halben; Musik: Niki Reiser; Darsteller: Ulrich Tukur (Heinrich), Samuel Schneider (Ben), Hafsia Herzi (Karima), Mourad Zaoui (Abdeslam), Josef Bierbichler (Dr.Breuer), Marie-Lou Sellem (Lea), Clara-Marie Pazzini (Hannah), Götz Schulte (Martin), Abdesslam Bouhasni (Ahmed); Länge: 122 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Ben ist hauptsächlich bei der Mutter aufgewachsen. Seinen geschiedenen Vater kennt der 17jährige Internatsschüler kaum. Jetzt soll der verschlossene junge Mann zum ersten Mal die Sommerferien mit ihm in Marokko verbringen. Denn in Marakkesch nimmt der gefeierte Theaterregisseur an einem Festival teil. Genervt vom Luxusleben seines Vaters im Touristenghetto setzt Ben sich trotzig ab, um die Stadt auf eigene Faust zu erkunden. In einer Disco begegnet er dem jungen Berbermädchen Karima, einer Dirne. Immer tiefer taucht er mit ihr in die fremde Kultur ein und verliert sich dabei im verwirrenden Labyrinth eines Liebesabenteuers. Sein Vater macht sich widerwillig auf den Weg, auf die Suche nach seinem abgetauchten Sohn, um ihn aus der Wüste zurückzuholen.

Kommentar

Regisseurin Caroline Link kehrt für ihren neuen Film nach Afrika zurück, dem Schauplatz ihres bisher größten Triumphes: den Gewinn des Oscars 2003 für den besten nicht-englischsprachigen Films mit NIRGENDWO IN AFRIKA. Dazu wechselt sie von Kenia zur Zeit des 2.Weltkrieges in das Marokko der Gegenwart. Was als hübsch fotografiertes, aber zunächst recht oberflächliches und klischeehaftes Familiendrama vor dem Hintergrund des Gegensatzes zwischen Orient und Okzident beginnt, mausert sich - vor
allem durch die guten Schauspieler - zu einer berührenden Vater und Sohn-Geschichte. Vor allem die Rolle des jungen Ben ignoriert die übliche Dramaturgie von Coming-of Age-Filmen, indem sie die Hauptfigur ins Offene, Unbekannte driften lässt.
25.11.2013
Ein Augenblick Freiheit
Filmzettel – Nummer 1021 (drucken)
Regie: Arash T. Riahi; Kamera: Michi Riebl; Musik: Karuan Marouf; Darsteller: Navid Akhavan (Ali), Pourya Mahyari (Mehrdad), Elika Bozorgi (Azy), sina Saba (Arman), Payam Madjlessi (Hassan), Behi Djanati Khalili (Kamran), Kamran Rad (Kian), Said Oveissi (Abbas), Fares Fares (Manu), Ezgi Asaroglu (Jasmin); Länge: 108 min; Spielfilm; Österreich 2007

Inhalt

Drei Flüchtlingsgruppen aus dem Iran treffen zufällig in einem Hotel in Ankara aufeinander. Sie haben alle einen beschwerlichen Marsch über die streng bewachte Grenze hinter sich, geführt von Schleusern, die man zuvor ordentlich hat schmieren müssen. Trotz unterschiedlicher Fluchtmotive und gegensätzlicher Zukunftswünsche vereint diese Menschen doch das Eine: Sie warten auf einen positiven Bescheid ihrer Asylanträge. Dieser Wunsch ist aber alles andere als leicht zu erfüllen und die Flüchtlinge werden dabei auf eine harte Probe gestellt.

Kommentar

Arash T. Riahi wurde im Iran geboren und ist als Kind mit seinen Eltern nach Österreich geflohen. Im Film verarbeitet er seine eigenen Erfahrungen und andere Flüchtlingserlebnisse. Für seinen ersten abendfüllenden Spielfilm benötigte er 14 Drehbuchfassungen, eher der Plot stand. Dadurch kommt es zu einigen Längen, zu einem endlosen Ausdehnen des Augenblicks der Freiheit. Doch das ewige Warten auf eine Entwicklung lässt mit der Zeit die Intensität verblassen. Und das ständige Springen von einem Schicksal zum anderen ermüdet einerseits und ist für den Spannungsaufbau nicht gerade förderlich. Der Einsatz des Humors mündet manchmal allzu sehr ins Groteske, wirkt gezwungen und bemüht, die depressive Grundstimmung aufzulockern. Doch das sieht der Regisseur ganz anders:" Wenn Menschen lächeln, öffnet sich ihr Kopf!" sagt er. Und:" Wenn ich ins Kino gehe, möchte ich, dass mich ein Film nicht kalt lässt, er soll möglichst viele Sinne ansprechen!"
18.11.2013
Das Mädchen Wadjda
Filmzettel – Nummer 1020 (drucken)
Regie: Haifaa Al Mansour; Kamera: Lutz Reitemeier; Musik: Max Richter; Darsteller: Reem Abdullah (Mutter), Waad Mohammed (Wadjda), Abdullrahman Al Gohani (Abdullah), Ahd (Ms.Hussa), Sultan Al Assaf (Vater), Dana Abdullilah (Salma), Rehab Ahmed (Noura), Rafa Al Danea (Fatima); Länge: 106 min; Spielfilm; Saudi-Arabien 2012

Inhalt

Die zehnjährige Wadjda ist anders als ihre Mitschülerinnen. Sie geht mit leuchtend roten Schuhen in die Schule, hört zuhause westliche Popmusik und lässt sich ihre Ansichten nicht verbieten. Am sehnlichsten aber wünscht sie sich ein Fahrrad, um ihren Freund Abdullah in einem Wettrennen zu besiegen. Das Geld versucht sie mit selbst geflochtenen Armbändern zu verdienen, mit denen sie heimlich an der Schule handelt. Doch in Saudi-Arabien dürfen Mädchen nicht Fahrradfahren, deshalb will ihre Mutter sie von ihrem Plan abbringen. Doch diese hat mit sich selber zu tun, denn ihr Mann will sich eine Zweitfrau zulegen. Dennoch gibt Wadjda nicht auf. Sie nimmt an einem Koran-Rezitations-Wettbewerb teil, um mit dem Preisgeld doch noch in den Besitz des Fahrrades zu kommen.

Kommentar

Seit den 1970er-Jahren gibt es in ganz Saudi-Arabien kein einziges Kino mehr. Eifernde Wahabiten verhindern immer wieder jeden Versuch eines zu eröffnen. In ihren Augen ist jede nichtreligiöse Kultur Sünde. Die junge Regisseurin sieht sich als Teil der allmählichen Veränderungen in ihrem Land, vor allem, was die Freiheiten von Frauen anbetrifft. Zwar hat sie sich für ihren Film mit Fachleuten aus dem Ausland zusammen getan, doch die Dreharbeiten selbst wollte sie so authentisch wie möglich gestalten. Dabei darf sie in als Frau in der Öffentlichkeit gar nicht an einem Filmset auftreten. Sie musste also bei den Außenaufnahmen aus einem Kleinbus heraus mit Monitor und Walkie-Talkie Regie führen. Sie sagt: "Zwischen Gesetz und Brauchtum gibt es viele Grauzonen. In ihren Häusern schauen sich Männer und Frauen gemeinsam Filme an, tanzen, flirten und verlieben sich. Aber sobald die Menschen auf die Straße gehen, verstecken sie ihre Persönlichkeit."
11.11.2013
Da geht noch was
Filmzettel – Nummer 1019 (drucken)
Regie: Holger Haase; Kamera: Gerhard Schirlo; Musik: Andy Groll; Darsteller: Henty Hübchen (Carl Schuster), Florian David Fitz (Conrad Schuster), Leslie Malton (Helene Schuster), Marius Haas (Jonas Schuster), Thekla Reuten (Tamara Schuster), Jamie Bick (Kim), Felix von Manteuffel (Arno), Florian Brückner (Dr.Brückner); Länge: 98 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Conrad ist fast am Ziel: Luxusbungalow im Grünen, attraktive Frau, Traumurlaub auf Goa gebucht (Sohn im Internat). Doch der Pflichtbesuch bei den Eltern in München wirft alles um. Mutter Helene erzählt beiläufig, dass sie sich von ihrem (wohlwollend gesagt) schwierigen Mann Carl getrennt hat. Mehr aus Pflichtgefühl denn aus Zuneigung verschiebt Conrad den Abflug um einen Tag und kocht dem zunehmend verwahrlosenden Vater Essen für eine Woche. Doch dann hat der einen Unfall und Conrad muss ihn versorgen. Also zieht er zusammen mit seinem Sohn Jonas bei ihm ein. Drei Männer-Generationen leben nun notgedrungen unter einem Dach, mit allem, was dazugehört.

Kommentar

Im Mittelpunkt dieses Films steht das Thema "Familie",
ein Phänomen, das heutzutage oft eher geringschätzig und abwertend behandelt wird. Dazu gehören Elemente wie der Vater-Sohn-Konflikt, die Verantwortung für gebrechliche Eltern, die Wiederholung immer Desselben durch die Generationen hindurch oder der Moment, wo man sich im besten Alter einer Lebensrevision unterziehen sollte. Das alles wird unaufdringlich komödiantisch serviert und mit tollen Schauspielerleistungen garniert. Allein der Gegensatz zwischen dem ewig grummelnden Vater und dem fieberhaft effizienten Sohn liefert dazu reichlich Material. Am Ende steht die nicht ganz so originelle Erkenntnis, dass Liebe und Familie keine Produkte sind, die man im Supermarkt kaufen kann. Immerhin !
04.11.2013
Weltfremd. Mit dem Fahrrad von Hamburg um die Welt
Filmzettel – Nummer 1018 (drucken)
Regie: Johanna Brause; Andreas Krüger; Länge: ? min; Dokumentarfilm; Deutschland 2013

Inhalt

In der Pressemitteilung der beiden Filmemacher heißt es :" 28 400 km sind wir mit unseren Fahrrädern durch 29 Länder und über vier Kontinente aus eigener Kraft gereist. Am 1.März 2011 starteten wir in Hamburg nach Osten; 13 Monate und 20 Länder später erreichten wir mit Singapur das Ende Eurasiens und flogen von dort aus weiter nach Südamerika, um in den Anden die härtesten Etappen der Tour zu erleben. Zwei Monate Nordamerika folgten, bevor wir von Spanien aus - fast genau ein halbes Jahr nach dem Start - wieder in Norddeutschland eintrafen. Wir haben Sandstürme, Regenfluten, Hunger, Hitze und Krankheiten überstanden und touren nun mit über 12 000 Fotos, etlichen Gigabyte Videomaterial und 1000 Geschichten im Gepäck durch Deutschland.

Kommentar

Wer sind nun diese beiden Radbegeisterten ? Es handelt sich zum einen um Johanna Brause, 31 Jahre, gebürtige Ratzeburgerin, und um Andreas Krüger, 44 Jahre, gebürtiger Mönchengladbacher. Sie wenden sich vor allem an all jene, die es vielleicht auch mal wagen möchten, mit dem Fahrrad um die ganze Welt zu radeln.
28.10.2013
Der Fall Wilhelm Reich
Filmzettel – Nummer 1017 (drucken)
Regie: Antonin Svoboda; Kamera: Martin Gschlacht; Musik: Bern Jungmair, Stefan Jungmair; Darsteller: Klaus Maria Brandauer (Wilhelm Reich), Julia Jentsch (Eva Reich), Jeanette Hain (Ilse Reich), Jamie Sives (Hamilton), Birgit Minichmayr (Aurora); Länge: 110 min; Spielfilm; Österreich 2012

Inhalt

Die USA Anfang der 50er Jahre. Wilhelm Reich forscht intensiv an der von ihm entwickelten Orgon-Therapie. Neben dem sog. Organ-Akkumulator, der Menschen u.a. von Unfruchtbarkeit heilen soll, entwickelt er auch einen Cloudbuster, mit dem er Regen erzeugen will. Aber dem US- Gesundheitsministerium sind seine Methoden ein Dorn im Auge. Selbst seine Tochter Eva und seine Frau Ilse verzweifeln regelmäßig an Reichs Starrköpfigkeit, denn der Wissenschaftler weigert sich einer gerichtlichen Vorladung zu folgen. Die Ermittler setzen Reichs Mitarbeiterin Aurora unter Druck, ihnen Informationen zu beschaffen. Als Reich schließlich doch vor Gericht erscheint, besteht er darauf sich selbst zu verteidigen. Der Prozess nimmt seinen unheilvollen Lauf.

Kommentar

Wilhelm Reich mag vielen noch aus der Zeit der Studentenbewegung bekannt sein, als seine Schriften "Massenpsychologie des Faschismus", "Charakteranalyse" oder "Die Funktion des Orgasmus" sehr erfolgreich als Raubdrucke an den Büchertischen in den Mensen vertrieben wurden. Das persönliche Schicksal dieses geächteten und verfolgten Wissenschaftlers war ein ganz besonderes, wobei der Film vor allem die Zeit Anfang der 50er Jahre während der McCarthy-Ära in den USA in den Mittelpunkt stellt. Die Grunddisposition in Wilhelms Reichs Leben wurde durch seinen Drang vorgegeben auf den Gebieten Psychologie, Mikrobiologie und Paraphysik eigene Gedankengebäude zu errichten, was dann fast automatisch dazu führte, dass er sich mit seinen Kollegen und sogar Lehrern überwarf. So wurde er z.B. noch als Student von Sigmund Freud an dessen Wiener Seminar für Psychlogische Therapie geholt, um 1934 dort - ohne jede sachliche Auseinandersetzung - wieder hinausgeworfen zu werden. Hauptgrund dafür waren die Forschungen Reichs auf dem Gebiet der Sexualität (Libidotheorie; Orgasmustheorie). Er vertrat bis zu seinem Tode die Ansicht, dass zahlreiche moderne Krankheiten, z.B. auch Krebs, darauf zurückzuführen seien, dass der kranke Mensch nicht dazu in der Lage war, die ihm innewohnende sexuelle Energie - von Reich ORGON genannt - adäquat aufzubauen und im Orgasmus wieder freizusetzen. Zu diesem Zweck entwickelte er den sog. "Orgonakkumulator", eine Art Faradayschen Käfig, in den man sich hineinsetzen konnte und welcher von innen metallisch und von außen mit organischem Material beschichtet war. In zahlreichen Experimenten versuchte Reich nachzuweisen, dass im Inneren des Kastens besondere Zustände herrschen (Strahlung; Temperatur), die sich mit den herkömmlichen physikalischen Theorien nicht erklären ließen. Als er 1941 Albert Einstein seine Theorien mitteilte, ließ dieser sich sogar einen solchen Akkumulator schicken um ihn zu testen. Allerdings endeten seine Untersuchungen für Reich ernüchternd . Einstein meinte, Reichs Hypothese beruhe auf einer zwar verständlichen, aber dennoch trügerischen Illusion. Ein 1955 verfügtes gerichtliches Verbot der Verwendung dieser Organ-Akkumulatoren sowie die Anordnung, diese Geräte sowie alle damit im Zusammenhang stehenden Bücher zu vernichten, wurde von Reich nicht akzeptiert. 1956 wurde er daraufhin zu einer zweijährigen Gefängnisstrafe verurteilt, er starb während der Haft am 3.November 1957. Seine Bücher wurden allesamt zu Werbeschriften für den Organ-Akkumulator erklärt und unter Aufsicht der Food and Drug Administration verbrannt. Reichs Nachlass wurde erst 2007 von der Harvard University Medical School freigegeben. Bliebe noch zu sagen, dass man den von Sigmund Freud ins Abseits gedrängten Wilhelm Reich in einem Atemzug mit anderen verfemten neuzeitlichen Aufklärern wie La Mettrie (Voltaire; Rosseau) oder Max Stirner (Marx; Engels) nennen könnte.
21.10.2013
Die Sünderin
Filmzettel – Nummer 1016 (drucken)
Regie: Willi Forst; Kamera: Václav Wich; Musik: Theo Mackeben; Darsteller: Hildegard Knef (Marina), Gustav Fröhlich (Alexander), Änne Bruck (Marinas Mutter), Robert Meyn (Marinas Stiefvater), Wera Frydtberg (Kollegin), Jochen-Wolfgang Meyn (Marinas Stiefbruder), Andreas Wolf (Arzt); Länge: 100 min; Spielfilm; Bundesrepublik Deutschland 1951

Inhalt

Marina ist schön und verführerisch. In jungen Jahren erlebt sie schlimme Dinge, so wird sie Zeugin der Ermordung ihrer Freundin;ihre Mutter betrog ihren Stiefvater, der später von der Gestapo verhaftet wurde. Mit 14 wird sie von ihrem Stiefbruder verführt, der sie zu seiner bezahlten Geliebten macht. Das ist der Anfang ihrer Karriere als Prostituierte. Anfangs gefällt ihr das luxoriöse Leben, bis sie den Maler Alexander kennenlernt . Zum ersten Mal erfährt sie echte Liebe. Doch Alexander droht wegen eines Tumors zu erblinden. Um die Operation zu finanzieren, versucht wie, wieder ihrem alten Gewerbe nachzugehen. Die beiden reisen nach Italien um Ablenkung zu finden. Doch die Operation bringt keine Heilung. Das Paar verlebt noch einige Tage in Wien. Später leistet Marina ihrem erblindeten Freund Sterbehilfe mit Schlaftabletten und begeht anschließend Selbstmord.

Kommentar

"Die Sünderin" ist Teil der bundesdeutschen Kulturgeschichte, weil er die Gesellschaft Anfang der 50er Jahre tief gespalten hat und so zum größten Skandalfilm der deutschen Nachkriegsgeschichte avancierte. Was heute auf jedem Werbeplakat in aller Öffentlich zu sehen ist und keinen mehr aufregen würde, war damals der Anlass für fast schon bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen mit Wasserwerfern, Stinkbomben und Massendemonstrationen: die nur wenige Sekunden zu sehenden Brüste der Hildegard Knef sowie der Umgang des Films mit den Themen Prostitution, Sterbehilfe und Suizid. Wer also eine Anschauung für das Ausmaß des Wertewandels in unserer Gesellschaft haben möchte, für den bietet dieser Film die beste Gelegenheit.
14.10.2013
König von Deutschland
Filmzettel – Nummer 1015 (drucken)
Regie: David Dietl; Kamera: Felix Novo de Oliveira; Musik: Francesco Wilking, Patrick Reising; Darsteller: Olli Dittrich (Thomas Müller), Veronika Ferres (Sabine Müller), Wanja Mues (Stefan Schmidt), Jonas Nay (Alexander Müller), Jella Haase (Mira), Katrin Bauerfeind (Ute), Wolfram Koch (Wolf Grimm), Stephan Grossmann (Kurt Knister); Länge: 97 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Lieblingsfarbe: blau; Lieblingsbuch: "Herr der Ringe". Um 23.04 Uhr ins Bett, um 6.18 Uhr wieder raus. Täglich vier Stunden fernsehen, 37 Minuten lesen und sich 15 Minuten mit der Ehefrau unterhalten. So sieht das Leben von Thomas Müller aus und so lebt auch der durchschnittliche Deutsche, inklusive einer eintönigen Ehe und der Verständigungsprobleme mit dem pubertierenden Sohn. Doch dann wird Thomas sein Job als Texter für die Ansagen von Navis gekündigt und urplötzlich gerät seine gesamte Welt in eine Schieflage. In diesem Moment taucht der smarte Stefan auf und bietet ihm einen Job bei der Beratungsfirma "Industries Unlimited" an. Dort muss er eigentlich gar nichts machen, außer seine Meinung zu allem und jedem abzugeben. Bis er durchschaut, was eigentlich dahinter steckt.

Kommentar

Die Kleinstadt Haßloch in Rheinland-Pfalz ist seit Jahren ein Testmarkt für neue Produkte, die von der Gesellschaft für Konsumforschung (GFK) dort exklusiv eingeführt werden. Altersdurchschnitt, Geschlechterproporz und die soziale Schichtung - alles entspricht dem bundesdeutschen Durchschnitt. Und was sich in Haßloch verkauft, verkauft sich auch deutschlandweit. Von diesem Plot geht das Drehbuch des Films wohl aus, doch leider fehlt es dann an der kritischen Würze. Einige lustige Gags und ansonsten solide Unterhaltung werden dem Thema nicht ganz gerecht. David Dietl ist der Sohn von Regisseur Helmut Dietl, der die Schickimicki-Satire ROSSINI und die Mediengroteske LATE SHOW sarkastisch-zynisch inszeniert hat. Doch davon ist in dieser Kuschelkomödie wenig zu spüren. Dem Zuschauer- Durchschnitt dürfte es trotzdem gefallen.
07.10.2013
Sein letztes Rennen
Filmzettel – Nummer 1014 (drucken)
Regie: Kilian Riedhof; Kamera: Judith Kaufmann; Musik: Peter Hinterthür; Darsteller: Dieter Hallervorden (Paul Averoff), Tatja Seibt (Margot Averhoff), Heike Makatsch (Birgit Averhoff), Heinz W. Krückeberg (Fritzchen), Frederik Lau (Tobias), Katrin Sass (Rita), Mehdi Nebbou (Gerome), Jörg Hartmann (Dr.Groenwoldt) ; Länge: 114 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Paul Averoff hatte bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne die Goldmedaille im Marathonlauf gewonnen. Er war eine Legende. Doch jetzt, im Rentenalter, müssen Paul und seine Frau Margot ins Altersheim übersiedeln. Ihre Tochter Birgit fliegt als Stewardess um die Welt und kann sich nicht um die Alten kümmern. So findet sich Paul zwischen Singekreis und Bastelstunde wieder und fühlt sich abgeschoben und nutzlos. Also holt er seine alten Laufschuhe raus und beginnt im Park seine Runden zu drehen. Anfangs schleppend und jämmerlich, aber fest entschlossen noch einmal einen Marathon zu laufen. Nach anfänglichem Zögern trainiert ihn seine Frau wieder wie damals. Natürlich erklären ihn seine Mitbewohner für verrückt, die Heimleitung will ihm sogar das Laufen verbieten. Doch dann taucht irgendwo ein Foto von Pauls legendärem Olympiasieg auf.

Kommentar

Der 1935 in Dessau und 1958 aus der DDR geflohene Komödiant Dieter Hallervorden ist vor allem durch Fernseh-Shows wie "Nonstop Nonsens" und "Hallervordens Spotlight" bekannt geworden,darüber hinaus hat er in zahlreichen Didi-Filmen mitgewirkt und das Berliner Kabarett "Die Wühlmäuse" gegründet. Mit SEIN LETZTES RENNEN stellt er unter Beweis, dass er mehr kann als Klamauk und Trara. Im Seniorensport-Outfit mit kurzer Hose, weißem Trägerhemdchen, bis zur Wade hochgezogenen Strümpfen und blauem Stirnband schimmert zwar der alte Didi noch durch, seine auch etwas tragische Rolle spielt er jedoch brillant. Die Anzahl der Spielfilme über ältere Menschen wächst im Moment fast exponentiell. Und die Zustände in manchen Altersheimen hierzulande bieten durchaus Potential für eine Komödie.
30.09.2013
Mr. Morgan's last love
Filmzettel – Nummer 1013 (drucken)
Regie: Sandra Nettelbeck; Kamera: Michael Bertl; Musik: Hans Zimmer; Darsteller: Michael Caine (Matthew Morgan), Gillian Anderson (Karen Morgan), Clémence Poésy (Pauline Laubie), Justin Kirk (Miles Morgan), Jane Alexander (Joan Morgan); Länge: 116 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Matthew Morgan kann seinem Leben nichts mehr abgewinnen. Er ist Amerikaner, aber vor einigen Jahren, kurz nach der Pensionierung, mit seiner Frau nach Paris gezogen, der Stadt ihrer Träume. Nun sitzt er in einer wunderschönen Wohnung in einer wunderschönen Stadt, deren Sprache er nie gelernt hat, und möchte am liebsten sterben. Er ist über 70, nicht mehr so richtig fit und seine Frau lebt seit einer Weile nicht mehr. Die Kinder sind in den USA, aber er will sich um keinen Preis von ihnen zurückholen lassen. Vormittags schaut eine Betreuerin vorbei, einmal in der Woche geht er mit einer Bekannten, die gerne auf Englisch Konversation betreiben möchte, Essen. Sonst ist da nichts. Bis er eines Tages im Bus auf ein junges Mädchen trifft, das er unbedingt kennenlernen möchte.

Kommentar

Ein älterer Herr, der sich in ein junges Mädchen verknallt, neben dem seine Kinder alt aussehen - das ist natürlich zunächst einmal ein Klischee, mit dem man als Filmemacherin gehörig Schiffbruch erleiden könnte. Doch Sandra Nettelbeck hatte das Glück, genau den Schauspieler zu bekommen, für den sie das Drehbuch eigentlich geschrieben hatte. So wirkt Mr.Morgan's letzter Flirt nie anzüglich, sondern eher rührend. Michael Caine spielt den alten Morgan zwar sehr verhalten, doch schimmert sein flapsiger Charme immer wieder durch, z.B. als er die Pflegekraft auflaufen lässt.
Doch abgesehen von der schauspielerischen Leistung des Hauptdarstellers gibt es auch Eintrübungen.So geht der Film etwas zu verschwenderisch mit den großen Gefühlen um: da wimmelt es von Schmerz, Verlust, väterlichem Versagen, Suizidversuchen und Hoffnung. Und es hilft wenig, dass die Filmmusik immer eine Spur zu genau weiß, was passieren wird.
23.09.2013
Der Geschmack von Apfelkernen
Filmzettel – Nummer 1012 (drucken)
Regie: Vivian Naefe; Kamera: Martin Langer; Musik: Sebastian Pille; Darsteller: Hannah Herzsprung (Iris), Florian Stetter (Max), Marie Bäumer (Inga), Meret Becker (Harriet), Paula Beer (Rosmarie), Zoe Moore (Mira), Matthias Habich (Carsten Lexow), Friedrich Mücke (Peter Klaasen), Oda Thormeyer (Christa), Sarah Horvath (Anna), Ha; Länge: 121 min; Spielfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Gemeinsam mit ihrer Mutter Christa und deren Schwestern Inga und Harriet kehrt die 28-jährige Iris nach dem Tod ihrer Großmutter in das norddeutsche Küstenstädtchen Bootshaven zurück, wo sie das Haus erbt, in dem sie aufgewachsen ist. Beim Gang durch das große Haus wird sie von den Erinnerungen an ihre Jugend überwältigt. Besonders der schreckliche Tod ihrer Cousine Rosmarie, der für sie überall präsent ist, macht ihr zu schaffen, weshalb sie es erst gar nicht erwarten kann wieder abzureisen. Doch dann trifft sie auf ihre Jugendliebe Max. Dabei begegnet sie auch dem pensionierten Lehrer Carsten Lexow, der sich allem Anschein nach um mehr als nur um das Haus gekümmert hat.

Kommentar

Die Leinwandadaption des gleichnamigen Bestsellers von Katharina Hagena erweist sich als ein wuchtig inszeniertes Familiendrama über drei Generationen hinweg. Die Handlung bewegt sich dabei zwei Stunden lang vor dem Hintergrund einer malerischen schleswig-holsteinischen Kulisse zwischen weiblicher Lebensfindung und juveniler Vergangenheitsbewältigung. Die Herausforderung, die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg bis heute zum Leben zu erwecken, haben die begnadeten Schauspieler zusammen mit der subtilen Kameraarbeit zwar erfolgreich bewerkstelligen können. Doch für den Betrachter bleibt diese Geschichte um schmerzhafte Erinnerungen, unerfüllte Sehnsüchte und eine seltsame Familienräson eher als verwunderlich denn als herzbewegend in Erinnerung, zumal der sanft-lakonische Erzählgestus der Romanvorlage zugunsten einer zwischen Hysterie und Alltäglichkeit pendelnden Bildsprache vernachlässigt wurde.
16.09.2013
Die mit dem Bauch tanzen
Filmzettel – Nummer 1011 (drucken)
Regie: Carolin Genreith; Kamera: Philipp Baben der Erde; Musik: Andreas Prescher; Länge: 80 min; Dokumentarfilm; Deutschland 2013

Inhalt

Altwerden ist hässlich. Altwerden macht Falten und Hängebrüste. Wenn Frauen in die Wechseljahre kommen, stirbt mit dem Blick in den Spiegel meist auch die Hoffnung auf ein Altern in Würde und Schönheit. Bleibt also nur noch, den Lauf der Zeit zu akzeptieren, mit dem weiten Pulli die Fettpolster zu verstecken und die neue Rolle als werdende Großmutter anzunehmen ? So denkt auch die 28jährige Filmemacherin Carolin Genreith und ist zunächst empört, als sie bei ihrer Rückkehr in die heimatliche Nordeifel das neue Hobby ihrer Mutter kennenlernt: Bauchtanz. Ihre Mutter und deren Freundinnen legen einmal in der Woche ohne Hemmungen ihre Kleider ab, ziehen sich bunte Kostüme an und werden wild. Sie lassen ihre Hüften kreisen und ihre Bäuche rollen, sehen dabei wunderschön aus und strotzen nur so vor Selbstbewusstsein. Und das in einem Alter, in dem andere Frauen sich nordic-walking-Stöcke und Bauchwegstrumpfhosen kaufen.

Kommentar

Den Begriff Bauchtanz verbindet man gemeinhin mit einer erotischen Tanzdarbietung odaliskenhafter Frauen, die sich in besonderer Kleidung, dazu gehört z.B. die Bauchfreiheit, zu den Klängen orientalischer Musik bewegen. Das Vordringen dieses Tanzes aus streng patriarchalischen Kulturen in die moderne westliche Welt hat sicherlich viel mit der feministischen Vorstellung zu tun, dass Frauen bis zum Ende ihrer Tage ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen sollten. Die Rolle als treusorgende Ehefrau oder gar als pflichtbewusste Enkeloma findet darin keinen Platz mehr. Da die alternde Frau dennoch nicht auf ihre Körperlichkeit verzichten , diese aber keinesfalls in Korrespondenz zu männlichen Wunschvorstellungen bringen möchte, bietet der Bauchtanz einen gewissen Ausweg. Gibt es dazu ein maskulines Pendant ? Mir ist jedenfalls kein passendes eingefallen.
09.09.2013
We steal secrets: Die Wikileaks-Geschichte
Filmzettel – Nummer 1010 (drucken)
Regie: Alex Gibney; Kamera: Maryse Alberti; Musik: Will Bates; Darsteller: Protagonisten: Julian Assange, Adrian Lamo, Bradley Manning, Michael Haden; Länge: 130 min; Dokumentarfilm; USA 2013

Inhalt

Julian Assange galt noch lange vor den Snowden-Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA wegen seiner Internet-Plattform WikiLeaks als der meistgesuchte Staatenlose der Welt. Mithilfe zahlreicher Insider aus dem US-Militär - hier sei vor allem der Gefreite Bradley Mannings genannt - und aus der Regierung in Washington veröffentlichte WikiLeaks geheime und teilweise schockierende Informationen, z.B. zur Kriegsführung des Weltpolizisten Nr.1 im Irak. In diesem Dokumentarfilm werden die Entwicklung und die Tragweite von WikiLeaks beleuchtet. Er wird rund um die zentralen Aspekte wie Privatsphäre,Transparenz und Wahrheitssuche aufgebaut. Dabei werden die Argumente der Geheimnisbewahrer und der Geheimnisenthüller zunächst sachlich gegenübergestellt.

Kommentar

Im Frühjahr 2010 tippt der damals 22jährige Gefreite und IT-Experte Bradley Manning folgenden Satz unter seinem Alias "bradass87" ins AOL-Charprogramm:"Wenn Du über mehr als acht Monate an sieben Tagen die Woche jeweils 14 Stunden Zugang zu als geheim eingestuften Netzwerken hättest, was würdest Du tun ?" Dann entscheidet er sich dafür, sie via WikiLeaks zu lüften: die Afghanistan-Protokolle, die Irak-Protokolle, die Botschaftsdepeschen. Und das berüchtigte Video, welches belegt, dass US-Soldaten in Bagdad wie in einem Video-Spiel aus einem Apache-Hubschrauber Zivilisten und Journalisten abknallen. Doch Mannings Tarnung fliegt auf, er wurde vor ein paar Wochen zu 35 Jahren Gefängnis verurteilt. Der Film nimmt den Standpunkt ein, dass sowohl Manning als auch Assange aufgrund ihres sexuellen Verhaltens zu Fall gebracht werden. Da sich Assange von vornherein geweigert hatte, sich für den Film interviewen zum lassen, fehlt hier natürlich ein wichtiger Baustein. Alex Gibneys nächster Film handelt übrigens ebenfalls von einem Gescheiterten: Lance Armstrong.
02.09.2013
Verborgene Welten - die Höhlen der Toten
Filmzettel – Nummer 1009 (drucken)
Regie: Norbert Vander; Kamera: Christian Howe, Carl Finkbeiner; Musik: Burkhard Maria Finke; Darsteller: Florian Huber, Christian Howe, Ulrich Kunz, Robert Marc Lehmann, Robert Schmittner (alle sich selbst); Länge: 93 min; Dokumentarfilm; Mexiko 2013

Inhalt

In der bis heute immer noch nicht voll und ganz entschlüsselten Maya-Kultur Mittelamerikas spielte das unterirdische Höhlensystem auf der Halbinsel Yucatan eine bedeutende Rolle. Ihre Religion besagte, dass Wasserlöcher und Höhlen direkt in die Unterwelt Xibalba führen, wo jede Seele nach dem Tod auf den Aufruf in den Himmel warten muss. Für heutige Höhlenforscher und Taucher ist es wohl eine der größten Herausforderungen, in dieses komplizierte System vorzudringen und es zu erkunden. Alte Opferstätten gibt es dort noch heute, konserviert tief unter Wasser. Unscheinbare Wasserlöcher führen in spektakuläre Unterwasserwelten, die den Forschern Einblicke in eine längst untergegangene Kultur gewähren. Das Höhlensystem ermöglicht sogar eine unterirdische Reise vom Urwald bis hin zum atlantischen Ozean.

Kommentar

Tier- und Naturfilmer haben es heutzutage nicht leicht, wenn sie ihr Publikum in eine andere Welt entführen wollen. Unsere Erde ist nicht nur fast bis in die letzten Winkel erforscht , sondern auch die passenden Bilder sind dank zahlloser Reportagen und Dokumentationen in den Köpfen präsent. Regisseur Norbert Vander hat in Yucatan allerdings einen Ort gefunden, der den meisten Zuschauern noch unbekannt sein dürfte. Die faszinierenden Aufnahmen sind dabei eigebettet in eine fiktive Rahmenhandlung, die sich mit den geheimnisvollen Maya-Mythen beschäftigt. Dort geht es unter anderem um die Rolle des Blutes, um Menschenopfer und um den sog. Maya-Kalender. Leider gewinnen in diesem Teil des Films Spekulationen und Sensationslust manchmal zu sehr die Oberhand.
26.08.2013
Promised Land
Filmzettel – Nummer 1008 (drucken)
Regie: Gus van Sant; Kamera: Linus Sandgren; Musik: Danny Elfman; Darsteller: Matt Damon (Steve Butler), Terry Kinney (David Churchill), Joe Coyle (Michael Downey), Hal Holbrook (Frank Yates), Dorothy Silver (Arlene), Frances McDormand (Sue Thomason), Titus Welliver (Rob), Sara Lindsey (Claire Allen); Länge: 107 min; Spielfilm; USA 2012

Inhalt

Der Begriff "Fracking" bezeichnet den Vorgang, Chemikalien in die Erde zu pumpen, damit die im Gestein eingeschlossenen Gasvorkommen durch Bohrlöcher an die Oberfläche gelangen können. Dabei besteht die Gefahr einer Verseuchung von Boden und Grundwasser. Steve Butler arbeitet für einen große US-Firma, die Naturgas auf diese Weise fördern möchte und soll die Bewohner einer Kleinstadt davon überzeugen, die Bohrrechte auf ihren Grundstücken dafür abzutreten. Da die Wirtschaftskrise in der Region ohnehin ihre Spuren hinterlassen hat, hofft Steve auf einen schnellen Abschluss. Doch da hat er die Rechnung ohne den Lehrer Frank Yates gemacht, der sich ihm mit allen Mitteln in den Weg stellt.

Kommentar

PROMISED LAND sollte die erste eigene Regiearbeit von Matt Damon werden. Doch aufgrund mangelnder Vorbereitungszeit und einiger kreativer Differenzen mit der Produktionsfirma hat er sich entschlossen, lediglich am Drehbuch mitzuarbeiten und die Hauptrolle zu übernehmen. Da jeder weiß, dass Matt Damon immer ein feiner Kerl ist und bleiben wird, läuft der Läuterungsprozess seiner Figur völlig überraschungsfrei ab. Interessant ist demgegenüber das Umfeld, in dem die Hauptperson sich bewegt. Äußerst präzise und klischeereduziert tastet der Film die sich wandelnden Lebensbedingungen und Interessen der Farmer in der amerikanischen Provinz ab. Es gehe hier nicht um eine einseitige politische Stellungnahme, betont Regisseur Gus van Sant, sondern um eine Zustandsbeschreibung der US- Wirklichkeit. Dadurch verliert der Film zwangsläufig etwas an dramaturgischem Drive. In den USA, wo politische Themen meist als Kassengift gelten, ist er durchgefallen.
19.08.2013
Before midnight
Filmzettel – Nummer 1007 (drucken)
Regie: Richard Linklater; Kamera: Christos Voudouris; Musik: Graham Reynolds; Darsteller: Ethan Hawke (Jesse), Julie Delpy (Celine), Seamus Davey-Fitzpatrick (Hank), Athina Tsangari (Ariadni), Ariane Labed (Anna), Xenia Kalogeropoulou (Natalia), Walter Lassally (Patrick), Jennifer Prior (Ella), Yannis Papadopoulos (Achilleas); Länge: 108 min; Spielfilm; USA 2013

Inhalt

Alle neun Jahre treffen sich die inzwischen 40jährigen Jesse und Celine und diskutieren über Beziehungen, die Liebe und das Leben. Nach Wien und Paris machen sie dieses Mal gemeinsamen Urlaub in Griechenland und die ausführlichen intimen Gespräche drehen sich vor allem um ihre Beziehungen zum eigenen Nachwuchs und die Angst, an dessen Leben zu wenig Teil zu haben. Auch die elementare Frage, ob man für die große Liebe sein eigenes, normales Leben hintanstellen soll, wird ausführlich und diskursiv abgehandelt. Doch als sie dann die Chance haben, zum ersten Mal seit langem eine völlig ungestörte Nacht miteinander zu verbringen, geraten sie so heftig aneinander, dass am Ende gar ihre Beziehung auf dem Spiel steht.

Kommentar

Warum brauchte es nach dem großartigen Ende von BEFORE SUNSET noch ein weiteres Sequel ? Bestand nicht die Gefahr, das wundervolle Konzept durch eine erneute Fortsetzung kaputt zu machen ? Doch der Film läuft in keiner Sekunde Gefahr, die Geschichte auch nur im Ansatz an die Wand zu fahren. Dafür sind die Dialoge zu ehrlich und lebensecht, die beiden Hauptfiguren zu faszinierend. Wie Linklater und seine Mitstreiter die Balance wahren, stets den richtigen Ton treffen, eine perfekte Mischung aus amüsanten und ernsten Momenten kreieren, ist beeindruckend. Mit größter Leichtigkeit und komplett auf inszenatorische Mätzchen verzichtend, ist BEFORE MIDNIGHT der grandiose dritte Teil einer Reihe geworden, die möglicherweise noch nicht zu Ende ist - vielleicht heißt es ja dann BEFORE TWILIGHT.
12.08.2013
BB King - The Life of Riley
Filmzettel – Nummer 1006 (drucken)
Regie: Jon Brewer; Kamera: Jeff Smart, Josh Gibson, Matt Greenham, William Mann; Musik: B.B. King; Darsteller: Demarcus Gillespie (der junge Riley B. King); Mitwirkende: Aaron Neville, Bill Wyman, Bono, Bruce Willis, Carlos Santana, Eric Clapton, George Benson, John Mayall, Leon Russell, Mick Hucknall, Mick Taylor, Morgan Freeman, Ronnie Wood, Ringo Starr, P; Länge: 119 min; Dokumentarfilm; Großbritannien 2012

Inhalt

Der "King of Blues" wurde 1925 im US-Staat Mississippi in ärmlichen Verhältnissen geboren, verlor früh seine Eltern und wuchs daher bei seinen Großeltern auf. Trotz permanenter Unterdrückung in einem rassistischen Umfeld konnte er sich zu einem der größten Musiker des 20. Jahrhunderts entwickeln. Mit zahlreichen Blues-Titeln feierte er auch international große Erfolge. Zwei Jahre lang war Regisseur John Brewer mit der Kamera hautnah dabei, während B.B. King bei Konzerten mit seiner Bühnenpräsenz beeindruckte und in ruhigeren Passagen aus seinem bewegten Leben erzählte. Dabei kommen auch zahlreiche Bewunderer und Wegbegleiter wie z.B. Bobo, Bruce Willis, Eric Clapton und sogar Präsident Obama zu Wort.

Kommentar

Im Grunde ist es ein vielschichtiger Kompilationsfilm, denn der Regisseur mischt alte und neue Interviews, hat mühevoll alte Archivaufnahmen aufgestöbert und Bilder aus der Jugend des Musikers nachinszeniert. Vor allem aber hat er eine respektable Liste von Statements zusammengetragen -von Musikerkollegen, Schauspielern und Bürgerrechtlern. Man darf dabei nicht erwarten, dass der Film die dunklen Seiten eines Megastars aufdeckt oder Geheimnisse verrät, die die Welt noch nie gehört hat. Doch etwas mehr als kritiklose Heldenverehrung wäre schon wünschenswert gewesen. Zwar werden die beiden Ehefrauen von B.B. King erwähnt, doch von seinen 15 Kindern kommt keines zu Wort.
05.08.2013
Gloria
Filmzettel – Nummer 1005 (drucken)
Regie: Sebastián Lelio; Kamera: Benjamin Echazarreta; Darsteller: Paulina Garcia (Gloria), Sergio Hernandez (Rodolfo), Diego Fontecilla (Pedro), Fabiola Zamora (Ana), Coca Guazzini (Luz), Hugo Moraga (Hugo); Länge: 110 min; Spielfilm; Chile 2013

Inhalt

Gloria ist 58 Jahre alt, geschieden und ihre Kinder sind schon aus dem Haus. Doch allein will sie ihre Tage und Nächte nicht verbringen. Dem Alter und der Einsamkeit trotzend tanzt sie voller Lebenslust auf Single-Parties und flirtet, was das Zeug hält. Als sie den sieben Jahre älteren Rodolfo kennenlernt, scheint sie endlich eine neue Liebe gefunden zu haben. Doch was leidenschaftlich und liebevoll begann, wird für Gloria bald zu einer emotionalen Achter-bahnfahrt.

Kommentar

Ein Film wie aus dem echten Leben, ohne übertriebene Dramatik, aber sehr wahrhaftig. Die Titelheldin befindet sich in der typischen Situation von Millionen Frauen zwischen 50 und 60: immer noch attraktiv und begehrenswert, dabei allein lebend - ohne dass ihre längst erwachsenen Kinder oder die Enkel sie wirklich brauchen. Auf der Suche nach eine neuen Liebe landet sie (zwangsläufig) bei einem interessanten Mann, der aber in Wirklichkeit gebunden ist und der sich nicht entscheiden kann, obwohl er immer wieder beteuert, sie über alles zu lieben. Der Regisseur wollte unbedingt einen Film über diese Frauen aus der Generation seiner Mutter drehen, wie sie unverdrossen ihre Lebensfreude erhalten. Und - ganz Südamerikaner - war es seine Wunschvorstellung, dass "Gloria etwas von der Anmut eines Bossa Nova ausstrahlen soll, also etwas von jener Poesie des Alltags, in der sich Charme und Anmut, Leichtigkeit und Melancholie, eine Prise Humor und ein wenig Herzschmerz, vor allem aber Gefühl und Mensch-lichkeit miteinander verbinden."
29.07.2013
Schimpansen
Filmzettel – Nummer 1004 (drucken)
Regie: Alastair Fothergill, Mark Linfield; Kamera: Martyn Colbeck; Musik: Nicholas Hooper; Darsteller: Oscar, Freddy u.v.a.m.; Länge: 78 min; Dokumentarfilm; Tansania 2012

Inhalt

Ein kleiner Schimpansenjunge verliert seine Mutter, was normalerweise seinen frühen Tod bedeuten würde. Aber
Oscar, so wird das Junge im Film genannt, hat Glück. Der
alternde Clan-Chef einer anderen Affenhorde nimmt sich seiner an und verhindert so, dass das Affenbaby einem sicheren Tod entgegen geht.

Kommentar

Die beiden Filmemacher Fothergill und Linfield haben schon viele erstaunliche Naturdokumentationen gedreht, darunter UNSERE ERDE. Mit ihren hochempfindlichen Kameras fangen sie einzigartiges Filmmaterial ein, wobei die Crew sich im Urwald nicht nur gegen Ameisen und Mücken zur Wehr setzen muss. Umstritten sind dabei nicht die gezeigten Bilder, sondern die dahinter präsentierte Story. Wie die Menschen fallen die konkurrierenden Horden übereinander her, die Anführer werden dabei zu regelrechten Kriegern stilisiert, auf der einen Seite agieren die Guten, auf der anderen die Aggressoren. Dieser vermutete, reichlich konstruiert wirkende Konflikt vermenschlicht die Tiere auf eine unangemessene Art und Weise. So zumindest sieht es der bekannte Primatologe Christophe Boesch, der bei den Dreharbeiten dabei war. Er behauptet, dass die ganze Geschichte von Disney erfunden wurde, um eine publikumswirksame Geschichte zu erhalten. Demgegenüber hält die Max-Planck-Forscherin Lydia Luncz, welche über zehn Jahre lang Schimpansenhorden in der Elfenbeinküste beobachtet hat, die wissenschaftliche Aussage des Films für korrekt. In einem Interview mit der Badischen Zeitung sagt sie:" Der Film zeigt die Schimpansen, wie sie noch nie zuvor in ihrem natürlichen Habitat zu sehen waren. Es ist ja keine Dokumentation, es ging der Filmcrew darum, die Geschichte flüssig und spannend zu erzählen. Und die Adoption des Affenjungen Oscar, die im Film zu sehen ist, ist genauso passiert. Das war ein unglaubliches Erlebnis.Eine Adoption in diesem Grad ist sehr selten. Dass ein erwachsenes, nicht verwandtes Männchen sich so kümmert, einen Kleinen auf dem Rücken reiten lässt, ist fast einmalig ". Doch dann schränkt sie ein:" Oscar ist etwa acht Monate nach der Adoption gestorben. Vielleicht hätte man das im Abspann des Films schreiben sollen. Woran er gestorben ist, wissen wir nicht. Er war eines Tages einfach nicht mehr bei der Gruppe." Wie dem auch sei. Der Film zeigt uns eine Spezies, die auf diesem Planeten vom Aussterben bedroht ist. Die Abholzung des Waldes und die Jagd auf Delikatessen tragen dazu bei, dass die Schimpansen-Populationen immer mehr abnehmen.
22.07.2013
Das Leben ist nichts für Feiglinge
Filmzettel – Nummer 1003 (drucken)
Regie: André Erkau; Kamera: Ngo The Chau; Musik: Steffen Kahles, Christoph Blaser; Darsteller: Wotan Wilke Möring (Markus Färber), Helen Woigk (Kim Färber), Christine Schorn (Gerlinde Färber), Frederick Lau (Alex), Rosalie Thomass (Paula), Edin Hasanovic (Franz), Philipp Baltus (Sven), Adam Bousdoukous (Kurt), Dana Cebulla (Frau Fritz); Länge: 98 min; Spielfilm; Deutschland 2012

Inhalt

Markus ist Ehemann, Familienvater und Betreiber eines erfolgreichen Catering-Unternehmens. doch dann stirbt plötzlich und unerwartet seine Frau und die heile Welt gerät aus den Fugen. Als seine 15jährig Tochter Kim die Situation zuhause nicht mehr aushält und mit ihrem Freund nach Dänemark durchbrennt, weiß Markus nicht mehr aus noch ein. Oma Gerlinde, die seit dem Tod seiner Frau für Markus sorgt, erkrankt zu allem Überfluss noch an Krebs. Um ihren Sohn nicht weiter zu belasten, lügt sie ihm vor, kurz verreisen zu müssen. So zieht Markus los um seine Tochter zu suchen. Oma Gerlinde kommt kurzerhand mit ihrer etwas flippigen Pflegerin nach.

Kommentar

Ein Todesfall gilt oft als Katalysator für das Ausbrechen lange aufgestauter Probleme. Ein typisches Erzählmuster, dass gerade im Kino gern und oft benutzt wird. Regisseur André Erkau vermeidet dabei allzu sentimentale Szenen genauso wie extreme Gefühlswallungen. Dennoch gelingen ihm höchst berührende Momente und auch rotzig-sarkastische Passagen kommen vor. So richtig in die Tiefe kann oder will er aber nicht gehen. Er erforscht weder die Vorgeschichte noch lotet er die Abgründe zwischen den Figuren aus. Was alle drei Protagonisten dazu bringt, jeder Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen - Markus redet nicht, Gerlinde verheimlicht ihre Krankheit, Kim macht sich aus dem Staub - wird nicht mal im Ansatz hinterfragt. Die hervorragenden Schauspieler entschädigen indessen für vieles.
15.07.2013
Paulette
Filmzettel – Nummer 1002 (drucken)
Regie: Jérome Enrico; Kamera: Bruno Privat; Musik: Michel Ochowiak; Darsteller: Bernadette Lafont (Paulette), Camen Maura (Maria), Dominique Lavanant (Lucienne), Francoise Bertin (Renée), André Penvern (Walter); Länge: 87 min; Spielfilm; Frankreich 2013

Inhalt

Seit ihr Mann vor 10 Jahren gestorben ist, geht es abwärts mit Paulette. Die 600 EURO - Rente reicht nicht zum Leben, nicht einmal in der trostlosen Hochhaussiedlung in den Banlieus. Die einzigen, denen es hier gut geht, scheinen die Drogendealer zu sein. Das bringt die durchaus geschäftstüchtige Rentnerin auf eine Idee. Ausgerechnet beim ungeliebten Schwiegersohn, der bei der Polizei arbeitet, verschafft sie sich einige nützliche Informationen und steigt in den Drogenhandel ein. Als sie das Haschisch zufällig mit einer Teigmasse verarbeitet, wird ihr Produkt "Afghanen-Kekse" zum absoluten Renner. Doch dann werden die Drogenbosse aufmerksam.

Kommentar

Die Idee zum Film lieferte zwar eine Zeitungsnotiz über eine ältere Dame, die Drogen verkaufte, um der Altersarmut zu entgehen. Dennoch wäre es zu hoch gegriffen, PAULETTE als einen überzeichneten Beitrag über tatsächliche soziale Probleme zu betrachten. Hier herrscht vom ersten Moment bis zum ebenso absurden wie gelungenen Happyend eine solch überdrehte Atmosphäre, dass jeder realistische Ansatz im Keim erstickt wird. Zumal Paulette und ihre Freundinnen in kaum 90 Minuten eine Geschichte durchleben, die so reich an Zwischenfällen ist, dass für eine saubere Charakterzeichnung kein Platz ist. Bleibt noch anzumerken, dass die Hauptdarstellerin, Bernadette Lafont, eine von Truffauts ersten Ikonen gewesen ist.

08.07.2013
Place beyond the Pines
Filmzettel – Nummer 1001 (drucken)
Regie: Derek Gianfrance; Kamera: Sean Bobbitt; Musik: Mike Patton; Darsteller: Ryan Gosling (Luke), Bradley Cooper (Avery Cross), Eva Mendes (Romina), Rose Byrne (Jennifer), Ray Liotta (Deluca), Emory Cohen (Jason), Dane DeHaan (AJ), Bruce Greenwood (Bill Killcullen), Ben Mendelsohn (Robin Van Der Zee); Länge: 140 min; Spielfilm; USA 2012

Inhalt

Luke, ein etwa 30jähriger Motorrad-Stuntman, der mit einer Jahrmarktsshow von Stadt zu Stadt zieht, kommt nach einem Jahr in den Ort zurück, wo er mit Romina eine Affäre hatte. Dort erfährt er, dass er mittlerweile Vater eines kleinen Sohnes geworden ist. Er beschließt, für das Kind und dessen Mutter, die einen anderen geheiratet hat, zu sorgen. Gemeinsam mit einem Freund verübt er zu diesem Zweck Banküberfälle. Als der Freund aussteigt, erhöht Luke im Alleingang das Risiko, bis sich seine Wege mit denen des ehrgeizigen jungen Polizisten Avery kreuzen. Und damit beginnt das Drama.

Kommentar

Der Film zerfällt eigentlich in die drei Teile "Luke", "Avery" und - im letzten Abschnitt - "Jason & AJ", das sind die Söhne der beiden Protagonisten. Alles ist völlig ineinander verschachtelt und gut montiert, ein beachtliches Drehbuch also. Vor der Kamera präsentiert sich eine neue Generation amerikanischer Schauspieler, allen voran Ryan Gosling. Er scheint wie geboren für die Leinwand, sein Charisma wirkt wie ein Magnet. Auf der Gegenseite steht Bradley Cooper, der seiner Figur eine introvertierte, brütende Energie verleiht, so dass die aufeinander prallenden Gegensätze ein hohes Maß an Spannung produzieren. Der Film zeigt, dass das amerikanische Erzählkino keineswegs tot ist, sondern dass diese große Tradition in einer neuen Generation weiterleben wird.
01.07.2013
Paradies: Hoffnung
Filmzettel – Nummer 1000 (drucken)
Regie: Ulrich Seidl; Kamera: Wolfgang Thaler, Ed Lachman; Darsteller: Melanie Lenz (Melanie), Joseph Lorenz (Diätarzt), Michael Thomas (Sporttrainer), Verena Lehbauer (Melanies beste Freundin), Maria Hofstätter (Anna Maria, Melanies Tante); Länge: 91 min; Spielfilm; Österreich 2012

Inhalt

Während Melanies Mutter ihren Urlaub in Kenia verbringt,
besucht das übergewichtige 13jährige Mädchen ein Diätcamp in den Bergen bei Wien. Der Alltag in dieser stillgelegten 60er-Jahre-Klinik besteht aus sportlichem Drill,rationierten Mahlzeiten und Ernährungsplänen. ZurSchlafenszeit erholen sich die dicken Kinder in ihren
mit Hochbetten zugestellten Zimmern, reden über Pubertätsprobleme, rauchen ihre ersten Zigaretten und unternehmen nächtliche Raubzüge in die Küche. Schließlich
verliebt sich Melanie in den rund vierzig Jahre älteren Arzt
und Chef der Diätklinik.

Kommentar

Ulrich Seidl wollte sein "Paradies-Projekt" ursprünglich aleinen einzigen Spielfilm mit drei Handlungssträngen anlegen. Erst in der Postproduktion entschied er sich dafür, daraus drei Filme zu machen. Die Titel erinnern an ein Drama von Ödon von Horvath (1901-1938), einen österreichisch-ungarischen Schriftsteller, der Seidl in seiner Jugend begeistert hatte.
Der Übertitel "Paradies" zielt sarkastisch auf die Hölle masochistischer Obessionen, in welche sich die drei Hauptdarstellerinnen durch ihre unlebbaren Kleinbürgerinnenträume verstricken. Doch während bei Mutter und Tante Hopfen und Malz längst verloren scheinen, steht Melanie wegen ihrer Jugend das Glück zumindest theoretisch noch offen. Inmitten eines Szenarios lustfeindlicher Disziplin und ritualisierter Demütigungen gelingen Seidl lichtdurchflutete, luftige Bilder, die dieser Hoffnung irgendwie Ausdruck verleihen.
Das Kunststück, innerhalb von weniger als 12 Monaten
auf den drei bedeutendsten A-Festivals der Welt präsent
zu sein, war bis dahin nur Krzystof Kiéslowski mit seiner
Drei-Farben-Trilogie gelungen.